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Viel mehr Papierkram als gedacht

Auf hoher See und vor Gericht ist man in Gottes Hand. Auf die Teilnehmer einer Führung des städtischen Ferienprogramms trifft dieses alte Sprichwort freilich nicht zu, denn die Kinder dürfen in kompetenter Begleitung einen Blick hinter die Kulissen des Ludwigsburger Amtsgerichts werfen.

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Sabine Kubinski (links) und Wachtmeisterin Angelika Schulz (ganz rechts) erklären den Kindern die Abläufe am Amtsgericht. Foto: Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Veranstalter ist die Zeugen- und Prozessbegleitung von Prävent Sozial (Stuttgart). Die gemeinnützige GmbH leistet unter anderem psychosoziale Betreuung für Zeugen, die in einem Strafverfahren aussagen müssen. Der Schwerpunkt der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter liegt dabei auf Prozessen, in denen Zeugen Angaben zu schweren Gewalt- und Sexualdelikten machen.

 

Schon vor dem Gerichtsgebäude wird schnell deutlich, dass das Gericht eine ganz eigene Welt ist. Was zum Beispiel ist der 24-Stunden-Briefkasten am Eingang? „Immer um Mitternacht geht eine Klappe im Briefkasten hoch. So kann man genau erkennen, an welchem Tag ein Brief hinterlegt wurde“, erklärt Wachtmeisterin Angelika Schulz.

 

Sie muss es wissen, schließlich arbeitet sie seit vielen Jahren als Wachtmeisterin am Amtsgericht. „Fristen sind beim Gericht sehr wichtig“, betont Schulz. „Und wer eine Frist versäumt, hat unter Umständen ein Problem.“

 

Ihr erster Dienstgang am Tag besteht aus der Leerung des Briefkastens. Die Briefe und Dokumente bringt sie anschließend zur Poststelle. In dieser häuft sich das Papier stapelweise, wie die Kinder gleich darauf mit eigenen Augen feststellen – und das, obwohl der Gerichtsbetrieb in den Ferien stark abgespeckt abläuft. „Wenn Ihr überlegt, später einmal am Gericht zu arbeiten, müsst Ihr damit rechnen, dass viel Papierkram auf Euch zukommt“, warnt Sabine Kubinski von der Zeugen- und Prozessbegleitung.

 

Wachtmeisterin Schulz und ihre Kollegen sind natürlich nicht nur für die Post, sondern auch für die Sicherheit im Amtsgericht zuständig. Im Gegensatz zu Polizisten tragen Wachtmeister in Baden-Württemberg keine Pistolen, erläutert Schulz – die Gefahr, dass ein Angeklagter die Waffe in seinen Besitz bringt, wäre zu groß. Doch die Wachtmeister haben alles im Blick. Wenn die Angeklagten aus der Untersuchungshaft in Stammheim oder Asperg morgens im Bus zum Amtsgericht gebracht werden, unterziehen sie ihre Pappenheimer einer genauen Prüfung. Zudem werden bei riskanten öffentlichen Verhandlungen alle Angeklagten, Zeugen und Besucher durch eine Schleuse geführt, ein Metalldetektor erkennt Waffen und spitze Gegenstände.

 

Im weiteren Verlauf stehen unter anderem ein Gespräch mit einer Richterin und ein Besuch im Gerichtssaal auf der Tagesordnung. Dort klicken Handschellen, die Kinder dürfen Schutzwesten anlegen. Zum Abschluss schlüpfen sie sogar in die Rolle von Richter, Staatsanwalt und Verteidiger und spielen eine echte Verhandlung nach. Kubinski hat einen Tipp: „Unter dem Tisch des Richters befinden sich zwei Knöpfe. Drückt nicht da drauf, sonst kommen die Wachtmeister.“ (fk)