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Vom Affen bis zum Ziegenbock

Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen bietet einen neuen Einblick in ihre Sammlung

Karl Henning Seemanns „Stier auf Weltkugel“.Foto: Ramona Theiss
Karl Henning Seemanns „Stier auf Weltkugel“. Foto: Ramona Theiss

Bietigheim-Bissingen. Korrespondierend zur neuen Ausstellung „Ernst Ludwig Kirchner. Tierleben in den Davoser Alpen“ im Haupthaus (wir berichteten) zeigt die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen im historischen Gebäudeteil die aus den Beständen der eigenen Sammlung heraus kuratierte Schau „Von Vierbeinern, Federvieh und Flügelwesen“. Seit 1989 sammelt die Städtische Galerie systematisch Kunst mit Schwerpunkt auf dem künstlerischen Linolschnitt – insbesondere in diesem Bereich gilt die Sammlung als europaweit einzigartig und wächst, nicht zuletzt durch die Ankäufe des alle drei Jahre ausgeschriebenen Grafikwettbewerbs „Linolschnitt heute“, kontinuierlich. „Hier hat es sich angeboten, nach Tierdarstellungen zu suchen – und wir wurden dermaßen fündig, dass wir bei weitem nicht alles ausstellen konnten“, sagt Dr. Isabell Schenk-Weininger beim Presserundgang durch die Räumlichkeiten des behutsam sanierten Altbaus.

Aus den über 300 in der Sammlung vertretenen Positionen haben die Galerieleiterin und ihre Stellvertreterin Dr. Petra Lanfermann knapp 30 ausgewählt, die nun bis zum 21. November gezeigt werden. Während Kirchner in den Schweizer Alpen hauptsächlich Nutztiere wie Kühe oder Ziegen „Modell gestanden“ haben – immer wieder auch Katzen und Pferde, nur vereinzelt dagegen Schafe – vermutlich begründet in der Entsprechung ihres kantigen, knochigen Körperbaus mit seinem spröden, eckigen Strich, sind in der Studioausstellung neben heimischen Tieren auch exotische Spezies zu sehen. Allein schon die zu bestaunende Artenvielfalt beeindruckt und reicht vom Affen bis zum Ziegenbock. Auch Fabelwesen wie das Einhorn fehlen nicht.

Überraschend vielfältig ist auch die Technik des Linolschnitts. Ein dezenter, zurückgenommener Kolorismus herrscht auf den delikaten Jugendstil-Farbstichen vor, mit denen die österreichische Künstlerin Norbertine Bresslern-Roth zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts große Erfolge feierte. Ganz auf flächige Wirkung und Schwarzweißkontrast setzen dagegen HAP Grieshabers Handprobendrucke zu seinem Buch „Nun sprechen die Kamele“ von 1970. Ebenfalls aufs Wesentliche reduziert, aber in der Handschrift eher Comic oder Street Art als Illustration sind die zehn Blätter von Karin Brosas Serie „Nichtschwimmer“ (2010). Willi Siber wiederum druckt auf Glas statt auf Papier, wodurch „Magie Vieh“ (2001) eine verwirrende Reliefwirkung erhält. Mit Arbeiten von Picasso, Miro und K.O. Götz finden sich aber auch große Namen in der aktuellen Gruppenausstellung wieder. Einen ironischen Ansatz verfolgt die deutsch-französische Künstlerin Julienne Jattiot mit ihren Farblinolschnitten in der Serie „Taxonomie“ (2012/2013): Arten wie dem „Flamingogodancer“, den „Hipstermiten“ oder dem „Diskoala“ könnte mancher schon begegnet sein – vor allem im Großstadtnachtleben.

Überaus bemerkenswert sind die großformatigen, ebenso detailliert ausgearbeiteten wie hintersinnigen Drucke des Australiers Rew Hanks, der in „Beer and Bunnies“ (2015) und „A Touch of Home“ (2016) die Gattung des Historienbilds für sarkastische Kommentare zur australischen Kolonialgeschichte nutzt. Wie ein Musterbuch der Schnitttechniken wirkt das grandiose Diptychon „Mädchen – mit Hühnern“ (2015) von Antje Seemann.

Vervollständigt wird die „Familienausstellung“ (Lanfermann) durch einen Querschnitt von Arbeiten regionaler Künstler, womit ein weiterer Sammlungsschwerpunkt des Hauses zum Tragen kommt: Insekten des Bietigheimer Künstlers Roland Bentz, Reptilien des in Besigheim lebenden Matthias Gnatzy, Pferde von Richard Hohly, die stilisierten Tiere von Fritz Melis, dessen Plastiken viele Bietigheimer Stadtteile zieren, Illustrationen von Hermann Rombach sowie Bronzen von Leonhard Oesterle und Karl-Henning Seemann komplettieren die Menagerie.

Info: Der Eintritt ist frei, der Besuch ohne Anmeldung und ohne besondere Nachweise möglich. Die bekannten Hygieneregeln einschließlich Maskenpflicht gelten weiterhin.

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