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Von Angelina Jolie zur künstlichen Intelligenz

László Bagossy gelingt an der Tri-Bühne mit „Snowden 3.3“ ein skurriles Panoptikum des Lebens.

Etwas unübersichtlich: „Snowden 3.3“ in der Tri-Bühne. Foto: Tri-Bühne/p
Etwas unübersichtlich: „Snowden 3.3“ in der Tri-Bühne. Foto: Tri-Bühne/p

Stuttgart. Einen „Theatertraum in einem Akt“ nennt der ungarische Regisseur und Autor László Bagossy sein neues Stück, das unter dem Titel „Snowden 3.3“ in der Tri-Bühne seine Uraufführung erlebte. Zunächst im Mittelpunkt dieses Stückes steht der US-amerikanische Whistleblower Edward Snowden, den Bagossy träumen lässt. Der ehemalige NSA-Agent träumt in seiner Moskauer Wohnung davon, dass ein kleines Theater ein Stück über sein Leben aufführt. Dazu trifft er sich mit dem ansonsten unterbeschäftigten Regisseur, mit dessen Gattin Vanda sowie den beiden Schauspielern Manuel und Silvia, sowie mit seiner Gattin, die ehemalige Bloggerin Lindsay Mills.

Gespielt werden in der Tri-Bühne die drei männlichen Figuren von Manuel Krstanovic und die drei Frauen von Silvia Passera. Drei und drei Rollen, daraus ergibt sich dann auch der Titel „Snowden 3.3“. Und schon damit wird es verwirrend. Denn die sechs Figuren sitzen meist alle um einen Tisch herum, nur die schnellen Platzwechsel zeigen an, wer gerade gemeint ist und es ist wohl nicht ganz unbeabsichtigt, dass der Zuschauer auch zuweilen den Überblick zu verlieren droht.

Auch die Themen der Dialoge, die sich hier entfalten, sind alles andere als klar und übersichtlich. Es geht schnell gar nicht mehr alleine um das, was Snowden antrieb, als er die Geheimnisse des US-Geheimdienstes öffentlich machte, es geht tiefer und weiter. Und Bagossy geht es definitiv nicht um Politik. Eher schon um Widersprüche, Absurditäten, Ambivalenzen, die die Menschheit durch ihr ganzes Leben und ihre ganze Geschichte begleiten. Es geht um den technischen Fortschritt, um künstliche Intelligenz und wozu sie fähig ist, wozu sie gut ist, welche Gefahren sie birgt. Keine einseitige Betrachtung, keine abschließende Stellungnahme, sondern ein Rundblick auf diverse Baustellen des Lebens. Realität oder Fiktion? Die Grenzen sind fließend, verwischen sich genauso wie die Frage, ob es in den Disputen auf der Bühne um Snowden geht, um den Text des Regisseurs oder das Spiel der Darsteller. Oder ist man gerade in Snowdens Wohnung, auf der realen Bühne oder im PC des Regisseurs?

Die Qualität des Stückes besteht in seiner umfassenden Beschreibung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, mit ganz unterschiedlichen Prioritäten. Und das ist eben auch eine Schwäche, denn es impliziert eine gewisse Unübersichtlichkeit, es zeigt sich so ambivalent wie das Thema. Aber es ist ein Genuss, diesen Dialogen zu folgen, die sich auf gewagte Thesen ebenso stützen wie auf handfeste Zitate. „Wir sind nicht die Krone der Schöpfung“, konstatiert denn auch László, der Regisseur, auf der Bühne, aber die anderen verweisen auf „Einstein, Thomas Mann, Mozart oder Bach“, und Lindsay darf schwärmerisch hinzufügen: „Angelina Jolie“. Und von dort geht es wieder zu höchst wissenschaftlichen Erörterungen, zu einer Katze oder zur künstlichen Intelligenz. Das Leben ist skurril und Bagossy zeigt die Absurditäten, verknüpft sie auf ungewöhnliche Weise. Mit den beiden Darstellern hat der Regisseur offensichtlich sehr genau das Stück erarbeitet, denn nur mit der gezeigten Präzision kann es auf Kurs gehalten werden und nimmt die Zuschauer mit in diese so reale Traumwelt.

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