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Vernunftehe mit einem Happy End

Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost (rote Krawatte) mit den Zeitzeugen (von links) Walter Bogner, Emil Stickel, Hermann Schick, Wolfgang Binder, Ortsvorsteher Jens Knittel und Walter Stirm. Foto: Helmut Pangerl
Der Marbacher Bürgermeister Jan Trost (rote Krawatte) mit den Zeitzeugen (von links) Walter Bogner, Emil Stickel, Hermann Schick, Wolfgang Binder, Ortsvorsteher Jens Knittel und Walter Stirm. Foto: Helmut Pangerl
Feier in der Gemeindehalle: Vor 50 Jahren wurde Rielingshausen ein Teil von Marbach

Marbach. Der Anschluss des heutigen Stadtteils Rielingshausen an die Schillerstadt sei eine Vernunftehe gewesen, sagte der Marbacher Alt-Bürgermeister Herbert Pötzsch rückblickend, kurz nachdem er 1997 sein Amt angetreten hatte. Doch auch eine Vernunftehe schließt ein Happy End nicht aus. Das wurde am Freitagabend in der Rielingshäuser Gemeindehalle deutlich, als die Stadt anlässlich des 50. Hochzeitstags zu einem Festakt geladen hatte.

Der Zusammenschluss war eine Folge der Gemeindereform. Allerorten wurden Anfang der 70er Jahre kleine Gemeinden an größere Städte angegliedert oder schlossen sich – etwa in Freiberg oder Remseck – zu größeren Einheiten zusammen. Die Landesregierung übte dabei, so auch in Rielingshausen, „sanften Druck“ aus, wie es der Ortsvorsteher Jens Knittel formulierte.

Um eine Zwangseingemeindung habe es sich aber keinesfalls gehandelt, so Stadtarchivar Albrecht Gühring in seinem Festvortrag. Sondern vielmehr um einen freiwilligen Anschluss, der auf dem Ergebnis einer Bürgerbefragung basierte. Denn die Rielingshäuser hatten die Qual der Wahl und konnten sich aussuchen, ob sie mit Marbach oder Steinheim fusionieren wollten. Das Votum fiel eindeutig für Marbach aus.

Danach entschieden die Rielingshäuser in einem weiteren Urnengang darüber, ob sie tatsächlich die Ehe mit der Schillerstadt eingehen wollten. 501 Bürger stimmten dafür, nur 129 wollten weiter selbstständig bleiben. Schon einen Tag darauf, am 20. März 1972, gab auch der Gemeinderat sein Ja-Wort – bei lediglich einer Gegenstimme.

Für Rielingshausen sei diese Entscheidung mit einem tiefgreifenden Wandel verbunden gewesen, sagte Bürgermeister Jan Trost. Doch der heutige Stadtteil habe profitiert. Nicht zuletzt deshalb, weil Rielingshausen sich seinen unverwechselbaren Charakter bewahrt habe. „Der Prozess des Zusammenwachsens ist gelungen“, so Trost. „Den jungen Menschen ist heute gar nicht mehr bewusst, dass Rielingshausen früher eine selbstständige Gemeinde war.“

Im Wettstreit der Kommunen werde es immer wichtiger, attraktiv für Neubürger zu bleiben, so der Bürgermeister. Für eine relativ kleine Siedlung wie Rielingshausen – heute hat der Stadtteil fast 3000 Einwohner – sei es deshalb hilfreich, einen größeren Partner wie Marbach zu haben. „Es hat sich für beide Seiten ausgezahlt, die verwaltungstechnischen und finanziellen Ressourcen zu bündeln“, sagte Trost. „Es war zukunftsweisend, auf eine große kommunale Einheit zu setzen.“

Wie in jeder Ehe habe es in den vergangenen 50 Jahren Hochs und Tiefs gegeben, so Ortsvorsteher Knittel, beide Seiten hätten mitunter Kompromisse eingehen müssen. Als wichtigen Bestandteil des Ehevertrags bezeichnete er den Bestandsschutz für das Rielingshäuser Rathaus, das bis heute eine örtliche Verwaltungsstelle geblieben ist.

Zur Akzeptanz beigetragen habe auch, dass Rielingshausen nicht nur vier ständige Vertreter in den Marbacher Gemeinderat entsende, sondern weiterhin einen eigenen Ortschaftsrat habe. Dieses Gremium dürfe sich übrigens nur selbst auflösen, fügte Knittel augenzwinkernd, aber auch selbstbewusst hinzu. „Falls jemals Gedanken über eine Abschaffung des Ortschaftsrats aus Marbach an uns herangetragen werden sollten, kann ich nur eines sagen: Es ist sinnlos.“