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Weggeworfen wurde noch keine Impfdosis

Ärzte verzeichnen weniger Nachfrage nach Impfterminen, vor allem mit Astra Zeneca – Vermittlungsplattform sollen bei der Verteilung übriger Dosen helfen

Mehr als die Hälfte aller fast 318 000 Impfungen im Landkreis haben Ärzte in Praxen vorgenommen. Archivfoto: dpa
Mehr als die Hälfte aller fast 318 000 Impfungen im Landkreis haben Ärzte in Praxen vorgenommen. Foto: dpa

Kreis Ludwigsburg. Die Vorstellung mutet seltsam an: Man sitzt in einem Imbiss oder ist gerade in einem Supermarkt einkaufen, als man angesprochen wird, ob man nicht eine Corona-Impfung wolle – und sich auch umgehend spritzen lassen könne. So wurde es dieser Tage aus Filderstadt berichtet. Mitarbeiter einer Arztpraxis hätten demnach Menschen auf der Straße gefragt, weil sie noch Impfdosen übrig gehabt hätten.

Doch wie sieht das im Kreis Ludwigsburg aus? Die Ärzte bestellen teils deutlich weniger als früher. „Die Situation hat sich in den vergangenen Wochen sehr rasch geändert“, sagt Dr. Carola Maitra, Vorsitzende der Kreisärzteschaft, über den Wechsel von der Impfstoffknappheit hin zu einem gewissen Überschuss. Nur vereinzelt werde aber geklagt, dass man Impfstoff nicht losbekäme. Und das liege an der geringeren Nachfrage – viele seien schon versorgt – und weniger daran, dass Menschen nicht zu den Terminen gekommen seien, sagt sie mit Blick auf die Debatte um „Impfschwänzer“.

Doch was tun, wenn man tatsächlich zu viel Impfstoff hat, etwa weil man weiter auf Vorrat bestellt hat, was aber laut Maitra in den vergangenen zwei Wochen schon nicht mehr nötig gewesen sei? Die Korntaler Familienpraxis kennt einige solche Fälle, sie selbst nutzt aber die von einem Schüler programmierte, bundesweite Plattform „Impfterminübersicht“. Sie informiert Impfwillige über die Internetseite oder via App, sobald eine Praxis in der Nähe freie Termine vermeldet, ausmachen muss man sie dann mit dem Arzt selbst. „Wir haben noch nie etwas verwerfen müssen“, sagt Dr. Sabine Otlinghaus. „Aber wer weiß, wie das nun mit Astra Zeneca wird.“

Denn mit der Empfehlung der Ständigen Impfkommission, für den (auch früher möglichen) Zweittermin auf Biontech oder Moderna zu wechseln, weil das besser gegen die Delta-Variante schützen solle, sei die Nachfrage nach Astra Zeneca laut Maitra „quasi nur noch die Ausnahme“. „Die Empfehlung zur Kreuzimpfung hat uns am Wochenende getroffen“, sagt auch Otlinghaus, die sich ärgert, dass solche Änderungen zumeist umgehend wirksam werden, zumal die Arztpraxen ohnehin schon am Limit seien. In der Folge musste in Korntal bereits kalkuliertes und bestelltes Astra Zeneca zeitlich umgeplant werden – problematisch auch wegen der kürzeren Haltbarkeit von Biontech sowie der Ferien und Schließung der Praxis in der letzten Juliwoche für eine erneute große Impfaktion.

Der organisatorische Aufwand ist also groß, zumindest entstehe aber kein finanzieller Schaden. Dennoch macht sie sich Gedanken, was man nun mit den übrigen Astra Zeneca-Dosen machen könne – vielleicht verstärkt als Erstimpfung anbieten oder als Zweitimpfung nach einem ersten Termin mit mRNA einsetzen, das werde auch in der Wissenschaft diskutiert, ebenso sollten mehr Praxen die Vermittlungsplattform nutzen – aktuell sind nur zwei weitere aus dem Kreis dort gelistet –, oder die Kassenärztliche Vereinigung wieder eine interne Börse wie für den Grippeimpfstoff im Herbst aufmachen. Wobei Otlinghaus zu diesem Zeitpunkt ohnehin wieder mit mehr Nachfrage rechnet, wenn diejenigen, die „nun träumten, es ginge auch so, doch noch ihre Impfung wollten“, sagt sie.

Auch Dr. Maitra plädiert, mit Blick auf Delta, nicht nachzulassen. Aus ihrer Sicht sollte nun auf die Bevölkerungsgruppen – passend dazu kündigte die Stadt Gerlingen am Dienstag eine Impfaktion für alle Schüler ab 12 Jahren und Angehörige am kommenden Montag an – oder Bewohner bestimmter Gebiete mit bislang niedriger Impfquote zugegangen werden. Und, sie sagt mit Blick auf den Überschuss auch: „Darüber hinaus sollten wir auch an unsere internationale Verantwortung denken, und in den bedürftigen Ländern des globalen Südens ausreichend Impfstoff zur Verfügung stellen.“

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