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Überraschungen und vertane Chancen

Foto: kebox/stock.adobe.com
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Marbach wählt einen Bürgermeister. Die Präsentation der Bewerber im Internet und den sozialen Medien spielt im Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle. Umso mehr, wenn in Zeiten der Coronapandemie eine persönliche Präsentation kaum möglich ist. In einem Gastbeitrag analysiert Kommunikationsberater Holger Hagenlocher exklusiv für unsere Zeitung den Online-Wahlkampf der Kandidaten.

Marbach. „Marbach wählt einen neuen Bürgermeister, keine Bürgermeisterin. Denn es fällt auf, dass sich ausschließlich Männer um das Amt des Bürgermeisters der Schillerstadt bewerben. Zur Wahl stehen neben Amtsinhaber Jan Trost der Student und ausgebildete Polizist Dennis Rickert, Musikpädagoge Ulrich Raisch, Bosch-Betriebsrat Tobias Möhle, der Philosoph und Soziologe Edwin Kubotat, der Verwaltungsfachmann Timo Jung sowie Mercedes-Betriebsrat Andreas Freund.

Von Andreas Freund ist im Internet kein Online-Auftritt zu finden, auch in den sozialen Medien lässt sich der 42-jährige Kandidat nicht identifizieren. Wenn Kandidaten online nicht präsent sind, ist davon auszugehen, dass sie die Investition und den Aufwand scheuen, weil die Erfolgsaussichten als zu gering erachtet werden.

Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum Dauerkandidat Ulrich Raisch trotz inzwischen rund 50 Kandidaturen keine eigene Internetseite betreibt. Immerhin ist er bei Facebook zu finden. Auf seinem öffentlichen Facebook-Profil findet sich als einziger Eintrag zu Marbach die Antworten auf den Fragebogen der Wählergemeinschaft „Parteiunabhängige Liste Solidarität“ (Puls). Wer sich durch die Bleiwüste kämpft, kann Schwerpunkte des 60-jährigen Pädagogen erkennen. Allerdings ist die Aufbereitung für die Kommunikation im digitalen Raum schlicht unbrauchbar, ein Dialog findet zudem nicht statt.

Edwin Kubotat überrascht mit seinem Internetauftritt zum Wahlkampf gleich doppelt. Zum einen mit einem Design, das an Internetseiten aus den 90er Jahren erinnert, zum anderen, indem der 52-Jährige in seiner Begrüßung nicht erklärt, warum er Bürgermeister in Marbach werden will. Stattdessen führt er ausführlich aus, warum er in keiner Partei sei. Für Bürgermeister im Ländle ist das doch wahrlich keine Besonderheit. Auf seiner Facebook-Seite erfahren Besucher dann, dass Kubotat die Gerechtigkeit am Herzen liegt und dass er singen und Gitarre spielen kann.

Auf einen gut strukturierten Internetauftritt setzt dagegen Tobias Möhle, der zudem auch auf Instagram präsent ist. Die Seite wirkt hell, die verwendeten Fotos offen und freundlich. Mit „Team Möhle“ als Namen der Website stellt er sich als Team-Player dar, was im Widerspruch zum Rest des Webauftritts steht, wo von seinem Team nichts zu sehen oder zu lesen ist. Sein Slogan „Mut zur Veränderung“ weckt Neugier, die leider nicht gestillt wird. So verliert der 37-Jährige sich an vielen Stellen in Allgemeinplätzen, ohne zu benennen, was er konkret ändern will. Dabei hätte er sich kommunikativ so positionieren können. Chance leider vertan.

Die Satirepartei „Die Partei“ unterstützt Dennis Rickert und so lässt sich der satirische Ansatz seiner Bewerbung nicht übersehen. Online präsentiert sich Rickert im Internet, bei Facebook und Instagram. Gespickt mit humorvollen Anspielungen („Make Marbach great again“) beschreibt Rickert erstaunlich handfest seine Inhalte. Punkten will er mit Gemeinwohl, Ökologie, Modernität und Sozialismus. In den sozialen Medien legt er Wert darauf, der geilste Bürgermeister zu sein und Marbach wieder schillernd zu machen. Zumindest bereichert der 25-jährige Student so den Bürgermeister-Wahlkampf mit ein wenig Sprachwitz.

Wie Rickert ist auch Timo Jung sowohl im Internet als auch bei Facebook und Instagram aktiv. Die digitale Kommunikation lässt an seinen Ambitionen nicht zweifeln. Der Verwaltungsfachmann vom Städtetag kennt sich mit Ämtern aus und entsprechend amtlich ist sein Auftritt. Technisch und von der Bildsprache modern, präsentiert der 31-Jährige sich jung und engagiert. Mit seinem Slogan „Die Zukunft ist Jung“ zielt der ehemalige Ministrant aus dem Oberschwäbischen auf sein junges Alter ab. Auf seinen Seiten erfährt der Benutzer viel über seine Person. Der Nachwuchspolitiker, der Mitglied der SPD ist, beweist auf seiner Startseite, dass er die Schule der allgemeingültigen Floskeln beherrscht.

So fordert er dazu auf, heute mutig zu sein, um die Grundlagen für eine erfolgreiche Zukunft zu legen. Zudem wolle er die Stadt gestalten und nicht nur verwalten. Dafür wird er dann bei seinem Wahlprogramm konkreter. So will er ein klimaneutrales Marbach und eine Agenda „Marbach 2033“, die als Grundlage für die künftige Entwicklung von Marbach dienen soll. Sein Facebook-Auftritt ist professionell aufbereitet, indem er in einem Video gleich zu Beginn alle Besucher der Seite begrüßt. Der in den sozialen Medien mögliche Dialog findet allerdings nicht statt und wird nicht angeregt. Auch bei Instagram zeigt Jung sich professionell und arbeitet viel mit Videos, die in Bewegtbildern seine Entschlossenheit deutlich machen.

Genau wie Herausforderer Jung hat Amtsinhaber Jan Trost die Bedeutung des Online-Wahlkampfs erkannt, wobei er sich auf seinen Internetauftritt und Facebook konzentriert. Seine Homepage wirkt modern und aufgeräumt. Die Farbgebung ist reduziert und in vertrauensstiftendem Blau auf weißem Grund gehalten. Geschickt kommuniziert der 45-Jährige auf der Startseite nicht aus der Ich-Position, sondern spricht die Wähler direkt an und betont mit dem „Wir“, dass es um die Gemeinschaft der Marbacher geht und er Teil davon ist. Lediglich beim Punkt „Über mich“ wechselt er in die Ich-Perspektive. Seinen Status als Amtsinhaber kann er auch in der Online-Kommunikation ausspielen, indem er konkret das Erreichte der letzten acht Jahre bilanziert, während die Herausforderer sich noch in vagen Forderungen verlieren müssen.

Geschickt gemacht ist auch das Ansprechen der Themen auf der Startseite mit kurzen Texten. Interessierte können dann über einen Link mehr erfahren. Die Fotos zeigen ihn als Macher mit hochgekrempelten Ärmeln und als Familienmensch. Der Facebook-Auftritt stellt eine Art Tagebuch des Wahlkampfs dar. Dabei verzichtet er auf Videos und verspielt so die Chance, sich auch audiovisuell an die potenziellen Wähler zu wenden. Einen echten Dialog mit Kommentaren der Nutzer und Antworten bietet auch er nicht an.

Einen klaren Gewinner des Vergleichs gibt es nicht. Das Engagement und die Ernsthaftigkeit, mit der die Kandidaten das Amt des Bürgermeisters anstreben, wird allerdings rasch deutlich: Da reduziert sich das Siebener-Feld auf Timo Jung und Jan Trost. Mit Abstrichen macht auch Tobias Möhle mit seiner Online-Kommunikation eine gute Figur.“