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Viele Sympathien für den Teufelspakt

Die sechste Watchparty der Staatsoper beleuchtet die Rolle des Staatsopernchors in Arrigo Boitos „Mefistofele“

Stimmgewaltig: Mika Kares als Mefistofele. Foto: Thomas Aurin/p
Stimmgewaltig: Mika Kares als Mefistofele. Foto: Thomas Aurin/p

Stuttgart. Der größte Star der Stuttgarter Staatsoper ist kein Individuum, sondern ein Kollektiv: Mit 13 Auszeichnungen als „Opernchor des Jahres“, ermittelt in den jährlichen Kritikerumfragen der Fachzeitschrift Opernwelt, nimmt das Ensemble der Stuttgarter Staatsoper fast schon den Rang eines Bayern München in der Liga deutscher Opernchöre ein. In „Mefistofele“, Arrigo Boitos einziger, 1868 in der Mailänder Scala uraufgeführter Oper, die nun bis Mitte Mai im virtuellen Stuttgarter Opernhaus als Video-on-demand abrufbar ist, kommt dem Chor zentrale Bedeutung zu: Mehr als 35 Minuten Musik gestalten die 74 Sängerinnen und Sänger in den vier Akten der „Faust“-Adaption des nachmaligen Verdi-Librettisten, während sie wechselweise himmlische Heerscharen, lebenslustige Volksmassen und den orgiastischen Tanz des Hexensabbats verkörpern – nahezu eine Hauptrolle also.

Insofern naheliegend, dass die nunmehr bereits traditionelle Watchparty, mit der die Staatsoper den Streamingzeitraum einläutet, die Gelegenheit nutzt, die Tätigkeit des sonst tendenziell im Hintergrund wirkenden Chors in den Mittelpunkt zu stellen. Das Timing passt: Just am Abend der Walpurgisnacht treffen Chordirektor Manuel Pujol sowie Mireille Neumeister und Tomasso Hahn-Fuger, beide bereits seit den Neunzigerjahren Mitglieder des Staatsopernchors, im Videokonferenzmodus auf Johannes Lachermeier, den Kommunikationsdirektor des Hauses, um die Arbeit des preisgekrönten Ensembles näher zu beleuchten. Die Mehrheit der Partygäste an diesem Abend bekundet Sympathien mit dem Teufelspakt, doch mehr als 40 Prozent halten dem Engelschor die Treue, so das Ergebnis der Einstiegsumfrage. Neumeister (Sopran II) möchte sich gar nicht zwischen diesen beiden Optionen entscheiden müssen, auch Pujol, seit der Spielzeit 2018/2019 in Stuttgart, ist hin- und hergerissen, schlägt sich schlussendlich aber doch auf die Seite der himmlischen Heerscharen.

Lediglich Hahn-Fuger (Bass II) muss da keine Sekunde lang überlegen: Sein „Himmel!“ kommt wie aus der Pistole geschossen. Wie grandios der Chor seine großangelegte Partie hier meisterte, macht ein Ausschnitt aus dem „Prolog im Himmel“ deutlich: „Die große Herausforderung bestand darin, eine homogene Klangmasse zu erzeugen, die nie aufhört. Jeder musste individuell atmen, damit es so klingt, als ob es auf einem Atem gesungen wird“, erklärt Pujol.

Zur von einer wenig sängerfreundlich geschriebenen Partitur geforderten Virtuosität komme hinzu, dass viele Passagen im Verlauf der rund zweieinhalb Stunden sich ähneln, aber nie gleichen: „Das ist einfach viel Notentext, der erstmal gelernt werden will.“ Daher habe man bereits ein Dreivierteljahr vor der Premiere mit den Proben begonnen: „Das muss man erst in den Körper, dann ins Langzeitgedächtnis bekommen.“ Entsprechend habe er auch noch am Tag nach der Aufführung die Verausgabung gespürt, berichtet Hahn-Fuger und zieht eine Parallele zum Hochleistungssport. Nicht weniger herausfordernd seien die Choreografien und Kostümwechsel auf offener Bühne in der bildgewaltigen Inszenierung von Àlex Ollé (La Fura dels Baus) gewesen, so Neumeister. In der wird die Studierstube zum modernen Anatomiesaal; stimmgewaltig Mika Kares in der Titelpartie, nicht weniger beeindruckend Antonello Palombi in der Rolle des Faust und die Wahnsinnskoloraturen von Olga Busuioc (Margherita/Elena).

Info: Der Mitschnitt ist abrufbar bis zum 14. Mai um 17 Uhr.

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