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Trosts Aufholjagd in der Kernstadt

Haben den zweiten Wahlgang unter sich ausgemacht (von links): Tobias Möhle, Jan Trost und Timo Jung: Auf die drei weiteren Kandidaten Dennis Rickert, Ulrich Raisch und Ruben Hauptfleisch entfielen insgesamt lediglich 39 Stimmen. Foto: Holm Wolschendo
Haben den zweiten Wahlgang unter sich ausgemacht (von links): Tobias Möhle, Jan Trost und Timo Jung: Auf die drei weiteren Kandidaten Dennis Rickert, Ulrich Raisch und Ruben Hauptfleisch entfielen insgesamt lediglich 39 Stimmen. Foto: Holm Wolschendo
Am Tag nach einer Wahl genießen die Sieger ihren Erfolg, die Verlierer lecken ihre Wunden. Der Tag nach einer Wahl gehört aber auch der Analyse, und da hat die Bürgermeisterwahl vom Sonntag doch einige Erkenntnisse zu bieten.

Marbach. Vergleicht man die Abstimmungsergebnisse in den einzelnen Wahllokalen und stellt ersten und zweiten Wahlgang gegenüber, so zeigt sich eines mit ziemlicher Deutlichkeit: Die meisten der Stimmen, die der Rielingshäuser Tobias Möhle vorgestern verloren hat, gingen an Amtsinhaber Jan Trost und nicht an den Herausforderer Timo Jung. Das schwächt die These, dass Möhle-Wähler einen Wechsel wollten, und stärkt den Eindruck, dass all jene, denen klar war, dass Möhle nicht gewinnen kann, dann doch auf den bisherigen Bürgermeister setzten.

Beispielhaft ist da etwa der Wahlbezirk Rathaus in Marbach, einer, in dem Trost sehr wenig Zuspruch fand. Im ersten Wahlgang erzielte er hier 25,7 Prozent, im zweiten aber 35,4, während Möhle von 21,9 auf 11,2 Prozent absackte; Timo Jung konnte allerdings auch um rund sechs Prozent zulegen. Beispiel Stadtbücherei: Jan Trost verbesserte auch hier sein Ergebnis um rund zehn Prozent, Möhle verlor fast sieben Prozent der Stimmen.

Betrachtet man nur die zehn Wahllokale in der Kernstadt Marbach, so hatte Timo Jung in sechs davon die Nase vorn. Der 31-jährige Stuttgarter holte alle Innenstadtwahlbezirke, dazu den Bezirk Südstern-Kindgarten 2 (Marbach Süd). Eine sichere Bank war dagegen für Jan Trost das östliche Marbacher Stadtgebiet mit den zwei Wahllokalen im Ahorn-Kindergarten; hier lag der Amtsinhaber in beiden Wahlgängen klar vor seinem Herausforderer. Doch auch wenn Jung in der Kernstadt besser war als Jan Trost, so gelang es dem 45-Jährigen, den Abstand auf Jung zu verringern; zudem drehte Trost bei den Briefwählern das Ergebnis: Im ersten Wahlgang ging nur einer der vier Briefwahlbezirke an ihn, im zweiten Wahlgang alle.

Dies und ein jeweils klarer Sieg im Hörnle und in Rielingshausen ebneten dem Amtsinhaber den Weg zum Erfolg mit 47,3 Prozent. Im Hörnle baute Trost sein Ergebnis von 49,2 auf 59,2 Prozent aus; einen so großen Stimmanteil holte er sonst nirgendwo. Offensichtlich wurden damit die in den letzten Jahren verwirklichten Modernisierungsmaßnahmen in der Siedlung honoriert. Und auch die Entwicklung, die Rielingshausen in den vergangenen Jahren genommen hat, fand offenkundig ihren Niederschlag im Wahlergebnis und bedeutete einen Bonus für den Amtsinhaber. Während Lokalmatador Möhle zwischen zwei und zehn Prozent in den drei Rielingshäuser Wahllokalen verlor, legte Trost im Schnitt um rund zwölf Prozent zu. Timo Jung, für den der Teilort schon im ersten Wahlgang ein schwieriges Pflaster war, hielt sein Ergebnis in etwa.

Der Herausforderer meldete sich noch am Wahlabend auf seiner Facebookseite zu Wort, gestand seine Enttäuschung und gratulierte Jan Trost zu dessen Wahlsieg. In den Kommentaren überwog der Glückwunsch zu einem couragierten Wahlkampf, unter anderem vom Murrer SPD-Bundestagskandidaten Thomas Utz. Denn auch wenn Jung stets seine Überparteilichkeit betonte, er hat das SPD-Parteibuch, was ihm vor der Wahl unter anderem auch den Zuspruch des Kreisvorsitzenden Macit Karaahmetoglu einbrachte. Mit dem Satz „Bedanken Sie sich bei Ihren Genossen im Stadtrat, die Ihre Wahl erfolgreich verhindert haben“ ging ein anderer Kommentar auf den Umstand ein, dass vier der sechs SPD-Stadträte Jan Trost unterstützt hatten, während zwei Sozialdemokraten sowie CDU und Grüne im Gemeinderat auf der Seite Jungs standen.

Die Marbacher Grünen gratulierten auf ihrer Facebookseite artig Jan Trost, schrieben aber auch: „Dass ein so junger Herausforderer unter so schwierigen Coronabedingungen fast gewonnen hätte, zeigt allerdings auch, dass es eine substanzielle Unzufriedenheit mit dem Amtsinhaber in der Stadt gibt. Ein ‚weiter so’ kann es nicht geben.“

Jan Trost bedankte sich gestern Nachmittag auf Facebook bei seinen Wählern und betonte, es sei ihm „besonders wichtig ist, dass ich in den kommenden Jahren auch das Vertrauen der Mitbürgerinnen und Mitbürger gewinne, die mich nicht gewählt haben.“