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Verwaltung

Von morgens bis abends im Krisenmodus

Geschäfte, Spielplätze und Freizeitanlagen werden geschlossen, das Leben in der Stadt steht Kopf. Wir sprachen mit Ludwigsburgs OB Matthias Knecht und Erstem Bürgermeister Konrad Seigfried.

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Foto: Oliver Bürkle

In einigen Städten gab es seit Montag Sicherheitsschleusen, der Zugang zum Rathaus wurde streng kontrolliert. Wie sieht es in Ludwigsburg aus?

Knecht: Wir haben das Rathaus seit gestern für den Publikumsverkehr geschlossen, das heißt aber nicht, dass wir unsere Arbeit eingestellt haben. Wir arbeiten mit vollem Einsatz weiter, versuchen aber die Gesundheitsrisiken zu vermindern. Unsere Mitarbeiter sind über Telefon erreichbar, die Nummern sind an den Türen ausgehängt.

Seigfried: Am Montag haben wir die Schließung des Rathauses beraten. Wir wollten uns vorbereiten. Um leistungsfähig zu sein, müssen die Telefonketten stimmen, wir haben Teams gebildet, diese teils gedoppelt, um handlungsfähig zu bleiben, sollte ein Corona-Fall auftreten.

Mussten Abteilungen wegen Krankheitsfällen geschlossen werden?

Seigfried: Nein, wir hatten ein Kind, das positiv getestet wurde, der Kindergarten wurde deshalb bereits Montag früh geschlossen. Zwölf Mitarbeiter der Verwaltung sind zuhause, weil sie in einem der Risikogebiete waren. Wir sind also noch komplett handlungsfähig.

Gibt es, wie man hört, ein Kontaktverbot von Mitarbeitern nach außen?

Knecht: Das gibt es nicht. Wir wollen die persönlichen Kontakte reduzieren, aber wir sind über Telefon und Mail jederzeit erreichbar. Wir wollen den Kontakt zu den Bürgern.

Seigfried: Wenn es ohne persönliche Vorsprache nicht geht, dann findet diese nach wie vor statt, allerdings nur mit Termin. Alles andere wird so abgewickel.

Nach der Finanzdebatte die Corona-Krise. Herr Knecht, schon wieder eine Herausforderung für den OB? Wie ist das für Sie?

Knecht: Es ist eine herausfordernde Situation, nicht nur für uns hier, sondern auch für Vereine, für den Sport, für Kultureinrichtungen, aber auch für Handwerker, Handel und Gastronomen. Viele können die Ausfälle nicht einfach kompensieren. Da reden wir mit dem Land und dem Städtetag, in Bayern wurde bereits ein Fonds ins Leben gerufen. So etwas erwarte ich auch für Baden-Württemberg. Wir müssen Lösungen der wirtschaftlich-finanziellen Art finden.

Corona verändert das Leben in der Stadt ganz massiv. Welche Perspektive gibt es für die Menschen die nächsten Wochen? Was raten Sie?

Seigfried: Es ist eine unwirkliche, nie da gewesene Situation, die wir jetzt erleben. Mich persönlich erinnert das als damals jungen Familienvater etwas an die Situation nach Tschernobyl (Anm.: Super-GAU im dortigen Atomkraftwerk), als wir unsere Kinder wegen der Strahlenbelastung nicht mehr rausgeschickt und uns bei Lebensmitteln eingeschränkt haben. Wir werden auch jetzt sehr stark auf unsere engen, sehr persönlichen Kontakte zurückziehen müssen. Bei dem schönen Wetter rate ich dann, geht nach draußen und vereinzelt euch. Es gibt aber auch angenehme Aspekte. Ich bin wieder mehr mit meiner Frau zusammen, da ich bereits um acht oder neun Uhr Abends zuhause bin. In normalen Sitzungswochen geht das nicht.

Knecht: Jetzt habe ich abends auch mal Zeit für zuhause und die Familie. Das wäre auch meine Bitte an die Bevölkerung. Bleiben Sie zuhause oder gehen Sie nur einzeln oder mit Partner und Kindern raus. Halten sie sich von anderen fern.

Seigfried: Ein Blick nach Oberitalien macht deutlich, was passiert, wenn wir die Ausbreitung des Coronavirus nicht in den Griff kriegen. Deshalb appellieren wir: Wir können es noch schaffen, dass wir nicht in diese Situation kommen. Aber das geht nur, wenn die Bevölkerung sich an die Aufrufe hält.

Wie sieht es bei älteren Menschen aus?

Seigfried: Wo Menschen einsam sind und Hilfe brauchen, da sehe ich ein Problem. Da bricht im Augenblick vieles weg, etwa auch bei Patenschaften für Kinder. Von älteren Menschen haben wir auch schon Notrufe bekommen, sie brauchen Hilfen beim Einkauf. Unser Fachbereich Bürgerschaftliches Engagement und Soziales wird helfen; es gibt aber auch schon private Initiativen und Organisationen, die Unterstützung anbieten. Auch in Altenheimen fällt den Menschen die Decke auf den Kopf.

Knecht: Wir kennen das in der Familie, nach einer Operation haben wir jetzt Kontaktsperre zur Oma, die sich in der Kurzzeitpflege befindet. Ich kann die Sorgen nur zu gut nachvollziehen.

Jetzt soll auch das Blühende Barock geschlossen werden, einer der letzten Orte in der Stadt, an dem man glaubte, noch hingehen zu können. Muss das sein?

Knecht: Grundsätzlich geht es uns um Maßnahmen zum Wohl unserer Bürger, es bleibt kein anderer Weg. Da ist Solidarität gefragt, auch Verständnis für die Einschränkungen. Was das Blühende Barock angeht, sind dort auf überschaubarem Raum sehr viele Menschen zusammen. Der Schwetzinger Schlosspark wurde am vergangenen Wochenende mit über 20 000 Besuchern geflutet, das sieht das Land als absolutes Gesundheitsrisiko. Diese Einrichtungen sind geschlossen worden, da fällt jetzt auch das Blühende Barock darunter.

Sogar Beerdigungen sollen nur noch in kleinem Rahmen abgehalten werden, wie soll das funktionieren?

Knecht: Wir nehmen das Thema sehr, sehr ernst, aber auch bei Beerdigungen besteht ein erhöhtes Risiko, wenn viele Menschen zusammenkommen.

Seigfried: Bei Hochzeiten ist es unproblematisch, da kann man die Trauung auf Brautpaar und Trauzeugen beschränken. Bei Beerdigung ist das nicht so einfach, aber müssen Begrenzungen einführen. Es gibt nichts Traurigeres als eine Beerdigung mit nur wenigen Menschen. Wenn aber 300 Trauergäste kommen ist das in der aktuellen Situation nicht vertretbar. Gerade bei älteren Menschen gibt es ein hohes Risiko.

Das heißt, Sie setzten auf Vernunft und Einsicht?

Seigfried: Ja, und wir lassen klären, wie die Regelung zum Versammlungsverbot hier anzuwenden ist.

Knecht: Ein zweites Thema ist: Viele Ältere fragen sich auch, was mit Optikern und Hörgeräteakustikern ist – dürfen die nicht wie die Apotheken geöffnet bleiben? Auch das werden wir möglichst schnell klären.

Es zeichnen sich Betreuungsprobleme ab, sei es bei der Altenpflegerin oder der Arzthelferin. Was kann die Stadt tun?

Seigfried: Die Regelung, dass beide Elternteile in einem systemrelevanten Beruf arbeiten müssen, also zum Beispiel als Arzt und bei der Feuerwehr, ist sehr eng gefasst und ist in ihren Auswirkungen nicht angemessen. Wir sind deshalb im Gespräch mit dem Kultusministerium. Ludwigsburg ist in der Lage, eine Notbetreuung sicherzustellen, allerdings können wegen dieser eng gefassten Regelung nur sehr wenige Eltern davon Gebrauch machen. Wir haben mehr als 3000 Kindergartenplätze, nur 75 Kinder werden derzeit betreut. Und gleichzeitig rufen Klink und Pflegeheime nach Hilfe, da ihnen Personal wegen der Kinderbetreuung fehlt. Wir können und wollen viel mehr Kinder betreuen, im Moment dürfen wir nicht.

Knecht: Dabei wäre ein Betreuungsbedarf da, es gibt Rückfragen aus dem Klinikum und von Alteneinrichtungen. Wir wollen das Klinikum hier mit aller Macht unterstützen, das in den nächsten Wochen weiter gefordert sein wird.

Politisch muss die Stadt handlungsfähig bleiben. Wie stellen Sie das sicher? Die Ausschüsse tagen nicht mehr.

Knecht: Wir sind in engem Austausch mit unseren Fraktionen und Stadträten. Am 25. März wird der Gemeinderat tagen, zu der die Bevölkerung keinen Zugang hat, die Öffentlichkeit wird aber durch die Presse gewährleistet, die wir einladen. Diese Sitzung findet statt, weil in ihr der Posten des Baubürgermeisters besetzt werden soll. Bei weiteren Beschlüssen, die bis 30. April anstehen, werden wir über Einzelfallentscheidungen des Oberbürgermeisters oder über Umlaufbeschlüsse des Gemeinderats die politische Handlungsfähigkeit garantieren. Das wird uns sicher auch gelingen.

Seigfried: Es wird ein zeitliches Delta geben, manches werden wir auf die Zeit nach der Coronakrise schieben müssen. Der OB kann auch bei Bedarf eine Eilentscheidung treffen.

Welche Projekte verzögern sich durch die Sitzungspause? Es steht ja vieles an, vom Klimaschutz bis Mobilität?

Knecht: Im Bereich Luftreinhaltung und Mobilität geht die Arbeit weiter, Bürgermeister Michael Ilk treibt das voran. Die Schilder für Tempo-Reduzierungen sind bestellt, die Busspuren kommen. Die Luftreinhaltung wird nicht wegen Corona Halt machen.

Seigfried: Was sich zum Beispiel verschiebt, ist der Beschluss über den Ausbau bei St. Paulus. Das wird leider Mai werden. Auch die Sporthallen-Frage sollte in die Stadtteilausschüsse, das müssen wir später nachholen. Ansonsten setzen wir alle Projekte, die wir in der Pipeline haben, fort.

Knecht: Auch die Arbeit am Klimabündnis und am Thema Wohnungsbau geht weiter. Aber wir brauchen Geduld. Gerade bewegt uns von morgens bis abends das Coronavirus.

Seigfried: Das augenblickliche Innehalten durch Corona trägt ungewollt zum Klimaschutz bei. Mehr, als das, was wir kurzfristig im Verkehr ändern könnten.

Wie sieht die Restwoche für Sie aus?

Seigfried: Das wissen wir noch nicht. Wir arbeiten unter Hochdruck, auch am Wochenende. Für den Stab gilt eine Urlaubssperre.

Knecht: Auch daheim am Esstisch liegt auf der einen Seite das Handy, auf der anderen der PC und im Zehn-Minuten-Takt wird hin und hertelefoniert.

Seigfried: Es wird so weitergehen, nicht nur diese Woche.

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