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Viele Fragen zu tödlichem Unfall in der Schwieberdinger Straße

Am Montag ist vor dem Landgericht Stuttgart das Urteil gegen die junge Frau gefallen. Archivfoto: Stefan Puchner/dpa
Am Montag ist vor dem Landgericht Stuttgart das Urteil gegen die junge Frau gefallen. Archivfoto: Stefan Puchner/dpa
Im Prozess gegen eine 20-Jährige aus Löchgau hat jetzt die Beweisaufnahme begonnen. Die junge Frau hat im Juni 2021 einen 50-jährigen Mann in der Schwieberdinger Straße überfahren. Die wichtigste Frage dabei lautet: Wurde die Frau zuvor von dem Mann bedroht?

Ludwigsburg. Nach der Anklage der Stuttgarter Verkehrsstaatsanwaltschaft soll die Frau in der Tatnacht mit ihrem Auto zusammen mit ihren zwei Mitfahrerinnen zunächst in einer Einfahrt an der Schwieberdinger Straße geparkt haben. Die jungen Frauen wollten dort eine Pause machen und eine Zigarette rauchen. Als die Frauen weiterfahren wollten, sei dann ein nur mit Unterhose und Bademantel bekleideter Mann vor dem Fahrzeug aufgetaucht. Bei dem Versuch, in Panik dem Unbekannten zu entkommen, wurde dieser von dem Auto der Löchgauerin erfasst und überrollt. Zwei Stunden später starb er im Krankenhaus.

Vor Gericht weist die Angeklagte jegliche Form absichtsvollen Handelns in Bezug auf die Tötung weit von sich. Sie habe in einer Notwehrsituation Gas gegeben, weil der Mann in drohender Haltung eine Art Schlagstock gegen sie und ihre Begleiterinnen erhoben habe.

Ob diese Version stimmt und die Angeklagte daher vom Vorwurf des Totschlags befreit ist und stattdessen für eine Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt werden muss, versuchte das Gericht, am zweiten Verhandlungstag am Dienstag durch Zeugenvernehmungen zu erhellen.

Zuerst standen die beiden jungen Mitfahrerinnen im Zeugenstand. Ihre Aussagen widersprachen sich allerdings erheblich. Zum Beispiel in der Frage, ob die Beifahrertüre beim Aufprall auf das Opfer geöffnet oder geschlossen war.

Zeugenaussagen widersprechen sich

Danach waren die in der Tatnacht ermittelnden Polizeibeamten an der Reihe. Sie konnten vor allem Auskunft darüber geben, was die ersten Zeugen, kurz nach dem Vorfall, zu Protokoll gaben. Zum Beispiel war die Rede davon, dass das Opfer eventuell von einem Baum oder von einer Mauer auf das Auto der Angeklagten gesprungen sei und diese dann bedroht habe. Die Angeklagte selbst hatte damals angegeben, der Mann sei plötzlich, vermutlich aus einem Gebüsch, an die Motorhaube herangetreten, habe sich daran festgehalten und dann mit einem Stock mit spitzer Metallklinge gedroht. Davor habe sie Angst gehabt. Die Rede ist auch davon, dass das Opfer die Frauen nicht mit einem Stock, sondern mit einem Schwert oder Degen, der aus dem Gehstock ausziehbar ist, bedroht habe. Darüber hat es viele unterschiedliche Aussagen gegeben, sagt einer der Beamten im Zeugenstand.

Tatsächlich war der vermeintliche Drohgegenstand kein Schwert und auch keine Stichwaffe, sondern ein Gehstock. Allerdings kein ganz normaler Gehstock, denn er hatte eine abklappbare Handschlaufe und eine acht Zentimeter lange Metallspitze. Einer der Polizeibeamten hat den Stock sogar in den Gerichtssaal mitgebracht. Er wurde nach dem Unfall in der Nähe des Opfers auf der Schwieberdinger Straße sichergestellt. Mit diesem Instrument habe das spätere Opfer herumgefuchtelt, während er sich an der Motorhaube des Fahrzeugs festgeklammert hat, so ein weiterer Zeuge. Er habe auch gehört, wie die Angeklagte zu dem Unbekannten sagte, er solle weggehen. Dann habe sie Gas gegeben und ihn zunächst von der Motorhaube abgeworfen und danach überrollt, so der Zeuge.

Aus Notwehr? Die Richterin der 4. Strafkammer ist bekannt dafür, sehr kritische Nachfragen an ihre Zeugen zu stellen. So will sie jetzt auch genau wissen, in welcher Lage man den Schwerverletzten aufgefunden hat. Und ob der Körper vor dem Eintreffen der Unfallermittler bewegt oder gedreht wurde.

Gericht will Videoaufnahmen sichten

Die Polizisten können das nicht mit Sicherheit beantworten. Ein Sachverständiger soll hierfür am nächsten Sitzungstag befragt werden. Von einem anderen Zeugen habe das Gericht den Hinweis erhalten, dass von der Unfallstelle mehrere Fotos angefertigt wurden und dass diese Bilddateien der Polizei übergeben worden seien. Doch keiner der Beamten, die am Dienstag ihre Aussagen machten, weiß etwas von diesen Fotos.

Im Laufe der Verhandlung will das Gericht auch noch Videoaufnahmen sichten, die von einer Tankstelle stammen, die gegenüber der Unfallstelle liegt. Ob sie das Unfallgeschehen aufgezeichnet haben, ist allerdings noch offen. Es sind noch viele Fragen offen. Der Prozess geht am 18. Juli weiter.

Schon Ende des Monats soll das Urteil fallen.