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Versiegelte Erinnerungen

Die Esslinger Künstlerin Margit T. Schranner zeigt „letters to myself“ in der Korntaler Galerie 4/1

Ahnengalerie auf Japanpapier: Margit T. Schranner in ihrer Ausstellung. Fotos: Ramona Theiss
Ahnengalerie auf Japanpapier: Margit T. Schranner in ihrer Ausstellung. Foto: Ramona Theiss
Ahnengalerie auf Japanpapier: Margit T. Schranner in ihrer Ausstellung. Fotos: Ramona Theiss
Ahnengalerie auf Japanpapier: Margit T. Schranner in ihrer Ausstellung. Foto: Ramona Theiss

Korntal-Münchingen. „Wenn ich’s konkreter hätte beschreiben wollen, dann hätte ich ein Buch geschrieben“, sagt Margit T. Schranner. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wäre dann wohl ein nicht unpassender Titel gewesen. Denn das zentrale Thema von „letters to myself“, der Einzelausstellung der 1966 geborenen Künstlerin aus Esslingen im Kunstverein Korntal-Münchingen, die am Sonntag eröffnet und bis 10. Oktober gezeigt wird, ist das der Erinnerungskultur und -arbeit. „Woher komme ich?“: Dieser Frage gehen alle 37 Arbeiten, die Schranner mit viel Gespür für die Dimensionen des Wohnungsgrundrisses der Galerie 4/1 an deren Wänden platziert hat, auf die eine oder andere Weise nach.

In ihrer im Obergeschoss zu sehenden Installation „Genpool“ wandelt der Betrachter durch eine Ahnengalerie ihrer weiblichen Vorfahren, deren fotografische Porträts sie in verschiedenen Vergrößerungen auf Japanpapier gedruckt und die Blätter anschließend mit Acrylbinder verleimt hat. Wie Fahnen oder gestärktes Textil von der Decke abgehängt und gegeneinander versetzt, erlauben sie frei im Raum schwebend vielerlei Perspektiven auf sie einzunehmen. Allein: Ihre Umrisse, ihre Konturen werden dadurch nicht klarer – im Gegenteil: Je näher man an die vielschichtigen Transfer-Lithografien heranrückt, desto spürbarer wird die Abwesenheit der darauf abgebildeten Personen.

Aus vielen Schichten bestehen auch die 18 Arbeiten aus der Werkgruppe der collagierten Wachs-Mischtechniken: Zunächst finden gedruckte Fotos und „Hintergründe“, Bildträger in verschiedenen Formaten und Stärken, zusammen. Dann beginne ein „langer Prozess“ des Verbindens, Wiederauflösens, Überschichtens und Herauskratzens, dessen Medium hauptsächlich Wachs ist.

Stets arbeite sie parallel an mehreren Bildern; zu wissen, wann der Prozess abgeschlossen ist, sei eine Sache der Intuition, so Schranner. „Wenn die Komposition sich ausgewogen anfühlt und genug Spannung drin ist“, umreißt die in Nürtingen auch als Kunsttherapeutin ausgebildete Künstlerin ihre wichtigsten Kriterien. Zeit ist nicht nur ein wesentliches Thema, sondern auch ein wesentlicher Faktor für die Kunst der 54-Jährigen. Ein wiederkehrendes Motiv dieser Werkgruppe ist „die Figur mit den Zweigen“ (Schranner). Die fotografischen Vorlagen würden eigens dafür inszeniert, verrät die seit 2000 in Esslingen lebende Künstlerin, die sich auch im Verein Artgerechte Haltung Bildende Künstler Esslingen engagiert; manchmal sei sie selbst darauf zu sehen, oft auch nicht. Geweih (das Wort „antlers“ findet sich im Titel einiger Arbeiten), Antennen, (umgekehrte) Wurzeln gar – viele Assoziationen stellen sich zum Geäst über dem Kopf der Frauengestalt ein. Schranners Bilder hüten sich gewissenhaft davor, eine davon zu bestätigen, dementieren sie aber auch nicht.

Den leisen, intimen Wachsbildern stehen großformatige Acrylmalereien gegenüber, die ihre Verbundenheit mit der Tradition gestischer Malerei im Sinne eines Antoni Tàpies nicht verleugnen, aber dennoch wie die kleineren Arbeiten in vielen Arbeitsschritten und Abklingphasen entstehen.

Tatsächliche Tagebücher bilden das Ausgangsmaterial für Schranners Buchobjekte der Serie „memories from the past“ – und zwar ihre eigenen, vor mehr als 30 Jahren entstandenen. Vollständig in Wachs versiegelt, habe sie mit dieser Phase ihres Lebens abgeschlossen. Auf den fünf Tischchen ihrer Installation „memories lost“ liegen lange Ketten aus kleinen Täschchen, zusammengenäht aus metallisch beschichtetem Reispapier. Manche scheinen durchnummeriert zu sein, andere sind mit kleinen Symbolen markiert. Ein Sinnbild für Gedächtnisprozesse, aber auch für die gesamte Ausstellung. Oder in den Worten der Künstlerin: „Win Archiv dessen, was man erinnert – und dessen, was man nicht erinnert.“

Info: Geöffnet ist die Ausstellung samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos unter www.kunstverein-korntal-muenchingen.de.

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