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„Von uns fährt kein einziger Bus“

Nahezu der gesamte Linienbusverkehr im Kreis liegt seit Montagfrüh lahm, nachdem die Gewerkschaft Verdi die Fahrer privater Unternehmen zu einem diesmal dreitägigen Streik aufgerufen hatte. Die Aktion zum Schulstart löst viel Kritik aus.

Spillmann hat als kommunales Unternehmen zwar einen eigenen Tarifvertrag, aber aus Solidarität streiken auch die Bietigheimer Fahrer, die sich wie die Kollegen aus Ludwigsburg auf ihrem Betriebshof versammelt haben. Unterwegs sind am Montag deshalb n
Spillmann hat als kommunales Unternehmen zwar einen eigenen Tarifvertrag, aber aus Solidarität streiken auch die Bietigheimer Fahrer, die sich wie die Kollegen aus Ludwigsburg auf ihrem Betriebshof versammelt haben. Unterwegs sind am Montag deshalb nur Busse von Firmen, die nicht bestreikt werden wie Knisel, oder für die die Betriebe Fahrer fanden. Foto: Ramona Theiss
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Kreis Ludwigsburg. Markgröningen, kurz nach halb acht. Der Verkehr staut sich auf der Schillerstraße, aus Richtung Oberes Tor kommend – und aus Richtung des Helene-Lange-Gymnasiums. Auch vor dem Hans-Grüninger-Gymnasium und der Realschule herrscht reger Verkehr, Türen gehen auf und zu, Schüler springen aus den Fahrzeuginneren.

Wenig später am Kornwestheimer Busbahnhof ein ähnliches Bild. Doch auch hier sind es nur Autotüren, die sich bewegen – von den Taxen, die im kurzen Abstand Menschen einsammeln. Alle Fahrer der Taxizentrale sind wegen des Streiks im Einsatz, heißt es. „Heute fährt nichts, oder?“, fragt eine Frau, die gerade mit vielen anderen von den Gleisen herüberkommt, zwar wissend um den Streik, aber doch hoffnungsvoll. „Nein, hier nicht!“, ruft ihr ein Mann zu. Ein Taxi will sie aber nicht nehmen. „Laufen ist gesünder“, sagt die Frau, und zieht vondannen – so wie eine zweite, die es zum Start in den Arbeitstag noch härter getroffen hat. Wegen Störungen habe sie lange auf die S-Bahn warten müssen, und nun stehen auch noch 25 Minuten Fußmarsch an, schimpft sie.

Der Bus, den die Frauen eigentlich nehmen wollten, steht derweil noch im Depot der Ludwigsburger Verkehrslinien LVL. An den Zäunen hängen Fahnen und Streikplakate, auf dem Hof haben sich die Fahrer locker versammelt – eine Kundgebung und Demozug sind erst für den Dienstag zentral in Stuttgart vorgesehen, Hunderte Fahrer aus dem Land werden dazu erwartet. „Von uns fährt kein einziger Bus“, berichtet der Betriebsratsvorsitzende Abdullah Tas stolz. Streikbrecher gebe es nicht, sagt er – während draußen ein Bus eines anderen, eigentlich ebenfalls bestreikten Unternehmens vorbeifährt.

Klar sei der Ausstand – der dritte nach den eintägigen Aktionen Ende Juni und Anfang Juli – schlecht für Passagiere und insbesondere die Schüler. „Aber das ist unser Recht und unsere Waffe. Wenn wir nicht an bestimmten Tagen streiken, hat das ja keine Wirkung“, sagt Tas. Und die sei nötig, sagt er mit Blick auf die bisherigen Verhandlungen. Den Fahrern geht es bei dem neuen Manteltarifvertrag vor allem um die bezahlte Zeit pro Dienstschicht: Nur rund elf Prozent einer Schicht will Verdi als Pause angerechnet haben, und nicht bis zu 25 Prozent wie derzeit.

Bis zu 500 Streikteilnehmer

Suzanna Tedesco vom Verdi-Bezirk Stuttgart geht davon aus, dass sich rund 400 bis 500 Beschäftigte an dem Streik in der Region beteiligt haben – auch Kollegen aus Busunternehmen, die nicht tarifgebunden sind. Insbesondere dort sei Druck auf die Fahrer ausgeübt worden. „Ich freue mich, dass sich die Kollegen nicht beirren lassen“, sagt Tedesco. Insgesamt werden laut Verdi rund 20 Betriebe bestreikt – neben dem Großraum Stuttgart auch in Schwäbisch Hall, Reutlingen oder Göppingen. Doch nicht alle sind so lahmgelegt wie die LVL. Die Streikbereitschaft sei zwar hoch gewesen, sagt Geschäftsführer Marco Trovato für die Württembergische Bus-Gesellschaft (Ludwigsburg) und Omnibus-Verkehr Ruoff (Hemmingen), aber ein Teil der Auftragnehmer habe fahren können – bei einem anderen Betrieb in Waiblingen aber nur nach einem Polizeieinsatz. Für Verärgerung habe das Ganze im Vorfeld dennoch gesorgt, berichtet er von Reaktionen von Fahrgästen, gerade nach den vielen Corona-Einschränkungen.

Auch sein Kollege Horst Windeisen hat gerade für den Termin kein Verständnis. Streik sei zwar ein Grundrecht, aber nicht ausgerechnet zum Schulstart, sagt der Geschäftsführer mehrerer Busunternehmen und Verhandlungsführer für den Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO). Verdi trage die Auseinandersetzung auf dem Rücken der Fahrgäste aus. „Ich weiß nicht, was das bringen soll, außer dass die Schüler noch mehr durch den Wind sein werden.“ Die Gewerkschaft liefere keine neuen Argumente.

Auch der Gesamtelternbeirat der Ludwigsburger Schulen empfindet den Zeitpunkt als ungünstig. „Viele Kinder kommen gerade aus dem Urlaub. Außerdem standen am Montag die ersten Coronatestungen auf dem Programm“, sagt die Vorsitzende Erika Macan. Sie weiß von Kindern, die es wegen des Streiks nicht in die Schulen geschafft haben. „Viele Eltern waren aufgebracht.“ Ähnlich äußern sich LKZ-Leser, die ansonsten aber Verständnis hätten, wie sie sagen.

Positiv bewertet es der Gesamtelternbeirat, dass Verdi schon am Donnerstag auf die Arbeitsniederlegungen hingewiesen habe – und sich Eltern vorbereiten konnten. Auch Claus Stöckle, geschäftsführender Schulleiter in Bietigheim-Bissingen, anerkennt das, wohl auch deshalb habe man an seiner Realschule im Aurain wenig gespürt („Ich persönlich bin aber über den Zeitpunkt verärgert“), ähnlich äußert man sich am Hans-Grüninger-Gymnasium in Markgröningen und beim Landratsamt, wo sich Eltern beschwert haben, das aber nicht viel mehr tun könne. „Wir haben niemanden im Regen stehengelassen“, sagt die Gewerkschafterin Tedesco dazu. Da die Arbeitgeber sich in den vergangenen Wochen aber nicht bewegt hätten, „mussten wir ein Zeichen setzen“.

Info: Die Gespräche zwischen Verdi und WBO sollen in der dann siebten Runde am 21. und 22. September fortgesetzt werden. Der Ausgang der Verhandlungen hat Auswirkungen auf rund 9000 Busfahrer im Südwesten.

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