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Tempo 50 ist in der Stadt bald Geschichte

Einstimmig haben die Stadträte im Mobilitätsausschuss dem Aktionsplan gegen Lärm zugestimmt. Damit steht den Plänen der Verwaltung, auf allen Hauptstraßen durch Ludwigsburg Tempo 40 vorzuschreiben, kaum noch etwas im Weg. Streit gab es lediglich darüber, ob man zukünftig sogar auf Tempo 30 hinarbeiten soll.

In Zukunft wohl ein typisches Bild für Ludwigsburg: Auf allen großen Hauptstraßen soll Tempo 40 kommen.Archivfoto: Andreas Becker
In Zukunft wohl ein typisches Bild für Ludwigsburg: Auf allen großen Hauptstraßen soll Tempo 40 kommen. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Was haben die Stadträte entschieden? Auf den Durchgangsstraßen in Ludwigsburg soll künftig Tempo 40 gelten. Auf Teilen der Friedrichstraße und der B27 ist das heute schon der Fall. In Zukunft soll die Tempobeschränkung auf der kompletten innerstädtischen B27, aber auch der kompletten Friedrich-, der Marbacher-, der Schwieberdinger- und der Schorndorfer Straße sowie der Robert-Franck-Allee und der Aldinger Straße gelten. In der Innenstadt sollen letzte ohne Tempolimit verbliebene Straßen eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 30 Kilometer in der Stunde bekommen. Darunter sind die Leonberger Straße, die Mathildenstraße oder die komplette Abelstraße.

Gab es Änderungen zum Vorschlag der Verwaltung? Ja. Die Fraktionen hatten verschiedene Änderungsanträge. Die SPD (Margit Liepins) beantragte, auch die Wilhelmstraße sofort in die Pläne für Tempo 30 reinzunehmen. Fast alle Stadträte waren dafür. Dagegen scheiterte Silke Gericke (Grüne) mit ihrem Vorschlag, in der August-Bebel-Straße, der Kurfürstenstraße und der Martin-Luther-Straße ebenfalls Tempo 30 vorzuschreiben. CDU und Freie Wähler waren dagegen. Nach den Plänen der Stadt soll in diesen Straßen künftig Tempo 40 gelten. Die beiden bürgerlichen Fraktionen verhinderten auch, dass die Verwaltung den Auftrag bekam zu prüfen, ob mittel- bis langfristig ein Tempo-30-Gebot für die komplette Stadt möglich wäre. Das sei ein unnötiger Planungsaufwand und würde den Busverkehr zu sehr verlangsamen, so Armin Klotz (CDU) und Andreas Rotacker (Freie Wähler).

Warum sind die Tempolimits nötig? Die Tempolimits sind ein Schritt gegen die Lärmbelastung von Bürgern, die an stark befahrenen Straßen leben. Noch immer werden in Ludwigsburg gut 1000 Menschen sehr stark durch Verkehrslärm belastet. Fast 20000 wohnen in mäßig bis stark belasteten Zonen. Lärm gilt als gesundheitsgefährdend. Daher muss die Stadt handeln.

Sind nach Umsetzung der Tempolimits alle Anwohner vor Lärm geschützt? Nein. Von den Tempolimits profitieren nur einige Menschen. Tempo 40 an allen Hauptverkehrsstraßen vermindert die Anzahl von sehr stark belasteten Bürgern von etwa 1000 auf 600. Tempo 30 würde ihre Zahl weiter reduzieren. Auf etwa 400. Schon jetzt ist klar, dass weitere Schritte notwendig sind, um die Menschen besser zu schützen – etwa Lärmschutzfenster. Wollte man alle betroffenen Ludwigsburger vor Lärm beschützen, müsste der Autoverkehr in der Stadt auf zehn Prozent des heutigen Stands eingeschränkt werden, so Gerhard Ressler vom Fachbereich Stadtplanung und Vermessung.

Entsteht durch die Entscheidung nicht ein Geschwindigkeiten-Flickenteppich samt Schilderwald? Doch, das wird so kommen. Auch viele Stadträte äußerten ihre Sorgen darüber. Gerhard Ressler konnte sie da nicht beruhigen. „Der Schilderwald ist notwendig.“ An jeder Einmündung auf die Hauptverkehrsstraßen müssen in Zukunft Tempo-40-Schilder aufgestellt werden. Denn die sogenannte Regelrichtgeschwindigkeit ist in deutschen Städten weiterhin Tempo 50, auch wenn das in Zukunft, außer in einigen Gewerbegebieten, praktisch nirgendwo mehr in der Stadt gefahren werden darf. Beim Städtetag gebe es aber erste Initiativen, die eine Umkehr der Verkehrsplanung in den Städten fordern. Die Idee: Überall soll Tempo 30 gelten, die Ausnahmen davon sollen ausgeschildert werden.

Wie sieht der Zeitplan aus? Mit der endgültigen Entscheidung könnte es schnell gehen. Noch diesen Winter sollen die Pläne offengelegt und die Stellungnahmen von allen Betroffenen – auch den Bürgern – eingeholt werden. Im März soll im Gemeinderat der endgültige Beschluss fallen. Dann geht es an die Umsetzung. Doch genau darin liegt das Problem. Die Verwirklichung der Pläne wird Millionen von Euro kosten und mehrere Jahre dauern. Geld ist in der Coronakrise sowieso knapp und nur mit dem Aufstellen von ein paar Schildern ist es nicht getan. Der Verkehr in Ludwigsburg ist mittlerweile ein hochkomplexes System, das über einen teuren Verkehrsrechner gesteuert wird. Jede Veränderung auf den Hauptachsen – Geschwindigkeit, Ampelphasen, Verkehrsmengen – hat einen Einfluss auf das gesamte Verkehrssystem in der Stadt. Die einzelnen Tempolimits sollen daher abhängig von der Finanzlage, gestreckt über mehrere Jahre, verwirklicht werden.

Wird der Verkehrslärm immer schlimmer? Nein. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen Jahren ist schon viel geschehen, seit 2007 arbeitet die Verwaltung mit Lärmaktionsplänen. Vor knapp acht Jahren galten noch fast 2000 Menschen in Ludwigsburg als stark durch Verkehrslärm belastet. Ihre Zahl konnte durch die bisherigen Entscheidungen also schon halbiert werden. Gleichzeitig wurden die Grenzwerte für Lärmbelastung von der EU in der Zwischenzeit – auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, so Ressler – weiter herabgesetzt. Auch der technische Fortschritt trägt dazu bei, dass Autos immer leiser werden.

Welche Probleme sehen Verwaltung und Stadträte trotz der Fortschritte? Grünen-Stadtrat Michael Vierling sieht ein Problem in lauten Motorrädern und extra lauten Autos, gegen die Geschwindigkeitsbeschränkungen nicht viel bringen. Armin Klotz (CDU) wünscht sich klare Geschwindigkeitsregelungen, die auch für einige Jahre Bestand haben. „Kontrollen sind das A und O“, so Andreas Rothacker von den Freien Wählern. Das sehen auch die Verwaltung und andere Stadträte so. Die vorgeschriebene Geschwindigkeit und die tatsächlich gefahrene lägen leider zu oft weit auseinander, so Gerhard Ressler. Margit Liepins (SPD) fragt sich, wie die Grenzwerte überhaupt je eingehalten werden können, wenn über Geschwindigkeitsbegrenzungen und Flüsterasphalt eigentlich schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden.

Ist der Busverkehr von den Veränderungen betroffen? Ja, die Auswirkungen der Tempolimits, vor allem von Tempo 30, auf Busse und Fahrpläne müssen aber noch untersucht werden. Daher wollte die Stadtverwaltung mit der Wilhelmstraße auch noch warten. Dort fahren täglich 1500 Busse durch. Tempo 30 in der Wilhelmstraße steht aber schon länger im Raum, daher ärgerte sich Margit Liepins auch darüber, dass die Frage nach den Bussen nicht längst geklärt wurde.

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