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Unterhaltsam, witzig und lehrreich

Von den vielen Kooperationen der Schlossfestspiele war dies vielleicht eine der ungewöhnlichsten, sicher aber eine der fruchtbarsten: Dass das Musik-Comedy-Duo Carrington-Brown nicht wie ursprünglich geplant nur einen kleinen Gastauftritt der von Peter Hömseder unterrichteten Musikalischen Klasse 4 in sein Programm integrierte, sondern mit den Kindern eine komplette Show entwickelte, erwies sich bei der Premiere von „Das schwimmende Klassenzimmer“ als Glücksfall, weil Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

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Die Schüler sind vor den 370 Besuchern im Tammer Bürgersaal voll bei der Sache. Foto: Foto: Benjamin Stollenberg

Ludwigsburg. Als der Beifall nach der inklusive Pause gut zweieinhalbstündigen Vorstellung aufbrandet, halten sich einige der Viertklässler auf der Bühne die Ohren zu – so laut ist der ihnen geltende Applaus.

Berechtigtermaßen, rangierte ihre Performance doch weit über dem üblichen Niveau einer Grundschulaufführung: Auf Augenhöhe hatten die Profis mit den Schülern eine unterhaltsame musikalische Schiffsreise konzipiert, in der Teile des Bühnenrepertoires von Carrington-Brown sich zwanglos mit Gedichtvertonungen von Peter Hömseder verschränkt fanden und die sie so kurzweilig wie konzentriert aufführten. Gleichzeitig war die rundum gelungene Premiere auch die Release-Party für ihre CD „Das schwimmende Klassenzimmer“.

 

Ein Grund für dieses Gelingen findet sich in Hömseders musikpädagogischem Geschick, das zuallererst auf die Stärkung des Selbstbewusstseins durch das Vertrauen in die Kompetenzen der Kinder setzt, wie sich gleich mit dem Song „Wir“ zeigt: Begeisternd die hellwache Präsenz der 20-köpfigen Schar, kraftvoll ihr Chorgesang, voller Selbstvertrauen die Bewegungen der munteren und so witzigen wie anspruchsvollen Choreographien, die sie sich ausgedacht haben – einfach klasse, diese Klasse!

 

Vor fast zehn Jahren hatte Hömseder die Idee, das Auswendiglernen von Gedichten durch Musik und Bewegungen zu unterstützen – mit durchschlagendem Erfolg. Seitdem laufen an der Tammer Gustav-Sieber-Schule die Projekte der Musikalischen Klassen, in denen Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit haben, sich einerseits mit der musikalischen und gestischen Umsetzung der Texte von Autoren wie Sarah Kirsch, James Krüss, Josef Guggenmoos oder auch Hömseder selbst zu beschäftigen, andererseits ein Verständnis für die Bedingungen und Anforderungen zu entwickeln, von denen Bühnenwerke bestimmt werden.

 

Ein weiterer Grund war mit der spürbar großen Affinität des in Berlin lebenden britischen Musikerpaars für die Arbeit mit Kindern gegeben – ein alles andere als selbstverständliches Engagement, dass die beiden Künstler im vergangenen halben Jahr mehrfach für ganze Probetage nach Tamm gereist sind.

 

Rebecca Carrington hat als klassisch ausgebildete Cellistin und Sängerin an Aufnahmen und Konzerten von Aretha Franklin, Randy Newman, David Byrne, Paul McCartney und Kayne West mitgewirkt, ihr Ehemann Colin Brown war unter anderem als Backgroundsänger für Robbie Williams auf Tour.

 

Bestens fügten sich ihre humorvollen Hit-Parodien ins Konzept: Aus Stings „Englishman in New York“ wird „Englisch Paar in Deutschland“, Lou Reeds „Walk on the Wild Side“ erklingt unter Beteiligung des erstaunlich ausgeglichen gemischten Chors als „Willkommen in Deutschland“. Die Glanzlichter setzen die Kinder jedoch selbst: Grandios ihr „Wiegenlied vom Ozean“, famos ihre dynamische Disziplin, verblüffend ihr Gespür für Spannungsaufbau und Überraschungsmomente, voll durchchoreographiert jeder Song mit raschen, komplexen Folgen von Winken, Klatschen, Zeigen, Wiegen, Beugen, die auch ernste Themen wie Gewaltprävention aufnehmen. Zudem vermitteln sie so ganz nebenbei noch Inhalte wie den Wasserkreislauf, die menschliche Abstammungslehre oder geografische Kenntnisse.

 

Die Situation wäre verschenkt, würde Brown mit seiner beeindruckenden Bassstimme nichts von Louis Armstrong singen: „What A Wonderful World“, aber auch Bobby McFerrins „Don’t Worry Be Happy“ und Michael Jacksons „Thriller“ (vermutlich ohne das Video zu kennen überzeugen die Kids jetzt als Zombies) werden zu Paraderollen für den Sympathieträger mit jamaikanischen Wurzeln, während Carrington immer wieder ausbricht, um mit wunderbar überdrehter Theatralik nach Belieben Koloratur- und Scatgesang zum Besten zu geben – köstlich ihre Albernheiten.

 

Zu Browns Interpretation von „Buffalo Soldier“ singt sie, was sich anhört wie gejodelte Klingeltöne, ihr Schwäbisch stellen sie mit „No Woman No Cry“, ebenfalls von Bob Marley, unter Beweis: „Koi Woib – koi Gschroi“. Da tobt der mit 370 Besuchern gut gefüllte Bürgersaal im Tammer Kulturzentrum.

 

Zwischen den Familien, Eltern und Angehörigen im Tammer Bürgersaal sind sogar einige Kindergruppen auszumachen. Ein außerordentliches Vergnügen für Jung und Alt.

 

info: Die CD „Das schwimmende Klassenzimmer“ von Carrington-Brown & Herrn Hömseders Musikalischer Klasse 4 ist beim Bauer-Label Chaos erschienen und erhältlich unter: www.bauerstudios.de