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Stühlerücken auf der Deponie

Die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft AVL unterhält am Schwieberdinger Froschgraben Pachtverträge mit drei fremden Unternehmen. Jetzt wird sich an den Vertragsverhältnissen jedoch etwas ändern, weil die AVL die Flächen selbst braucht. Das kommt einigen nicht ungelegen.

Die Kreisdeponie Froschgraben in Schwieberdingen: Rund 3350 Tonnen Bauschutt aus Neckarwestheim sollen hier und in Vaihingen-Horrheim eingebaut werden. Foto: Holm Wolschendorf
Die Kreisdeponie Froschgraben in Schwieberdingen: Rund 3350 Tonnen Bauschutt aus Neckarwestheim sollen hier und in Vaihingen-Horrheim eingebaut werden. Foto: Holm Wolschendorf

Schwieberdingen. Auf dem höchsten Punkt der Schwieberdinger Deponie am Froschgraben thront eine Firma namens Dachpappenverwertung Süd, kurz DVS. Sie vermischt auf dem Areal unter anderem Dachpappen und Materialen wie Kunstrasen und verarbeitet sie zu Ersatzbrennstoffen, die in der Zementindustrie verwendet werden. Das Unternehmen ist schon von Weitem an seinem dreieckigen Gebäude mit dem Zeltdach zu erkennen.

Den Anliegern hat die DVS in den vergangenen Jahren immer wieder Kummer bereitet. Einmal kämpften rund 130 Feuerwehrleute stundenlang gegen Flammen auf dem Betriebsgelände, weil Abfälle in Brand geraten waren. Ein anderes Mal beschwerten sich Landwirte, weil der Wind Plastikfolienteilchen auf die umliegenden Äcker pustete.

Doch jetzt stehen die Zeichen auf Entspannung, denn die kreiseigene Abfallverwertungsgesellschaft AVL hat den Pachtvertrag mit der Firma zum 31. Dezember gekündigt. „Wir brauchen die Flächen selbst“, sagt ein Sprecher des Landrats Dietmar Allgaier – um hier spätestens ab 2023 die letzten freien Kapazitäten für unbelastete sowie gering schadstoffhaltige Abfälle (DK0) zu verfüllen.

Die DVS, so ist zu hören, hat im Stuttgarter Hafen ein neues Grundstück für ihr Geschäft gefunden. Allerdings braucht der Betrieb wohl noch Zeit, um den Umzug zu managen. „Der Betreiber hat die AVL als Verpächterin deshalb um eine kurzzeitige Verlängerung gebeten“, so der Sprecher weiter. Zwei Optionen liegen auf dem Tisch: die Verlängerung des Pachtvertrages bis zum 30. Juni 2022 oder bis 2023. Eine Entscheidung soll der AVL-Aufsichtsrat am 21. Oktober fällen. Die AVL will anscheinend nicht mit harter Hand vorgehen, sie unterhält mit der DVS seit fast 15 Jahren eine geschäftliche Beziehung.

Zur Anhörung lag der Fall am Mittwochabend auch bei der Standortgemeinde Schwieberdingen, die sich neutral gibt. Der Bürgermeister Nico Lauxmann: „Beide Optionen nehmen keinen Einfluss auf die endgültige Laufzeit der Deponie.“ Die will Schwieberdingen bekanntlich so kurz wie möglich halten, liegt bei dieser Frage jedoch über Kreuz mit der AVL. Deren Müllmanager gehen derzeit davon aus, die Deponie bis Mitte der 30er Jahre zu verfüllen.

Keine Zukunft am Froschgraben wird zudem dem Entsorgungsunternehmen Schaal + Müller beschieden, das in Schwieberdingen schlammige und staubige Abfälle annimmt. Die Aktive Bürgergemeinschaft ABG stört sich außerdem daran, dass das Unternehmen Lastwagenladungen aus anderen Teilen der Bundesrepublik in Schwieberdingen willkommen heiße. „Wir sind seit Jahren der Müllplatz der Nation“, sagt die Gemeinderätin Michaela Reinold. Sie hat daher im Rat beantragt, dass Schaal + Müller nur noch Stoffe aus dem Landkreis und der Region annehmen darf – allerdings erfolglos.

Fest steht, dass das Unternehmen spätestens bis 2025 vom Froschgraben abgezogen sein und die AVL den Pachtvertrag zum 31. Dezember 2024 gekündigt haben müsste. Dann will sie auf der Fläche mäßig belasteten Erdaushub, Bauschutt und mineralisch-gewerbliche Abfälle (DK1) einbauen. Auch hier wird der Aufsichtsrat im Oktober gefordert sein.

Die Schwieberdinger Seite scheint ein Interesse daran zu haben, dass Schaal + Müller so lange wie möglich schlammige und staubige Abfälle am Froschgraben entsorgt. Das Kalkül: Mit ihrer Anlage liefert das Unternehmen aus Ditzingen der Deponie rund 15000 Tonnen jährlich, was immerhin knapp acht Prozent der Jahresverfüllmenge entspricht und folglich nicht unerheblich ist. „Die von der AVL errechnete Restlaufzeit der Deponie würde sich bei einem Entfernen der Anlage bis Ende 2022 um circa ein Jahr verlängern“, sagte Lauxmann am Mittwochabend im Gemeinderat. Ob der Abfall nun aus Flensburg oder Schwieberdingen kommt, sei zweitrangig.

Lauxmann ist sich zudem sicher, wie sehr die AVL ein Schwieberdinger Beschluss beeindruckt hätte, wonach Schaal + Müller künftig nur noch Müll aus dem Kreis und der Region annehmen dürfe: überhaupt nicht.

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