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Unterwegs in einem Spannungsfeld

Die dritte Welle baut sich immer größer auf, die Angst wächst. Was erleben Menschen, die nicht zu Hause bleiben können? Eindrücke einer Klinikenseelsorgerin in Markgröningen, eines Möglinger Flüchtlingshelfers und einer Ludwigsburger Modedesignerin.

Abstand bleibt die Devise in der Krise: Doch Menschen wie die Modeschöpferin Sanna Schubert, der Integrationsbeauftragte Salvador Guardia-Gil und die Pfarrerin Claudia Hertler sind in ihren Berufen auf die Nähe zu anderen angewiesen. Fotos: Holm Wols
Abstand bleibt die Devise in der Krise: Doch Menschen wie die Modeschöpferin Sanna Schubert, der Integrationsbeauftragte Salvador Guardia-Gil und die Pfarrerin Claudia Hertler sind in ihren Berufen auf die Nähe zu anderen angewiesen. Foto: Holm Wolschendorf (2), privat
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Kreis Ludwigsburg. Die Patienten, die Claudia Hertler in der Orthopädischen Klinik in Markgröningen trifft, haben Schmerzen. Bei manchen ist es die Bandscheibe, bei anderen das Knie. Nach den Operationen tragen sie Halskrausen, Bandagen oder Schläuche. Manchmal geht die Wunde nicht richtig zu, sie können sich nicht mehr bewegen und sind auf fremde Hilfe angewiesen. „Da kommen Lebensfragen auf“, sagt Hertler, „die Leute ziehen Bilanz, sie sehnen sich nach der Familie und Freunden.“

Wegen Corona ist es aber äußerst kompliziert für sie, Besuche zu empfangen. Das sorgt für seelische Schmerzen – und hier beginnt Claudia Hertlers Einsatz in Markgröningen. Sie ist zum einen Pfarrerin bei der Habila, dem früheren Behindertenheim, zum anderen Seelsorgerin an der Orthopädischen Klinik. „Ich will den Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind und Gott überall ist“, sagt die Protestantin. Dabei kommen auf den Stationen tiefschürfende Gespräche heraus. Einige Patienten wollen aber auch nur mal über das Essen plaudern, anderen tut es gut, eine Hand zu halten.

Hertler tritt in der Orthopädischen Klinik nicht als Missionarin auf, die Bibel hat sie eher selten unter dem Arm. Im Dienst trägt die evangelische Pfarrerin zivil und eine FFP2-Maske. „Ich weiß nicht, wie oft ich mir in den vergangenen zwölf Monaten die Hände desinfiziert habe“, sagt sie. „Corona ist natürlich das beherrschende Thema. Viele Menschen haben Angst.“ Zweimal wöchentlich werden die Patienten in Markgröningen getestet, vor der OP geht es auf eine spezielle Station, wo ein PCR-Test auf dem Programm steht.

Die Tage im Homeoffice zu verbringen, ist für Hertler keine Option. Über das Virus sagt sie: „Ich versuche, mich so gut es geht zu informieren.“ Testungen sind für sie so selbstverständlich wie die tägliche Handhygiene. „Am schlimmsten wäre es für mich, wenn ich andere Leute anstecken würde.“ Mittlerweile ist sie aber als Frontfrau geimpft.

Das gilt auch für die Bewohner des Markgröninger Behindertenheims um die Ecke, Hertlers zweitem Einsatzort. „Ich bin sehr froh, dass sie jetzt geschützt sind“, sagt die Pfarrerin, die früher in Neckarweihingen gearbeitet hat, zumal es vor Weihnachten zu einem Corona-Ausbruch gekommen sei. Die Stimmung bei der Habila nennt sie jetzt zufriedener als in der Orthopädischen Klinik. „Die Menschen dort sind Verzicht und Einschränkungen gewohnt.“

Das gilt auch für die Klienten von Salvador Guardia-Gil, dem Integrationsbeauftragten der Gemeinde Möglingen. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Iran oder Tunesien. Knapp 140 Menschen befinden sich in Möglingen in der Anschlussunterbringung, für die die Gemeinde zuständig ist. Sie hat vor einigen Jahren einen Beschluss getroffen, der sich jetzt als Segen erweist: Die Menschen dezentral unterzubringen und nicht auf engem Raum zusammenzupferchen, wo das Virus leichtes Spiel hätte. „Das war das Beste, was wir den Menschen geben konnten“, sagt Guardia-Gil. In Möglingen steht nur eine Sammelunterkunft, in der 24 Geflüchtete zusammenleben.

Seine Mission beschreibt der Integrationsbeauftragte so: „Ich bin da, um Menschen, die Hilfe brauchen, zu unterstützen.“ Also macht er auch in der Pandemie Hausbesuche und geht in die Unterkunft an der Ludwigsburger Straße. Eine Plexiglasscheibe trennt ihn dort von den Bewohnern. „Das Virus hat die Integration lahmgelegt“, sagt der Experte. Sprachkurse sind selten geworden, Schulunterricht fällt aus, Minijobs sind kaum vorhanden. „Kinder und Mütter sind die größten Verlierer“, sagt Guardia-Gil.

Früher hat er die geflüchteten Familien mit seiner Kollegin Clara Ramsauer alle drei Wochen besucht. „Das ist während der Pandemie weniger geworden“, sagt er. „Wir gehen jetzt nur noch in die Familien, wenn es wirklich notwendig ist.“ In der Regel sind sie herzlich willkommen – Gastfreundschaft ist für fast alle Geflüchteten ein hohes Gut. Doch Tee oder Gebäck darf Guardia-Gil nicht annehmen.

Die Modedesignerin Sanna Schubert hat ihr Atelier in der Ludwigsburger Innenstadt. Schubert hat in Antwerpen und Florenz studiert und bei Hugo Boss in Metzingen gearbeitet, als sie beschließt, sich mit ihrem Mann Patrick Schubert selbstständig zu machen. Ihr Label nennen sie „Sanna Patrick“. Der Plan ist, eine Geschäftspartnerin in China dazu zu holen. Doch dann tritt das Virus auf. Der Einzelhandel bricht ihnen weg, die großen Fashion-Shows in Berlin oder Mailand werden abgesagt. „Gerade für uns als junges Label wäre es wichtig gewesen, Leute kennzulernen und persönlich Kontakt zu halten“, sagt Sanna Schubert. „Das geht nicht nur digital.“

Sie bauen einen Onlineshop auf, ziehen Fotostrecken in Magazinen in Mailand und London an Land und entwerfen eine Kollektion. Der Titel: Responsible for the future. „Wir haben eine Verpflichtung gegenüber der Natur“, sagt die Designerin. Also verarbeiten sie „dead stocks“, das sind Materialien aus Überproduktionen oder recycelte Rollladengurte. Dazu kommen natürliche Produkte wie Baumwolle, Seide oder Leder. Das Ehepaar vakuumiert Blumen und bringt sie als Aufnäher auf die limitierten Kleidungsstücke.

Alles geht aber nicht von zu Hause aus. „Wir müssten jetzt dringend nach Italien, um mit unseren Stoffhändlern zu sprechen“, sagt Sanna Schubert. Fotoshootings halten sie klein: ein Fotograf, eine Assistenz, einer fürs Make-up, zwei Models und das Designerpaar. Alle tragen Mundschutz, den nur die Models abnehmen dürfen, wenn es zur Sache geht.

Was die Modedesignerin Schubert, den Flüchtlingshelfer Guardia-Gil und die Pfarrerin Hertler verbindet: Sie wollen nicht klagen. Sie wissen, dass es Menschen gibt, denen es weit schlechter geht. Trotzdem haben sie Wünsche: im Herbst eine neue Kollektion richtig präsentieren zu können, einen Gottesdienst in einer vollen Kirche zu feiern oder Menschen neue Perspektiven aufzuzeigen.

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