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Von der Metropole nach Benningen

Die Kolumbianerin Nancy Massat folgte ihrem Mann nach Deutschland – In Bogotá eine behütete Kindheit erlebt

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In einer Bücherei fühlt sich die Bibliothekarin Nancy Massat sehr wohl. Sie arbeitet aber auch sehr gern als Spanischlehrerin. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Nancy Massat stammt aus Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Sie ist eine der am schnellsten wachsenden Metropolen Südamerikas. Doch was die 52-Jährige von ihrer Kindheit berichtet, klingt ähnlich wie eine Erzählung aus Benningen, ihrem neuen Heimatort. „Wir haben in einem ruhigen Viertel mit Einfamilienhäusern gelebt, es gab viele Familien. Wir Kinder haben immer zusammen auf der Straße gespielt“, erzählt die Tochter eines Buchhalters und einer Bibliothekarin. Sie und ihre ein Jahr jüngere Schwester haben in der Millionenmetropole, die in der fruchtbaren Hochebene der Anden 2640 Meter über dem Meeresspiegel liegt, eine behütete und schöne Kindheit erlebt, die ihr bestens in Erinnerung ist.

„Heute ist die Situation in Bogotá eine andere“, spricht Nancy Massat über Massenzuwanderung und Elendsviertel, fehlende öffentliche Verkehrsmittel, steigende Kriminalität und Drogenprobleme. „In unserem alten Viertel ist es nicht mehr schön. Meine Eltern haben das Haus verkauft und sind umgezogen.“

Nach dem Abitur hat Nancy Massat Bibliothekswesen studiert und anschließend als Diplom-Bibliothekarin in verschiedenen Firmen gearbeitet. Ob Öl-Unternehmen oder Versicherung, alle haben ihre eigene Bibliothek, die von Fachpersonal betreut wird. Als sie 1997 ein Praktikum bei einer Firma in Irland absolviert hat, nutzte sie die Gelegenheit, um noch einen Englischkurs in London anzuhängen. Dabei lernte sie den Berliner Ulf Massat kennen. Doch bis aus den beiden ein Paar wurde, sollte noch einige Zeit vergehen.

Nach ihrem Europaaufenthalt ging die Bibliothekarin zurück in ihre südamerikanische Heimat, legte aber ein Jahr später ein Sabbatjahr ein. Nach vier Monaten in den USA bereiste sie Europa und traf auch Ulf Massat wieder. Der Rückkehr nach Kolumbien folgte zwei Jahre später ein erneutes Treffen in Florida. Jetzt wollten sich die beiden nicht mehr trennen, 2001 feierten sie Hochzeit in der Schweiz, wo er zu dieser Zeit eine Stelle hatte. „Wir haben zwei Jahre im Tessin gelebt“, blickt Nancy Massat zurück. Es folgten zwei Jahre in Bayern, bis das Ehepaar 2005 aufgrund seiner neuen Stelle bei einem Freiberger Unternehmen ins Neckartal zog.

„Zunächst haben wir vier Jahre in Gemmrigheim gewohnt, dann haben wir die Wohnung in Benningen gekauft“, so Nancy Massat, die schmunzelnd von anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten wegen des schwäbischen Dialekts erzählt. Eigentlich wollte die Kolumbianerin, die neben ihrer Muttersprache Spanisch, Englisch, Italienisch und auch fließend Deutsch spricht, wieder als Bibliothekarin arbeiten. „Doch ich habe leider außer zwei Praktika keine Stelle bekommen“, sagt Nancy Massat. Sie hat deshalb eine Fortbildung zur Spanisch-Lehrerin absolviert. Seit 2009 arbeitet sie als Dozentin an der Schiller-Volkshochschule und der Volkshochschule Ludwigsburg – eine berufliche Tätigkeit, die ihr sehr viel Spaß macht.

In ihrer Freizeit tanzt sie leidenschaftlich gern, besonders lateinamerikanische Tänze wie Salsa. Ihre Reiselust hat sie ebenso behalten wie ihre Freude an Fortbildung, was sie trefflich zu verbinden versteht. So hat sie im Vorjahr über das Erasmus-Stipendium plus für Lehrer einen Kurs in Santiago de Compostela besucht. In diesem Jahr geht es nach Madrid und auch noch nach Florida zu einem Treffen mit Freunden aus Kindertagen. Diese Gelegenheit nutzt sie dazu, um eine Reise nach Costa Rica mit Besuch bei einer Cousine anzuhängen. „Nach Kolumbien reise ich alle vier bis fünf Jahre“, sagt Nancy Massat, die noch ihren kolumbianischen Pass hat. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester hält sie in der Zwischenzeit Kontakt über den Smartphone-Messenger Whatsapp oder Telefon. „Heimweh habe ich nicht“, sagt die Frau. „Das liegt sicher auch daran, dass ich sehr selbstständig bin und gern reise. Ich finde es interessant, andere Kulturen kennenzulernen. Ich erlebe und genieße das Leben und habe keine negativen Gedanken.“