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Streitendes Noch-Ehepaar zofft sich auch vor Gericht

Hat er sich ihr genähert? Oder sie sich ihm? Das war die alles entscheidende Frage im Fall eines zerstrittenen Ehepaares aus Steinheim, das seinen lautstarken Zoff auch im Saal des Ludwigsburger Amtsgerichts fortsetzte – und für eine handfeste Überraschung sorgte.

Steinheim. Manchmal müssen Richter auch Familientherapeuten und Streitschlichter sein – so wie im Fall des in Scheidung lebenden Ehepaares. Die 40-jährige Ehefrau hatte ihren vier Jahre älteren Mann angezeigt, weil er an einem Nachmittag im August vergangenen Jahres auf Gleis2 des Ludwigsburger Bahnhofs das Annäherungsverbot missachtet haben soll, welches das Amtsgericht Besigheim ausgesprochen hatte: Maximal 50 Meter und nicht näher darf der arbeitslose Bauarbeiter seither seiner Noch-Ehefrau kommen. An diesem Tag, so der Staatsanwalt, habe er  die Frau nicht nur bedrängt und in die S-Bahn nach Marbach verfolgt, sondern auch bedroht: „Ich werde dich fertig machen!“, soll er gesagt haben.

Als Zeugin fasste die Frau das Geschehen an diesem Nachmittag, an dem sie gemeinsam mit ihrer Schwester auf den Zug nach Marbach gewartet hatte, so zusammen: „Er hat Scheiß über mich gelabert und er will mir die Kinder wegnehmen. Und dann will er mich mit seinem Scheiß-Anwalt umbringen!“ Der Ton war deftig, es gab Tränen, es gab Geschrei. Richterin und Verteidiger hatten Mühe, das zerfende Paar auseinanderzuhalten und ein Mindestmaß an Benehmen durchzusetzen. „Setzen Sie sich richtig hin und legen Sie das Handy weg! Sie sind hier vor einem Strafgericht!“, herrschte die Richterin den im Stuhl fläzenden Angeklagten an.

Ob vielleicht Alkohol im Spiel gewesen sei, wollte der Verteidiger des Mannes wissen. Ganz rote Augen habe er gehabt, sagte die Frau. „Ich kenn’ dich doch, wenn du besoffen bist!“, schleuderte sie dem Vater ihrer sechs Kinder entgegen und verblüffte das Gericht mit einer Neuigkeit: Kind Nummer sieben sei gerade unterwegs und komme im Mai auf die Welt. „Und wer ist der Papa?“, fragte der Verteidiger. „Na, der da!“ Und sie sei noch nie fremdgegangen.

Dass das Annäherungsverbot mindestens einmal missachtet worden war, spielte letztlich aber genauso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass das zerstrittene Ehepaar gemeinsam einkaufen und mit den Kindern spazieren gegangen war, gemeinsam gekocht und gemeinsam gegessen hatte. Es ging ausschließlich um die Frage, wer sich an dem bewussten Augustnachmittag wem genähert hatte.

Etwas Struktur in das familiäre Chaos brachte schließlich die Schwester der Ehefrau, also die Schwägerin des Angeklagten. Er habe sie beleidigt, sie habe ihn beleidigt, „wie das halt so ist beim Familienstreit“. An diesem Nachmittag sei es aber um etwas ganz anders gegangen: Um ihre Freundin nämlich, die auch behauptet habe, von ihm, dem Angeklagten, schwanger zu sein. Kurz: Der Angeklagte habe mit ihr geredet und seine Noch-Ehefrau sei dazu gekommen, nicht umgekehrt.

Dieser Ansicht konnte sich auch der Staatsanwalt anschließen und das erleichterte Gericht schickte die beiden Frauen nach Hause. Die Russisch-Dolmetscherin war schon vorher entlassen worden: Trotz allem Gezanke, war die Verhandlung problemlos auf deutsch möglich gewesen.

Einen glatten Freispruch gab es trotzdem nicht. Er hätte ja nicht zu seiner Schwägerin hingehen müssen, wenn die Frau in der Nähe ist, fand die Richterin und stellte das Verfahren wegen geringer Schuld ein.