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Weinbau reagiert auf Klimawandel

Erst lange Trockenperioden, dann sintflutartiger Regen mit Fäulnis der Trauben: Die Winzer im Kreis Ludwigsburg haben mit dem Klimawandel zu kämpfen. Mit neuen Rebsorten und Züchtungen versuchen sie, sich auf die Veränderungen einzurichten.

Trauben reifen in der Sonne – aber der Klimawandel stellt die Wengerter vor immer neue Herausforderungen. Fotos: Alfred Drossel/Andreas Becker
Trauben reifen in der Sonne – aber der Klimawandel stellt die Wengerter vor immer neue Herausforderungen. Foto: Alfred Drossel/Andreas Becker
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Kreis Ludwigsburg. Seit 20 Jahren spüren die Weinbauern im Kreis schon die Veränderungen des Klimas. „Die Durchschnittstemperaturen steigen, die Böden werden trockener, die Reife der Trauben beginnt immer früher“, analysiert der Vorstandsvorsitzende der Felsengartenkellerei Besigheim, Joachim Kölz die Veränderungen. In den vergangenen drei Jahren war es besonders schlimm: „Erst supertrockene Sommer und in diesem Jahr komplett unbeständiges Wetter mit hohen Regenmengen und Hagel“, so der frühere Bietigheimer Bürgermeister. Das bedeutet entweder hohe Kosten für zusätzliche Bewässerung oder eben Schäden an den Reben durch Pilze und Fäulnis. Vor allem der Mehltau und der Falsche Mehltau habe die Trauben in diesem Jahr besonders betroffen. „Da trocknet dann auch kein Pflanzenschutz mehr an.“

Davor hatten die Winzer mit den hohen Temperaturen zu kämpfen. „Es ist heute kein Problem mehr, die notwendige Reife zu erhalten“, sagt Dietrich Rembold, Chef der Lauffener Weingärtner. Schon im extrem heißen Sommer 2003 habe das angefangen. „Die Weine dieses Jahrgangs waren jedoch extrem alkoholhaltig und kaum lagerfähig“, erinnert er sich. „Wir können ja nicht nur Auslese verkaufen.“ Und das Problem habe sich fortgesetzt. Vor allem der beliebte Trollinger sei vom Klimawandel betroffen. „Der ist sehr dünnhäutig und bricht bei hohen Temperaturen regelrecht zusammen.“ Deshalb beginne die Lese in der Regel gut 14 Tage früher als noch im vergangenen Jahrhundert. „Die extremen Klimabedingungen werden uns in den nächsten Jahren weiter begleiten“, ist sich sein Kollege Kölz sicher. Denn auch der Ertrag gehe zurück, wenn das Wetter nicht mitspiele. „Aber wir brauchen schon eine gewisse Menge an Trauben, um den Personaleinsatz und die Maschinen zu rechtfertigen“, so Kölz. „Die Lese ist kürzer und wird immer schwieriger zu planen.“

Oechslegrad verliert an Bedeutung

Über die Qualität der Weine macht er sich dennoch keine Sorgen. „Die Trauben erreichen leicht den notwendigen Alkoholgehalt“, sagt auch Rembold. Man müsse sogar die Winzer etwas zügeln, die Weine nicht zu schwer auszubauen. „Der Oechslegrad spielt dabei eine immer geringere Rolle.“ Bislang werden die Wengerter auch danach noch bezahlt. Die Oechslegrade zeigen das Mostgewicht des Zuckergehaltes und anderer gelöster Stoffe im Traubensaft an. „Mehr als 100 brauchen wir bei einem Rotwein nicht, das ist die Obergrenze“, so Rembold. Bei einem Weißwein reiche ein Oechslegrad von 95 absolut aus. „Viel wichtiger ist die physiologische Reife“, erklärt der Experte aus Lauffen. „Wenn die Kerne sich leicht vom Fruchtfleisch lösen, dann haben wir eine gute Qualität erreicht.“ Deshalb werde der Oechslegrad als Qualitätsmesser in den kommenden Jahren abgelöst werden. „Andere Inhaltsstoffe spielen dann eine wichtigere Rolle“, so Rembold. „Wir legen immer mehr Wert auf gesundes und vollreifes Traubenmaterial“, ergänzt sein Kollege aus Besigheim.

Dabei spielen auch pilzwiderstandsfähige Rebsorten eine zunehmende Rolle. Diese werden vor allem auf die Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten gezüchtet. Sie sind relativ „junge“ Rebsorten, deren Flächenanteil in Württemberg aber steigt, erklärt Hermann Morast, Geschäftsführer des Weinbauverbands Württemberg. Es liefen derzeit zahlreiche Untersuchungen mit den Rebsorten. „Ob diese aber erfolgreich sein werden, ist derzeit noch nicht abzusehen“, so Morast weiter.

Mehr Rebsorten aus dem Süden

Vor allem in den terrassierten Steillagen, die häufig mit Trollinger angepflanzt sind, stellen die Winzer fest, dass aufgrund der zunehmenden Hitze die Rebsorte an diesen Standorten an ihre Grenzen stößt, erklärt Morast. Im Europäischen Partnerschaftenprojekt (EIP) „Steile Weine“ werde nach Alternativen für diese, das Weinbaugebiet prägende, Bewirtschaftungsform geforscht. In den vergangenen Jahren nahm die Anbaufläche jener Sorten zu, die man sonst nur aus dem Sommerurlaub im Süden kannte. Cabernet Sauvignon etwa wäre vor 30 Jahren in Württemberg nicht erntereif geworden.

Das kann Rembold bestätigen, dessen Weingärtner auch an dem Projekt beteiligt sind: „Wir können neben dem Cabernet nun auch Shiraz oder Merlot anbauen und erzielen dabei gute Ergebnisse.“ Allerdings betrage der Anteil dieser Trauben im Moment nur rund fünf Prozent. „Aber das wird sich weiter steigern, ist sich auch Kölz sicher. „Der Klimawandel kann uns in dieser Beziehung auch helfen“, so Kölz. Denn mittelfristig könne es etwa in Italien oder Spanien schwierig werden, Wein anzubauen, wenn der Klimawandel fortschreitet. „So schlimm es ist – aber vielleicht liegt darin für uns auch eine Chance.“

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