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Warnung vor gefährlichem Idealismus

Wandlerin zwischen den Sprachen: Anne Weber. Foto: Andreas Becker
Wandlerin zwischen den Sprachen: Anne Weber. Foto: Andreas Becker
In ihrer Schillerrede plädiert die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber in Marbach für ein Ende der kulturellen Gemütseiszeit

Marbach. Sprach der Virologe Christian Drosten im vergangenen Jahr noch vom Ort seiner eigentlichen Wirkungsstätte aus, der Berliner Charité, ausschließlich zu am Bildschirm versammelten Zuschauern, konnte Anne Weber ihre diesjährige Schillerrede im Rahmen einer Hybridveranstaltung halten.

Seit Tagen bereits ausgebucht der Tagungsbereich im Deutschen Literaturarchiv (DLA), hatten sich weitere rund 100 Interessierte im Internet zugeschaltet. Seit langem ist traditionsreiche Rede fester Bestandteil der Schillerwoche, mit der der Geburtstag des am 10. November 1759 in Marbach geborenen berühmten Dichters und Denkers gefeiert wird, in diesem Jahr bildet sie sogar den Auftakt der Festwoche.

„Mensch, sagte ich mir, den November vor Augen und in Schiller versunken, du kannst doch nicht vor den Leuten stehen und in gesetztem Ton einen Vortrag halten, du kannst doch zu diesem Anlass nichts Gefriergetrocknet-Gescheites runterleiern“, hob die 1964 geborene Autorin und Übersetzerin an. „Hast du denn Schiller gar nicht gelesen? Hat er dich denn gleichgültig gelassen oder bist du durchs Feuer seiner Gedanken und dramatischen Einbildungen gegangen? Bist du fühllos geblieben wie ein morscher Balken oder hast du, manchmal wenigstens, Schwingen bekommen? Sieh dieses glatte, gebleichte Papier, sieh diese schwarzen, starren Buchstaben darauf – hey, ihr kleinen, eckigen Tintengesellen, lang genug geschlafen, hier kommt Schiller, setzt euch in Bewegung, wer führt den Tanz an?“

Pathos lässt die allermeisten Menschen heute kalt

Dergleichen Pathos lasse heute die allermeisten kalt, stellte Weber daraufhin fest: „Tatsächlich haben wenige Dichter es den Spöttern und Parodisten so leicht gemacht wie Schiller.“ Auch sie selbst habe „schon über mehr als einen Schiller-Vers den Mund verzogen“, räumte die im vergangenen Jahr für ihren Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftstellerin ein. Im heutigen Umfeld „distanzierter Schiller-Skeptiker und -Belächler“ mochte sich Weber jedoch nicht häuslich einrichten: Im Gegensatz zur Erdatmosphäre habe sich das „kulturelle Gemütsklima“ in Europa während der vergangen zwei Jahrhunderte stark abgekühlt. Schon lange sei niemand mehr bei einem Theaterbesuch in Ohnmacht gefallen, wie es von der Uraufführung von „Die Räuber“ 1782 in Mannheim berichtet wurde. Indes: „Neben manchen Dichtern und Werken werden Spötter zu Winzlingen, deren Giftpfeile keine Wirkung entfalten“, so Weber.

Schiller könne Spott und Ironie nichts anhaben. Zwar lese sie manches zähneknirschend und trage ihm seine Missachtung von Christiane Vulpius nach, ansonsten gelte: „Je l’aime et je m’incline (Ich liebe ihn und ich verneige mich).“

Der kurze Wechsel ins Französische belegt, was zuvor die französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes in ihrem Grußwort betont hatte: Wie kaum eine andere Autorin gilt Weber als „Brückenbauerin“ zwischen den beiden Nachbarländern, hat nicht nur Handke, Lewitscharoff, Genazino ins Französische sowie Duras, Michon und Wajsbrot ins Deutsche gebracht, sondern publiziert auch die meisten ihrer eigenen Werke zweisprachig. Szenen aus Schillers „Wilhelm Tell“ wie die Episode des zu grüßenden Huts des Landvogts Gessler oder dessen sadistischen Befehl an Tell, auf den eigenen Sohn zu schießen, würden sie – wenn auch von den Nazis missbraucht – gleichwohl an das erinnern, was unter deren Schreckensherrschaft geschehen ist.

Marquis Posa aus „Don Karlos“ ein „Prototyp des Idealisten“

In der Figur des Marquis Posa aus „Don Karlos“ erkannte Weber den „Prototyp des Idealisten“, der „die Bäume vor lauter Wald“ nicht sieht. Neuere Studien legten einen direkten Zusammenhang zwischen starken moralischen Überzeugungen und Gewaltbereitschaft nahe, so Weber. Beidem, den Erkenntnissen der Neurowissenschaft wie dem Ende von Schillers letztem Drama, entnehme sie, „dass wir uns vor unseren Idealen hüten sollten und auch vor dem Idealismus, wenn er den einzelnen Menschen vernachlässigt oder vergisst.“ Schillers Diagnose mit Blick auf die Französische Revolution in „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ lese sich so: „Es fehlt uns nicht sowohl an Licht als an Wärme.“