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Straßenwahlkampf mit Maske und Abstand

In den Geschäften bummeln und in der Sonne einen Kaffee trinken – das blieb am Samstag in der recht belebten Innenstadt ein Wunschtraum. Dafür gab es einen regen Austausch rund um die Stadtkirche. Dort hatten sich fünf bei der Landtagswahl antretenden Parteien mit Infoständen postiert. Auch vier Kandidaten waren vor Ort.

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Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Es lag wohl nicht nur am Bilderbuchwetter, dass die Wahlkämpfer gut drauf waren und bei allen politischen Differenzen auch freundlich-entspannt miteinander umgingen. Man hielt ein Schwätzchen und fotografierte sich gegenseitig. Die Bereitschaft der Passanten zu diskutieren und Kritik sowie Wünsche zu äußern war ebenfalls groß.

Den Wahlkampf ganz ins Netz zu verlegen war für CDU, Grüne, SPD, FDP und ÖDP nicht in Frage gekommen. Sie zeigten Präsenz, was ihnen von der Stadtverwaltung auch erlaubt worden war. „Wahlveranstaltungen sind unter Einhaltung der Hygienemaßnahmen zulässig“, hatte die Stadt im Vorfeld erklärt. Dazu gehören 1,50 Meter Abstand zu den Passanten sowie das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen. Dabei zeigte sich ein ungebrochener Trend zur Zweitmaske. Im Klartext: Über der vorgeschriebenen FFP2- oder OP-Maske wurde ein die Parteizugehörigkeit deutlich machender Mund-Nasen-Schutz aus Stoff getragen.

Flyer gibt es mit 1,50 Meter Distanz

Die Wahlkämpfer der Grünen spielten dabei auf originelle Weise mit der Abstandsregel. Der den Passanten entgegengestreckte, 1.50 Meter lange Stab mit Schnur, an deren Ende Flyer abgepflückt werden konnten, markierte in erster Linie den Abstand zueinander und sollte damit auch für Sicherheit sorgen.

„Mit dem Angeln von Stimmen habe das nichts zu tun, betonte die Kandidatin Silke Gericke. Die Ludwigsburger Stadträtin setzte dabei auf ihre Top-Themen Klimaschutz sowie Bildungsgerechtigkeit und sah hier auch ausreichenden Gesprächsbedarf. „Die Grünen verbieten nicht das Autofahren, sondern suchen nach klimaschonenden Lösungen“, sagte sie. Auch die Coronamaßnahmen waren an ihrem Stand Thema. „Viele Leute zweifeln inzwischen an den Maßnahmen“. Diese bezeichnete sie zwar als sinnvoll, aber es müsse auch an einem Stufenplan zur Öffnung gearbeitet werden.

Diesen präsentierte gleich nebenan die Ludwigsburger FDP-Stadträtin Stefanie Knecht. Sie trug dieselbe gelbe Jacke wie bei der letzten Landtagswahl 2016, als sie schon einmal kandiert hatte. Die FDP liebt es dieses Mal knallbunt und Stefanie Knecht erläuterte gleich mal den Sieben-Stufen-Öffnungsplan der FDP. Ihre Partei stehe für konstruktive Oppositionspolitik im Landtag, so Knecht. „Unsere Ziele sind gleich, aber die Wege dahin anders“, machte sie mit Blick auf ihre politischen Konkurrenten deutlich. Was sie in den persönlichen Gesprächen feststelle: Es gebe zunehmend Existenzängste und bei der Bildung gehe die Schere immer mehr auseinander. Sie erlebe derzeit viel Zuspruch, so Knecht.

Persönlicher Kontakt wird geschätzt

Der Remsecker SPD-Stadtrat und Experimentalphysiker Colin Sauerzapf will ebenfalls im künftigen Landtag den Wahlkreis Ludwigsburg vertreten. Er machte dabei vor allem auf ein Problem aufmerksam, das seiner Einschätzung nach durch die Coronamaßnahmen verschärft wurde, aber auch schon vorher da gewesen sei. Und zwar die Verwerfungen bei der sozialen Gerechtigkeit. Etwa wenn der Geldbeutel der Eltern über den Bildungserfolg der Kinder entscheide. Er zeigte zwar Verständnis für die Forderung nach Corona-Lockerungen, warnte aber auch vor einer abermaligen Überlastung der Kliniken. „Ich verstehe schon, dass viele Leute in der Bredouille sind und jetzt ein Ende der Maßnahmen fordern“, räumte Sauerzapf ein.

Dr. Andrea Wechsler wechselte an diesem Samstag zwischen verschiedenen Wahlinfoständen und machte um die Mittagszeit auch wieder in Ludwigsburg Station. „Es gibt bei den Wählern viel Gesprächsfreude und eine große Dankbarkeit, dass wir präsent sind“ so die Erfahrung der CDU-Kandidatin.

Die Professorin machte sogleich deutlich, was die Vorteile des persönlichen Austausches sind: Es werde anders als in der Anonymität des Internets in höflicher und wohlwollender Atmosphäre konstruktiv diskutiert. Ihrer Einschätzung nach gibt es bei den Menschen nach wie vor ein großes Verständnis für die Coronamaßnahmen, aber eben auch eine gewisse Erwartungshaltung, dass die Freiheiten und Öffnungen zurückkommen.

Am Samstag war auch die ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei) mit einem Stand an der Stadtkirche vertreten. Deren stellvertretender Kreisvorsitzender Gerd Bogisch überreichte nicht nur Infomaterial, sondern auch Blumensamen. Beides lag auf einem den Passanten entgegengestreckten Federballschläger.

Die Grünen hatten ebenfalls Blumensamen an der Angel und in der Papiertüte der CDU befand sich ein Pflanzstick. Auf dass es bald Frühling wird und alles grünt und blüht.

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