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Unternehmen sind gerüstet

Umfrage bei Firmen im Kreis: Impfungen von Mitarbeitern durch Betriebsärzte schnell möglich – IHK: Brauchen mehr Tempo

Die IHK schlägt in der Coronakrise vor, „ganze Belegschaften“ durch Betriebsärzte impfen zu lassen.Foto: Kay Nietfeld/dpa
Die IHK schlägt in der Coronakrise vor, „ganze Belegschaften“ durch Betriebsärzte impfen zu lassen. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Kreis Ludwigsburg. „Jeder einzelne Tag, an welchem Ausgangssperren und Ladenschließungen gelockert werden können, zählt“, sagt Mark Bezner, geschäftsführender Gesellschafter des Bekleidungsherstellers Olymp in Bietigheim-Bissingen. Die Modebranche gehöre zu den Geschäftszweigen, „die besonders stark von den negativen Auswirkungen der Pandemie betroffen sind“. Deshalb sollten „möglichst viele Menschen möglichst schnell“ durch eine Impfung vor einer möglichen Corona-Infektion geschützt werden. Denn „die wirtschaftlichen Folgen aufgrund der anhaltenden Einschränkungen in vielen Lebensbereichen sind gravierend“, so Bezner.

Seit Jahren biete das Unternehmen „in Kooperation mit unserem Betriebsarzt“ den etwa 600 Mitarbeitern am Firmensitz in Bietigheim-Bissingen an, sich gegen Grippe impfen zu lassen, in einem firmeneigenen Sanitätsraum. Auch Corona-Impfungen könnten „in kürzester Zeit“ durchgeführt werden – „bei Verfügbarkeit des Impfstoffes, entsprechender Lagermöglichkeit und gegebener Impfbereitschaft der Mitarbeitenden“, so Bezner.

Auch am Ditzinger Standort des Maschinenbauunternehmens Trumpf könnten Corona-Impfungen laut Sprecher Rainer Berghausen „schnell realisiert“ werden. An dem Firmensitz mit etwa 4500 Mitarbeitern gebe es ein „sehr gut ausgestattetes Gesundheitszentrum mit einem dauerhaft anwesenden Betriebsarzt sowie Gesundheitsfachpersonal“. Sobald die Wirtschaft im Sinne der Impfstrategie an der Reihe sei, Impfstoff ausreichend verfügbar und es logistisch möglich sei, „würden wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Impfung anbieten – so wie wir es jährlich beim Grippeschutz ebenfalls tun“, so Berghausen. An den anderen deutschen Trumpf-Standorten mit insgesamt rund 3000 Mitarbeitern sei eine Impfkampagne durch den betriebsärztlichen Dienst, den es dort jeweils gibt, ebenfalls möglich. In einem Ende Dezember erschienenen Focus-Interview sagte Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller: „Wenn es so weit ist, werde ich mich impfen lassen. Auch als Symbol für unsere Belegschaft.“

Insgesamt wäre ein schnellerer Impfprozess in Deutschland „natürlich wünschenswert“, für verschiedene gesellschaftliche Bereiche, etwa Bildung, Kultur, Gastronomie; doch „uns als Maschinenbauunternehmen mit einem umfassenden Hygiene- und Sicherheitskonzept schränken mögliche Verzögerungen bei den Impfungen nicht stärker ein als bisher“, so Berghausen.

Die W&W-Gruppe (Wüstenrot&Württembergische) hat laut Sprecher Immo Dehnert „einen erfahrenen und sehr kompetenten betriebsärztlichen Dienst“, der „seit langem“ die freiwillige Grippeschutzimpfung durchführe. „Fachlich trauen wir uns zu, schrittweise und selbstverständlich auf freiwilliger Basis die Belegschaft an den großen W&W-Standorten gegen das Coronavirus zu impfen, ergänzend zu den behördlichen und ärztlichen Aktivitäten. Eine Entscheidung dazu ist aber noch nicht gefallen“, so Dehnert. In der W&W-Gruppe arbeiten 13000 Menschen; von den knapp 7000 Mitarbeitern im Innendienst sind 3000 in Ludwigsburg/Kornwestheim und 2000 in Stuttgart beschäftigt.

Das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen Bosch hat in Deutschland etwa 130000 Mitarbeiter, davon 6500 in Schwieberdingen. An dem Standort im Kreis Ludwigsburg beschäftigt die Firma einen Betriebsarzt und eine Betriebsärztin; deutschlandweit arbeiten bei Bosch mehr als 50 Betriebsärzte und -ärztinnen, außerdem weitere medizinische Fachkräfte, auch gibt es laut Sprecherin Trix Böhne eine entsprechende Infrastruktur. Das Unternehmen sei deshalb „gut aufgestellt, um eine Impfung auf freiwilliger Basis analog der Grippeschutzimpfung für seine Mitarbeitenden anzubieten“. Voraussetzungen: Ein entsprechender Impfstoff müsse ausreichend verfügbar, eine Impfung für die jeweiligen Personengruppen medizinisch sinnvoll sein. Bosch mit Hauptsitz in Gerlingen unterstütze einige zentrale Impfzentren (etwa das im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus) mit medizinischem Personal, so die Sprecherin.

„Der gesamte Impfprozess muss schneller vorankommen als bisher“, teilte die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), Marjoke Breuning, jüngst mit. Ein höheres Tempo sei nötig, weil die Coronakrise „zunehmend gravierende Folgen“ für die Wirtschaft habe. Viele Firmen hätten durch den ersten Lockdown und durch die Pandemie insgesamt „katastrophale Schäden“ erlitten: „Die größte Gefahr für Wirtschaft und Beschäftigung in diesem Jahr besteht in den drohenden großflächigen Betriebsschließungen.“

Breuning weiter: „Wir brauchen bei der Pandemiebekämpfung aus Sicht unserer regionalen Wirtschaft eine verlässliche Perspektive.“ Eine schnellere Impfabwicklung sei deshalb „unerlässlich, damit früher als geplant alle Impfwilligen geimpft werden können. Nur damit können weitere langfristige Lockdowns verhindert werden“, betont die IHK-Präsidentin.

„Ganze Belegschaften“ könnten auch durch Betriebsärzte gegen Corona geimpft werden, „so wie das auch bei der normalen Grippeschutzimpfung seit Jahren praktiziert wird“, so Breuning. Sobald ausreichend Corona-Impfstoff zur Verfügung stehe und es die Impflogistik möglich mache, „stehen die großen und mittleren Unternehmen der Region bereit.“

Zusatztext:

Die Betriebsärzte haben der Politik angeboten, Beschäftigte in Unternehmen zu impfen und so die Covid-19-Impfkampagne zu unterstützen. „Durch die Nutzung der vorhandenen betriebsärztlichen Strukturen in den Unternehmen wäre in jedem Falle eine Entlastung der regionalen Impfzentren möglich und die Durchimpfung der Beschäftigten kann beschleunigt werden“, heißt es in einem Schreiben von Mitte Dezember. Dieses richteten die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin (DGAUM) und der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) an die Politik – etwa an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, die Landesgesundheitsminister und an Mitglieder des Ausschusses für Gesundheit im Bundestag. Bisher habe die Politik auf das Angebot noch nicht geantwortet, teilte der VDBW am Mittwoch auf Anfrage mit. Der Verband vertritt mehr als 3500 Betriebsärzte in Deutschland, die DGAUM mehr als 1200.

Würden Betriebsärzte Firmenmitarbeiter impfen, hätte das „entscheidende Vorteile“, heißt es in dem Schreiben. „Die Impfung am Arbeitsplatz stärkt die Impfbereitschaft“, denn lange Wege und Wartezeiten würden damit vermieden – Beschäftigte würden an dem Ort geimpft, an dem sie sich beruflich ohnehin aufhalten. Betriebsärzte hätten einen „guten, unkomplizierten Zugang“ zu Beschäftigten, Arbeitgebern und Interessenvertretungen; sie würden „besonders schutzbedürftige Beschäftigte“ und Gefährdungen am Arbeitsplatz kennen und sich gut im Betrieb auskennen; Betriebsärzte hätten zudem „langjährige Erfahrungen mit Impfungen“, mit Organisation, individueller Beratung, Applikation und „längerfristiger Nachbetreuung“.

Weil eine Beteiligung der Betriebsärzte in der ersten Phase der Impfkampagne auf dem Infektionsschutzgesetz basiere, läge sie „außerhalb der betriebsärztlichen Einsatzzeiten“, heißt es in dem Schreiben. Deshalb müsse es eine Vereinbarung zur Vergütung geben, haftungsrechtliche Fragen müssten geklärt werden. (wd)

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