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Von der Leichtigkeit des Scheins

Berührungspunkte jenseits der Kluft: Sabina Hunger und Felix Sommer. Fotos: Andreas Becker
Berührungspunkte jenseits der Kluft: Sabina Hunger und Felix Sommer. Fotos: Andreas Becker
Berührungspunkte jenseits der Kluft: Sabina Hunger und Felix Sommer. Fotos: Andreas Becker
Berührungspunkte jenseits der Kluft: Sabina Hunger und Felix Sommer. Fotos: Andreas Becker
Die Marbacher Galerie Wendelinskapelle zeigt in einer Ausstellung Objekte von Sabina Hunger und Bilder von Felix Sommer

Marbach. Nach der bemerkenswerten Schau der Baumeister-Schülerin Grete Werner-Wesner zeigt Monika Schreiber in ihrer Galerie in der Wendelinskapelle nun Arbeiten der beiden Sindelfinger Künstler Sabina Hunger und Felix Sommer. Seit langem im privaten Leben ein Paar, verfolgen beide unabhängig voneinander ihre jeweiligen künstlerischen Projekte im je eigenen Atelier. Die offensichtlichste Differenzierung verläuft bereits entlang der Grenzen der unterschiedlichen Disziplinen: Während Sommer, 1952 in Stuttgart geboren und an der dortigen Kunstakademie als Grafikdesigner ausgebildet, vorwiegend auf Papier oder Leinwand arbeitet, wobei sein Werk malerische Aspekte mit zeichnerischen vereint, widmet sich Hunger, Jahrgang 1958 und seit Mitte der Neunziger meistenteils im Bereich Kunst am Bau und im öffentlichen Raum tätig, hauptsächlich den Werkstoffen Keramik und Glas.

Über diese Kluft hinweg gibt es aber doch einige Berührungspunkte ihrer Positionen, wie die Marbacher Ausstellung offenbart. Die auffälligste Überschneidung zeigt sich in der Themenwelt ihrer Sujets: Artisten, Akrobaten, Tänzer, kurzum: Zirzensisches findet sich sowohl bei Sommer wie bei Hunger. Die Affinität zum Theater kommt bei Sommer nicht von ungefähr: „Ich wollte sogar mal Zirkusdirektor werden, aber daraus ist nichts geworden.“ Später hat er nahezu ein Jahrzehnt lang Kostüme für Stuttgarter Musical- und Theaterhäuser entworfen.

Der geschulten Hand des Modezeichners verdanken auch Sommers 49 Mischtechnik-Blätter, die Schreiber über die zwei Etagen ihrer Galerie verteilt hat, einen Gutteil ihres Reizes. In Bildern wie „Dressur der Fabeltiere“ kann der Blick lange schweifen, gibt es stets noch etwas zu entdecken. Doch auch die malerische Seite trägt zur Wirkung bei: Das Chiaroscuro der Farbhintergründe verleiht den Arbeiten eine unterschwellige Lebendigkeit, die vorwiegend gedeckte Palette geht bewusst sparsam mit intensiven Farbwerten um. Oft entstehen Sommers Bilder in Serien; neben Zirkusszenen mit Reitern, Hochradfahrern, Domteuren und Trapezkünstlern gehören die Mythen der griechischen Antike zu den häufigen Motiven, bevölkern Trojaner, Kykonen und Sirenen die Bildflächen. Harmlos ist das höchstens auf den ersten Blick: In „Artistische Landschaft IV“ wird schon mal eine rasch dahin geworfene Micky Maus zersägt. Dazwischen immer wieder: „Glücksucher“. Buchstäblich randständig sind viele dieser Figuren: „Das Risiko, das Lebensgefühl, immer vom Absturz bedroht zu sein, spiegelt sich in diesen Bildern“, sagt Sommer.

Ähnlich sieht das Hunger, deren Kleinplastiken Titel wie „Artistin II“ oder „Lange Tänzerin“ tragen: „Akrobaten begeben sich in Gefahr, um etwas Schönes zu zeigen.“ Parallelen zum Künstlerdasein liegen da nahe, findet die in Karlsruhe geborene Künstlerin. Zudem fasziniere sie, gerade angesichts ihrer „schweren“ Materialien, die scheinbare Leichtigkeit akrobatischer Vorführungen. Von einer Analogie zum „Seiltanz“ des Künstlerlebens sprechen beide. Hungers Kleinplastiken, die sie „Spielzeuge“ nennt, sind von einer spröden Zerbrechlichkeit: Man wagt sie kaum genau anzuschauen, diese fragilen Gebilde aus mit Keramikteilen verbundenen bunten Glasscherben verschiedener Provenienz. Begonnen hat diese Serie mit einem Fund von abgeschliffenen Produktionsresten vor Murano: „Seitdem sammle ich Scherben.“ Aber auch andere Fundstücke finden Eingang in ihre assemblageartigen Objekte.

Collagiert wirken zuweilen auch Sommers Bilder, denn manche Linie der Tuschezeichnungen wird zunächst mit der Radiernadel in den Acrylgrund geritzt. Zudem ist den Werken der beiden Sindelfinger eine gewisse Bühnenhaftigkeit eigen: Wo Sommer bei aller Figürlichkeit tendenziell darauf verzichtet, Raum darzustellen – und bei aller Narrativität auch darauf, Zeit linear aufzufassen: Was einen kompletten Zirkusabend beansprucht, kann doch auf einem Blatt zusammenkommen –, scheinen Hungers Kleinplastiken, anders als ihre auch ausgestellten Raku-Keramiken, sich geradezu ins Zweidimensionale zurückziehen zu wollen. Ihre „Figurinen“ zeigen eine Schau- und eine Rückseite – und nicht viel mehr. Womit die wohl tiefgreifendste Korrespondenz ihrer Positionen erreicht wäre: Wie bei Sommers Simultan-Welttheater-Manegen scheint auch in Hungers Kleinplastiken hinter dem heiteren ersten Eindruck ein anderer, nachdenklicherer, auch widerspenstigerer Horizont auf.

Info: Die Ausstellung „Objekte * Malerei * Grafik“ von Sabina Hunger und Felix Sommer ist bis 26. September in der Wendelinskapelle zu sehen.