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„Weißt du, dass meine Mama immer noch tot ist?“

Vor fünf Jahren hat der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis die Kinder- und Jugendtrauer ins Leben gerufen. Neben Einzelbegleitung in den Familien gibt es spezielle Gruppenangebote, in denen sich Kinder und Jugendliche treffen, die alle einen nahen Angehörigen verloren haben.

Foto: Aleksey - stock.adobe.com
Foto: Aleksey - stock.adobe.com

TRAUER. Reiner Gillé war 25 Jahre lang Fußballtrainer. Heute begleitet er sterbenskranke Kinder bis zu ihrem Tod oder Kinder, die um ein Geschwister oder Elternteil trauern. „Wenn ich das vergleiche, dann ist die Zeit, die ich heute aufbringe, viel wertvoller“, sagt er. „Mir gibt das sehr viel.“

„Mit Kindern kann man völlig ungezwungen reden.“

Reiner Gillé
Ehrenamtlicher

Der Karosseriebaumeister und selbst Vater von zwei inzwischen erwachsenen Töchtern ist einer von 40 Ehrenamtlichen, die Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Sterbens oder in der Phase der Trauer zur Seite stehen. Seinen ersten Fall, sagt er, wird er nie vergessen. Es war ein an Krebs erkranktes Kind, das er im Krankenhaus begleitet hat. „Das war eine kurze und intensive Zeit.“ Sie haben gemeinsam gespielt, gelacht, geredet, „und manchmal einfach nur gekuschelt, wenn die Schmerzen zu schlimm waren.“

„Wir sind ein Stück Normalität, wenn alle anderen völlig von der Rolle sind“, sagt Sabine Horn, Geschäftsstellenleiterin der Ökumenischen Hospizinitiative. Das ist auch das, was Michael Friedmann beobachtet. Er ist Referent für Kinder- und Jugendtrauer, selbst aktiv in der Trauerbegleitung sowie Organisator der verschiedenen Gruppenangebote für trauernde Jugendliche. „Die Idee kam in einer Einzelbegleitung. Da dachten wir, es wäre doch schön, wenn wir Jugendliche zusammenbringen, die eine ähnliche Situation erlebt haben.“

Die Jugendlichen sollten selbst bestimmen, was sie in der gemeinsamen Zeit machen wollen und was nicht. „Keine Kerzen!“, und „keine bedröppelte Musik!“, waren zwei Forderungen. Stattdessen tauschen sich die Jugendlichen aus, „offen und ehrlich“, gestalten Christbaumkugeln mit Briefen an die Verstorbenen oder gehen in den Kletterpark. Finanziert wird das Angebot aus Spendengeldern, so auch von Helferherz, der LKZ-Spendenaktion, sowie mithilfe eines Zuschusses des Landkreises.

Michael Friedmann und die Ehrenamtlichen gehen bei plötzlichen und unerwarteten Todesfällen auch in Kindergärten und Schulen, reden mit Lehrern, Erziehern sowie den Klassenkameraden.

36 Väter, 17 Mütter, zwölf Geschwister, neun Großeltern, zwei nahe Angehörige und ein Freund – diese Menschen haben Kinder und Jugendliche im vergangenen Jahr verloren, die dann Hilfe bei Michael Friedmann und seinem Team gefunden haben. Sei es in der Einzelbegleitung, in den regelmäßigen Gruppenangeboten, im Fotoworkshop, im Sommerferiencamp, in der kreativen Schreibwerkstatt oder in der Reitgruppe.

Kinder trauern anders als Erwachsene, heißt es. Kinder reden aber auch anders über den Tod als Erwachsene. „Weißt du eigentlich, dass meine Mama immer noch tot ist?“, hat ein kleines Kind eine der Ehrenamtlichen gefragt. Sie sind viel direkter, sagt Reiner Gillé. „Mit Kindern kann man völlig ungezwungen reden.“ Ob der Sonnenstrahl, der während der Beerdigung des Vaters auf den Sarg schien, von Gott kam? „Das sind Fragen, die kommen ganz plötzlich. Und so schnell sie kommen, so schnell sind sie auch wieder weg.“ Reiner Gillé hat keine vorgefertigten Antworten. Er lässt sich ein auf die Sichtweise der Kinder, auf deren Vorstellung von Leben und Tod und bestärkt sie darin.

Wenn er kann, fährt er mit dem Fahrrad zu seinen Einsätzen. Das schaffe etwas Abstand. Denn manche Erfahrung gehe unter die Haut. „Da laufen einem auf dem Rad auch mal die Tränen.“

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