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Vegan, weiblich und konservativ

Anna Wackerow ist das Gesicht der Campus-for-Future-Bewegung in Ludwigsburg – Sie fordert eine autofreie Innenstadt

Anna Wackerow bei der Podiumsdiskussion mit Oberbürgermeister Matthias Knecht beim Klimacamp auf dem Rathaushof. Foto: Adreas Becker
Anna Wackerow bei der Podiumsdiskussion mit Oberbürgermeister Matthias Knecht beim Klimacamp auf dem Rathaushof. Foto: Adreas Becker

Ludwigsburg. Selbst der geschmeidige Oberbürgermeister beißt sich an ihr die Zähne aus: Immer wieder bietet Matthias Knecht Anna Wackerow am Donnerstag eine Zusammenarbeit an. Doch die 23-Jährige, die mit dem OB auf der Diskussionsbühne des Klimacamps auf dem Rathaushof sitzt, lässt sich nicht so einfach umschmeicheln. Nein, sie könne der Verwaltung nicht die Aufgabe abnehmen, ein Bildungskonzept für den Bereich Klimaschutz auf die Beine zu stellen. Auch mit den Argumenten, mit denen OB Knecht erklärt, warum Ludwigsburg die Klimaziele bis 2030 nicht erreicht, gibt sich Anna Wackerow nicht zufrieden. „Glauben Sie an wissenschaftliche Erkenntnisse?“, fragt sie Professor Knecht, der vor seiner Zeit als Oberbürgermeister viele Jahre an einer Hochschule gearbeitet hat. Und: „Der Klimaschutz in Ludwigsburg kommt uns viel zu langsam voran.“

Anna Wackerow ist seit etwa einem Jahr die Sprecherin von Campus-for-Future in Ludwigsburg. Und sie war eine der Hauptorganisatorinnen des Klimacamps, das fast eine Woche lang auf dem Rathaushof stattgefunden hat. Zum Klimaschutz habe sie über den Veganismus gefunden, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Seit Neujahr 2016 lebe ich vegan. Und wer sich mit Veganismus auseinandersetzt, kommt automatisch zum Klima- und Umweltschutz.“

Anna Wackerow möchte nie

wieder in ein Flugzeug steigen

Anna Wackerow hat in den vergangenen Jahren neben dem Veganismus auch weitere Ideen, die für viele Menschen unvorstellbar sind, für ihr Leben verwirklicht. Sie verzichtet auf Plastik, nutzt nachhaltige Kosmetika, den Weg zwischen ihrer Wohnung in Kornwestheim und dem Klimacamp auf dem Rathaushof legt sie im Lastenfahrrad zurück. „Ich bin dreimal in meinem Leben geflogen. Das war in meiner Kindheit. Ich werde nie wieder fliegen“, ist sie sicher. Groß in der Welt herumreisen und globetrotten, wie viele ihrer Altersgenossen, hat sie nicht vor.

Aufgewachsen ist sie in Ditzingen und hier in der Region möchte sie auch bleiben. Sich selbst bezeichnet sie als konservativ. Ihr Lehramtsstudium in Physik und Mathe an der Universität Stuttgart hat sie rasend schnell abgeschlossen. Doch an einer Schule möchte sie vorerst nicht unterrichten und sich stattdessen voll und ganz dem Klimaschutz widmen. Nur eine Ausbildung zur veganen Ernährungsberaterin hat sie sich nebenher noch erlaubt.

Der Jugendforscher und Autor Klaus Hurrelmann, der auch die deutsche Klimabewegung erforscht, hat vor kurzem seine Erkenntnisse in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorgestellt. Er sieht in der „Generation Greta“ eine völlig neue Bewegung, die, von jungen Frauen angeführt, sehr direkt, unideologisch und auf der Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen argumentiere.

Das trifft alles auch auf Anna Wackerow zu. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimaschutz stehen für sie über allem. Und sie findet es erschreckend, „wie wenig Bewusstsein bei den Leuten herrscht“. Neben diesen eher wissenschaftlichen Themen, bei denen es um die Pariser Klimaziele. „CO-Äquivalente“ oder das Kohleausstiegsgesetz geht, haben Wackerow und ihre Mitstreiter aber auch ganz pragmatische, kommunalpolitische Forderungen aufgestellt. Zum Beispiel die autofreie Innenstadt in Ludwigsburg.

Der komplette innere Kern, also die Ludwigsburger Altstadt samt Arsenal-, Mathilden- und Wilhelmstraße, sollte nach der Meinung von Anna Wackerow künftig frei von Autos gehalten werden. Stattdessen sollen sich in Zukunft nur noch Fußgänger, Radfahrer und Busse den Verkehrsraum teilen. Alle Straßen – auch die Fußgängerzonen – sollen für Fahrradfahrer freigegeben werden. „Allerdings auf getrennten Wegen.“

Damit auch ältere und gehbehinderte Menschen überall hinkommen, schlägt Anna Wackerow neben dem Ausbau des Busverkehrs auch den Einsatz von Kleinbussen vor. Die sollen möglichst langsam fahren und an vielen Punkten, auch auf dem Marktplatz, halten – und zwar lange – damit ältere Menschen zum einen in Ruhe ein- und aussteigen können und gleichzeitig überall hinkommen.

Das Klima ist das Megathema, aber nicht das einzige Problem

Ihren Einsatz begründet Anna Wackerow mit der „Angst um die Zukunft“. Sie möchte eine Familie haben, und ihre zukünftigen Kinder müssten all das ausbaden, was jetzt an Fehlern in der Klimapolitik gemacht werde.

Kann sie sich vorstellen, in die Politik zu gehen? „Das möchte ich nicht“, antwortet Anna Wackerow. Bisher habe sie den Gedanken jedenfalls ausgeschlagen. Natürlich ist sie aus den Reihen der Parteien schon gefragt worden. Etwa von den Grünen. Die haben ja zunehmend mit Überalterung und einer gewissen Saturiertheit ihrer Mitglieder zu kämpfen und wüssten eine junge, engagierte Frau wie Anna Wackerow natürlich gerne in ihren eigenen Reihen. Die Klimaaktivistin möchte aber unabhängig bleiben, um allen Verantwortlichen, die an den Machthebeln sitzen, auf die Finger schauen zu können.

Denn bei der Klimafrage geht es für sie um alles – nicht nur um die Zukunft des Planeten. Auch die gegenwärtigen Probleme des „globalen Südens“ oder Rassismus sind für Anna Wackerow direkt mit der Klimakrise verknüpft. Das Klima ist nicht ihr einziges Thema. Aber es steht über allem.

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