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Warnung vor Radikalisierung

Michael Blume warnt vor einem Erstarken des Antisemitismus. Foto: Ramona Theiss
Michael Blume warnt vor einem Erstarken des Antisemitismus. Foto: Ramona Theiss
„Die Antisemiten werden nicht mehr, aber sie radikalisieren sich zusehends“, sagt Dr. Michael Blume. Der Antisemitismusbeauftragte ist sich aber sicher, dass es ihnen kein zweites Mal gelingen werde, die deutsche Demokratie zu zerstören.

Remseck. Beinahe täglich geschehen antisemitische Vorfälle und Taten in Baden-Württemberg. 2021 waren es nach Auskünften des Staatsministeriums 337 Fälle, 2020 waren es 228 Fälle. Das ergibt einen Zuwachs um fast 50 Prozent. Gegenüber 2013 sogar vervierfacht. Die schwersten Anschläge jüngerer Zeit waren das Attentat in Hanau 2020 mit neun Opfern und die versuchte Brandstiftung an der Ulmer Synagoge im letzten Jahr. Vom Großteil der Fälle nimmt die Öffentlichkeit aber gar keine Kenntnis.

Der Religions- und Politikwissenschaftler weiß, wovon er spricht. Wegen seines Jobs sieht er sich täglich mit Beleidigungen und Bedrohungen auf allen Kanälen konfrontiert. Das gehe so weit, erklärte er auf Einladung der FDP-Landtagsfraktion in der ehemaligen Synagoge in Remseck-Hochberg, dass er nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen könne, Übernachtungsorte geheim gehalten werden müssten. Dem jungen Verein „Beth Shalom – Haus des Friedens“ brachte er eine Thora-Rolle mit, die er dem Vorsitzenden Kai Buschmann überreichte. „Sie erst macht aus einer Synagoge einen heiligen Ort.“

Wurzel des Antisemitismus

Die uralte Bildungskultur der jüdischen Religion sei Wurzel des Antisemitismus. Sie sei die erste Glaubensgemeinschaft überhaupt gewesen, die Jungen wie Alten, Männern, Frauen, Mädchen und Jungen, egal welchen Standes, Gelegenheit gab, Lesen und Schreiben zu lernen. Das verschaffte ihnen entscheidende Vorteile im alltäglichen Leben. Das machte sie aber auch suspekt bei der Obrigkeit und in der Gesellschaft. Neid und Argwohn war die Geburtsstunde von Verschwörungsmythen, die sich bis in die heutige Zeit durchziehen. Für alles, was schiefläuft oder einem nicht passt, wird ein Sündenbock gesucht und mündet in einem geheimnisvollen, verschwörerischen Weltenplan. Jüngstes Beispiel: die Querdenker-Szene.

„Wachsam bleiben“

Der 46-jährige Blume hat aufgegeben, die Mythen-Anhänger vom Gegenteil zu überzeugen. „Die werden wir nicht mehr erreichen“, bedauert er. Aber die Mehrheit von mehr als 80 Prozent der Bevölkerung rief er auf, wachsam zu bleiben und wenn nötig aufzustehen. Hitlers NSDAP hatte 1928 bei der Wahl zum Reichstag nur 2,6 Prozent der Stimmen, fünf Jahre später knapp 44. „Die Folgen waren weitreichend und sind bekannt“, warnte er.

Problem der sozialen Medien

Eine entscheidende Rolle spielten heute die neuen Medien. Rasant und ungefiltert verbreiteten sich Verschwörungsmythen, würde Geld gesammelt, Anschläge und Straftaten organisiert. „Wir werden mit weiteren rechnen müssen.“

„Antisemitismus greift niemals alleine Juden an“, betont Blume. Sie bestreite die Rechtmäßigkeit der Justiz und untergrabe die freiheitlich-demokratische Grundordnung, den Parlamentarismus. Ihn zu bekämpfen sei schwer. „Aber Antisemitismus ist nicht unbesiegbar.

„Die antisemitische Bewegung ist von erschreckender Aktualität und eine Herausforderung“, so der rechtspolitische Sprecher der FDP-Landtagsfraktion, Nico Weinmann. Als Erstes müssten jüdisch-israelitische Einrichtungen geschützt werden. Außerdem müsse Prävention durch Begegnung ermöglicht werden. So könne Vorurteilen begegnet und Ressentiments entkräftet werden. Schließlich müsse konsequent gegen Hass und Hetze auch im Netz vorgegangen werden.

Julia Goll, die innenpolitische Sprecherin der Partei, lobte die Initiative vom Verein Beth Shalom, einen interkulturellen und überkonfessionellen Raum zum Austausch zu schaffen. „Das ist ein Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis.“