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Trotz zweiter Corona-Welle: Verdi will in Kliniken streiken

Landrat Dietmar Allgaier zeigt „kein Verständnis“, Kliniken-Chef Jörg Martin warnt, dass die „ausreichende Notfallversorgung“ seiner Patienten „sehr schwierig“ werden könnte: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will die RKH-Krankenhäuser in Bietigheim, Ludwigsburg und Markgröningen am Dienstag und Mittwoch massiv bestreiken.

Auch im Kreis wird es morgen – wie hier in Potsdam – zu Streiks an den Kliniken kommen. Foto: Fabian Sommer/dpa
Auch im Kreis wird es morgen – wie hier in Potsdam – zu Streiks an den Kliniken kommen. Foto: Fabian Sommer/dpa

Ludwigsburg. Die Zahl der Corona-Infektionen ist zuletzt steil angestiegen, der Landkreis gilt seit voriger Wochen mit Sieben-Tage-Inzidenzen bis nahe an die 80 als – so Landrat Allgaier – „Hochrisikogebiet“. Trotzdem will die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi das Pflegepersonal in den drei kommunalen Kliniken im Landkreis morgen und am Mittwoch zu Warnstreiks aufrufen.

Ausstand auch in Risikobereichen

Und zwar zu Warnstreiks, die nicht nur Nadelstiche setzen sollen. Morgen werden beispielsweise Operationssäle und Anästhesie in Ludwigsburg in den Arbeitskampf einbezogen, am Mittwoch will Verdi die Situation dann weiter eskalieren und auch etliche Stationen bestreiken – darunter in Ludwigsburg etwa die zentrale Schlaganfallstation und eine Station für schwerstkranke Querschnittsgelähmte, die besonderer Pflege bedürfen. Auch das Pflegepersonal der Aufnahme- und Isolierstation soll am Mittwoch die Arbeit niederlegen. Dort warten täglich etwa 25 Patienten der Notfallaufnahme, die stationär aufgenommen werden müssen, vor ihrer Überstellung in die jeweilige Fachabteilung unter anderem auf einen Coronatest. Die angekündigten Warnstreiks auch in den sensiblen Bereichen bedeuten, dass die RKH Normalstationen wird herunterfahren müssen, um Personal von dort für die Versorgung auch in den Risikostationen abstellen zu können.

Die bisher von der Arbeitgeberseite angebotene „minimale Aufwertung der Pflegeberufe“ bleibe „meilenweit hinter allen Notwendigkeiten und Forderungen aus Politik und Gesellschaft zurück“, rechtfertigt Irene Gölz, Verdi-Landesfachbereichsleiterin für das Gesundheitswesen, die Warnstreiks. Vor der nächsten Verhandlungsrunde am Donnerstag und Freitag müsse die Gewerkschaft daher „nachlegen“, ergänzt Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross.

Deutlich mehr Patienten an einem Tag

Marc Kappler, der die Aktionen von Verdi im Kreis Ludwigsburg leitet, spricht von einem „Arbeitskampf mit Augenmaß“, der den Arbeitnehmern aufgezwungen werde und die Coronasituation sehr wohl berücksichtige. Denn gerade das Pflegepersonal, das die erste Coronawelle im Frühjahr unter größten Anstrengungen bewältigt habe, sei besonders streikbereit: „Die Kolleginnen und Kollegen sind nicht mehr dazu bereit, jetzt zu unveränderten Bedingung in die zweite Welle geschickt zu werden. Wir müssen da niemanden zum Streik aufrufen, die Leute kommen von alleine“, so der Gewerkschaftssekretär. Verdi wolle bewusst ein Zeichen setzen, bevor die zweite Welle auch auf den Intensivstationen ankomme.

Das ist allerdings bereits der Fall. Im Klinikum Ludwigsburg wurden gestern 16 Coronapatienten behandelt, davon elf auf der Normalstation, einer beatmet und einer unbeatmet auf der Überwachungsstation sowie drei beatmet auf der Intensivstation. Im Krankenhaus Bietigheim lagen gestern acht Coronapatienten, davon sechs auf der Normalstation und zwei beatmet auf der Intensivstation. Noch am Morgen hatte es in Ludwigsburg erst zehn und in Bietigheim nur zwei Coronapatienten gegeben – zu dieser Zeit noch alle auf Normalstationen.

Angesichts dieser Entwicklung machten die Warnstreiks die Notfallversorgung der Patienten „sehr schwierig“, warnte Professor Dr. Jörg Martin, der Chef der Regionalen Kliniken-Holding RKH, zu der die bestreikten Häuser in Ludwigsburg und Bietigheim und die ebenfalls betroffene Orthopädische Klinik in Markgröningen gehören. Ein so „massiver Streik in einer solch krisenhaften Situation“ sei aus seiner Sicht „überzogen“.

Er respektiere das Streikrecht und hoffe, dass Arbeitgeber und Gewerkschaft „zu einem für beide Seiten guten Abschluss“ kämen, sei aber sehr enttäuscht darüber, dass Verdi seinen Appell zu einer „der Corona-Entwicklung angemessenen“ Streikführung und eine Begrenzung des Arbeitskampfs auf die Stationen mit „planbaren Patienten“ abgelehnt habe, sagt Martin. Er verweist zudem darauf, dass auch Labor und Mikrobiologie der RKH bestreikt würden. Dort werden täglich unter anderem die Coronatests für stationäre Patienten und Krankenhauspersonal ausgewertet. Die Kliniken-Holding hatte wie berichtet bereits vorige Woche auf die steigenden Infektionszahlen reagiert, den Betrieb ihrer Häuser erneut auf Krisenmodus umgestellt und ein Besuchsverbot erlassen.

Landrat appelliert „an Vernunft“

Auch Landrat Dietmar Allgaier, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der RKH ist, äußerte sich am Montag besorgt. Er habe „kein Verständnis dafür, dass in der jetzigen Situation einer sich wieder verschärfenden Pandemie mit vielen Covid-19-Patienten, die teilweise intensiv behandelt werden müssen, kritische Bereiche der RKH-Kliniken massiv bestreikt werden sollen“, so der Landrat. Er appelliere an die „Vernunft und Verantwortung der Gewerkschaft, die Tarifauseinandersetzung nicht auf Kosten der Patienten auszutragen“. Jörg Martin versicherte, die RKH werde trotz der Streiks auch „schwerstkranke Patienten und Notfälle optimal behandeln. Es wird zwar ein Kraftakt, aber wir werden unserer Verantwortung in der Krise bei gleichzeitigem Streik gerecht.“

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