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Stadt stößt Herrenküferei ab

Die Stadt Markgröningen hat sich vom ältesten Haus am Marktplatz getrennt: dem Edelrestaurant Herrenküferei. Wie es so weit kommen konnte.

Gourmettempel Herrenküferei am Markgröninger Marktplatz: Einst speisten hier die Großkopferten wie Günther Oettinger oder Bosch-Chef Franz Fehrenbach. Foto: Ramona Theiss
Gourmettempel Herrenküferei am Markgröninger Marktplatz: Einst speisten hier die Großkopferten wie Günther Oettinger oder Bosch-Chef Franz Fehrenbach. Foto: Ramona Theiss

Markgröningen. Einen Tag vor Silvester hat der Markgröninger Bürgermeister Rudolf Kürner noch einen Termin beim Notar. Beurkundet werden soll ein Geschäft, an dem Kürner fast ein Jahr lang gebastelt hat: dem Verkauf des Gourmettempels Herrenküferei. Die Gastronomenfamilie Striffler servierte hier früher dem damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger oder dem Bosch-Chef Franz Fehrenbach unter Fachwerk schwäbisch-hällisches Rind in Lembergersößle oder Hohenloher Milchkalbsbrust. Die Testesser des Feinschmeckerstandardwerks Gault Millau gaben der Herrenküferei 16 von 20 Punkten.

Vor rund zehn Jahren verabschiedeten sich die Strifflers, die aus Tamm nach Markgröningen kamen, allerdings von der Herrenküferei. Es folgte ein kurzes Gastspiel des Gastronomen Andreas Wollenzien und seiner Zwillingsschwester, ehe der Remsecker Patron Sebastian Maier übernahm. Allerdings konnten sich Maier und Kürner vor gut anderthalb Jahren weder auf eine Verlängerung der Pacht noch einen Verkauf der Herrenküferei einigen. Seitdem ist die Immobilie dicht, Maier führt jetzt das Schützenhaus in Neckarweihingen.

Die Herrenküferei in Markgröningen ist nicht in irgendeiner Immobilie untergebracht, sondern im ältesten Haus am Marktplatz, erbaut im Jahr 1414. „Da war Amerika noch längst nicht entdeckt“, sagt Kürner, der Mitte Mai in Ruhestand gehen wird. Der Immobiliendeal, so ist zu hören, bringt der klammen Stadt etwa eine Million Euro ein. Der Käufer ist offenbar kein Gastronom, sondern ein Fachwerkliebhaber, der sich aber wohl schon auf die Suche nach einem Pächter gemacht hat. Die wird wegen Corona mutmaßlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Einer, der es wissen muss, sagt unserer Zeitung: „Einen Pächter zu finden, ist gerade ein Lotteriespiel, bei diesem Haus ist es besonders schwierig.“ Seit Maiers Abschied zum Jahresende 2020 hat die Herrenküferei keine Einnahmen mehr verbucht. Auch Kürner rechnet nicht damit, dass sich in Kürze etwas tun wird. „Das Risiko, jetzt einzusteigen, ist extrem hoch“, sagt er.

Unter dem Dach des mehr als 600 Jahre alten Hauses sind auch ein Hotel und Wohnungen untergebracht. In den vergangenen Jahren hat die Eigentümerin Stadt die alte Kühlanlage für rund 200000 Euro sanieren lassen und einen neuen Herd für mehr als 60000 Euro angeschafft. Die Herrenküferei hat Markgröningen zwar Gäste aus der gesamten Region und darüber hinaus beschert – aber auch ein jährliches Defizit von etwa 70000 Euro.

Schon vor gut einem Jahr äußerte Kürner die Befürchtung, dass die schuldengeplagte Kommune mit ihrer defizitären Herrenküferei ins Visier der Gemeindeprüfungsanstalt oder des Bundes der Steuerzahler geraten könnte. „Letztlich ist es nicht unsere Aufgabe, ein hochwertiges Restaurant mit Hotel zu bezuschussen“, sagt Kürner – in dem es sich zudem nicht jeder Markgröninger leisten könne zu speisen. „Wir verkaufen hier nicht leichtfertig unser Tafelsilber.“ Allerdings sei es in der Öffentlichkeit nicht mehr länger darstellbar, wenn einerseits darüber nachgedacht werde, Kitagebühren zu erhöhen, andererseits aber Feinschmecker subventioniert werden. Daher jetzt der Verkauf, der laut Kürner auch vom Markgröninger Gemeinderat mitgetragen werden.

Zu Beginn des Verfahrens interessierten sich nach Angaben der Stadt mehr als 30 Bieter für die Herrenküferei, aus denen die Stadt acht aussichtsreiche Kandidaten auswählte. Sechs von ihnen präsentierten sich schließlich im Gemeinderat. Über die langwierigen Verhandlungen sagt Kürner unserer Zeitung: „So eine Immobilie verkauft man nicht mal eben meistbietend wie ein Reihenhaus.“

Wichtig ist ihm, dass die Stadt bei der Herrenküferei weiter die „Hand drauf hat“. Für den Käufer ist der Deal augenscheinlich an Bedingungen geknüpft: Er muss am Marktplatz dauerhaft Gastronomie in hoher Qualität und Hotelbetten anbieten. Wechsel bedürfen der Zustimmung der Stadt. Die hat sich laut Kürner ein Rückkaufsrecht in den Vertrag schreiben lassen. Er bezeichnet das Geschäft als Erfolg. Ob das alle so in Markgröningen sehen?

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