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Über neun Jahre für den Brandstifter

Wegen versuchten Mordes in vier Fällen und besonders schwerer Brandstiftung muss Hans P. (43) für neun Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Der Mann, der in der Nacht zum 3. Oktober seine Wohnung in der Marbacher Altstadt angezündet und zwei Brandsätze geworfen hatte, verfolgte die Urteilsverkündung am Freitagvormittag dem Anschein nach unbeeindruckt.

Großer Presseandrang am Tag der Urteilsverkündung. Der Angeklagte (zwischen den Justizbeamten) wirkt teilnahmslos.Foto: Andrea Nicht-Roth
Großer Presseandrang am Tag der Urteilsverkündung. Der Angeklagte (zwischen den Justizbeamten) wirkt teilnahmslos. Foto: Andrea Nicht-Roth

Marbach/Heilbronn. Mit diesem Urteil ist das Landgericht Heilbronn noch über das von der Staatsanwaltschaft geforderte Strafmaß hinausgegangen: Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer acht Jahre gefordert, der Verteidiger des Angeklagten sah die Tat bereits mit viereinhalb Jahren Haft gesühnt. Zwei Sichtweisen, denen sich die Schwurgerichtskammer durchaus nicht anschließen wollte. Es habe sogar eine lebenslange Freiheitsstrafe zur Diskussion gestanden, sagte Richter Roland Kleinschroth in seiner ausführlichen Urteilsbegründung.

In allen Details rief Kleinschroth darin die Brandnacht in Erinnerung und stellte immer wieder die Frage: "Was wäre passiert, wenn nicht...?"

Was wäre passiert, wenn nicht in jener Nacht des 3. Oktober kurz nach drei Uhr eine Gruppe gut gelaunter, leicht angeheiterter Nachtschwärmer nach einem Whisky-Tasting durch die Niklastorstraße gelaufen wäre und – schon fast am Haus Nummer 11 vorbei – den Qualm wahrgenommen hätte? Wenn die Männer nicht geistesgegenwärtig die Tür des Fachwerkhauses eingeschlagen, mit Läuten und Schreien die schlafenden Bewohner geweckt und den Notruf gewählt hätten? „Sie haben geistesgegenwärtig und ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit reagiert“, sagte Richter Kleinschroth, „das hat vier Menschen das Leben gerettet, dieser Gruppe gebührt höchstes Lob!“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hans P. 13 Liter Benzin in seiner Erdgeschosswohnung ausgeschüttet und entzündet. Vorher hatte er die Rauchmelder entfernt, seine Wohnung abgeschlossen und den Schlüssel zerbrochen. „Sie wollten, dass der Brand nicht so schnell gelöscht werden kann!“, hielt Kleinschroth dem gleichgültig wirkenden Angeklagten vor. Tatsächlich brachen die Flammen ins Obergeschoss durch und zerstörten auch diese Wohnung.

„Was wäre gewesen“, fragte der Richter weiter, „wenn der Bewohner des Dachgeschosses in Panik in die Tiefe gesprungen wäre, ehe die Feuerwehr ihn und seine Nachbarin retten konnte?“ Und was wäre gewesen, wenn die Frau, die ihren Hund Gassi führte, und der Mann auf dem Fahrrad nicht so beherzt eingegriffen und den Brand am Portal der evangelischen Kirche gelöscht hätten? Dort landete der erste von zwei Brandsätzen, mit denen Hans P. durch Marbach gezogen war. Der zweite explodierte an der Tür des Polizeireviers. Dort hatten die Polizisten den herumstehenden vermeintlichen Zeugen angesprochen. „Ich war’s“, sagte Hans P. und ließ sich widerstandslos festnehmen, nachdem er zunächst noch seine Schnapsflasche gegen eine Beamtin geschleudert hatte. Die Frau war bei der Attacke unverletzt geblieben.

Verdammt viel sei in dieser Nacht passiert, sagte Richter Kleinschroth, und viel Schlimmeres hätte in der eng bebauten Marbacher Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern geschehen können. Bleibt die Frage nach dem Motiv.

Der Richter: „Wir haben diese Frage gestellt und Ihre Antworten haben uns in ihrer Kaltblütigkeit und Brutalität fassungslos gemacht.“ Von Rache an der Gesellschaft, am „System“, war am ersten Verhandlungstag die Rede gewesen, von Polizisten, die – wie Soldaten – Berufsmörder seien, von den Kinderfi**ern in der Kirche. Bevor er in Schweigen versunken war, hatte der Angeklagte am ersten Verhandlungstag Sympathien für die rechtsextremen „Reichsbürger“ bekundet. „Auch wenn Sie selbst vielleicht kein Reichsbürger sind, sind Sie hochgefährlich für die Menschen um sie herum“, sagte der Richter. Dass er die Tat genau in der Nacht zum Tag der Deutschen Einheit geplant habe, sei besonders perfide.

Strafmildernd wirkte sich das Geständnis aus, auch wenn der Angeklagte keinerlei Reue gezeigt hatte. Auch eine erhebliche Einschränkung der Steuerungsfähigkeit wegen einer schizotypischen Störung sei nicht auszuschließen. Ein milderes Urteil jedoch sei der Schuld nicht angemessen und den „Menschen nicht vermittelbar, denen Sie beinahe das Leben genommen haben“, schloss Kleinschroth.

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