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Weitere Kooperationen sind sinnvoll

Nach 14 Jahren als Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei Besigheim geht Dr. Götz M. Reustle zum Jahresende in den Ruhstand. Wir sprachen mit ihm über die Entwicklung der Kellerei und die Zukunft des Weinmarktes.

Sieht die Felsengartenkellerei Besigheim für die Zukunft gut gerüstet: Der Vorstandsvorsitzende Götz M. Reustle geht jetzt in Ruhestand. Foto: Alfred Drossel
Sieht die Felsengartenkellerei Besigheim für die Zukunft gut gerüstet: Der Vorstandsvorsitzende Götz M. Reustle geht jetzt in Ruhestand. Foto: Alfred Drossel

Besigheim. Sie waren der erste hauptamtliche Vorstandsvorsitzende der Felsengarten- kellerei. Welche Aufgaben standen zuerst an und wie hat sich diese Position in den 14 Jahren bewährt?

Dr. Götz M. Reustle: Die Aufgaben bestanden zunächst, wie für den ehrenamtlichen Vorsitzenden, in der Gremienarbeit. Das heißt: aktuelle Themen für die Gremien aufzuarbeiten, Beschlüsse vorzubereiten und diese dann den Mitgliedern zu vermitteln. Neben den Erzeugungsregeln – also Referenzmengen, Abstufungsmodellen, Sortenfaktoren – ging es vor allem darum, die Felsengartenkellerei an die Veränderungen des Marktes anzupassen, sie sozusagen zukunftsfähig zu machen. Außerdem galt es, die Interessen der Genossenschaft beziehungsweise der Mitglieder nach außen gegenüber Behörden und Verbänden zu vertreten. Durch die ständige Präsenz des Vorstandsvorsitzenden ergab sich durch die hauptamtliche Tätigkeit ein objektiver und umfassenderer Einblick in die Abläufe und Geschehnisse im Betrieb und bot damit eine bessere Grundlage für Entscheidungen.

In Ihre Zeit fallen Fusionen mit kleineren Genossenschaften. Mitgliederzahl und Anbaufläche haben sich verändert. Hat sich das bewährt, oder muss in diesem Bereich noch mehr passieren?

Durch die Veränderungen am Markt, mit zunehmender Bedeutung der Vermarktung der Weine über Lebensmittelhandel und Discount, waren auch strukturellen Veränderungen im genossenschaftlichen Bereich in Württemberg zwingend notwendig. Die Fusionen mit Ingersheim und später dann mit Ilsfeld und Neckarwestheim haben die Position der Felsengartenkellerei im Anbaugebiet Württemberg durch die größere Anbaufläche zunächst gesichert, später durch die gleichzeitig erhöhten Marktanteile deutlich gestärkt. Die letzte Fusion mit der Weinfactum Bad Cannstatt hatte ausschließlich marktstrategische Gründe.

Bei den erfolgten Verschmelzungen war es uns wichtig, übernehmender Betrieb zu sein und damit die Richtung vorzugeben. Selbstverständlich dabei war, den Fusionspartnern mit Respekt und Fairness, aber auch mit Klarheit in der Zielsetzung zu begegnen und ihnen dabei, wenn wirtschaftlich möglich beziehungsweise sinnvoll, ihre Identität zu belassen. Die wirtschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen sind so, dass auch weiterhin strukturelle Veränderungen im genossenschaftlichen Bereich in Württemberg notwendig sein werden. Allerdings müssen es nicht zwangsläufig Fusionen sein. Es gibt Bereiche die auch durch Verbesserung oder Intensivierung von Zusammenarbeit, wie jetzt im Bereich der Discount-Belieferung geschehen, zum Vorteil aller württembergischen Genossenschaften gereichen können.

Eine wichtige Aufgabe war, die Verarbeitungskapazitäten der Felsengartenkellerei qualitativ und quantitativ an die Anforderungen der Zeit anzupassen. Was wurde realisiert und investiert und was ist noch geplant?

Die letzte wesentliche Kapazitätserweiterung der Felsengartenkellerei vor meiner Amtszeit geschah in den 80er Jahren. In den 90er Jahren erfolgten die Erweiterung und Neugestaltung des Verwaltungs- und Verkaufsbereiches, der Bau eines Holzfasskellers und 2004 die Einrichtung einer modernen Abfüllanlage. Durch das flächenmäßige Wachstum der Felsengartenkellerei bis 2010 waren bereits vor den Verschmelzungen mit Ilsfeld und Neckarwestheim sowohl Tank- als auch Flaschenlager nicht mehr ausreichend. Außerdem war die Gebäudetechnik in die Jahre gekommen und bedurfte einer dringenden Erneuerung und Modernisierung. Letzteres bezieht sich besonders auf die Technik und Steuerung der Traubenannahme und -verarbeitung.

Mit der Lagerhalle am Standort Ilsfeld und den baulichen Erweiterungen mit Weinlagerhalle und Lagergebäude in Hessigheim, den technischen Erweiterungen der Traubenverarbeitung und den damit einhergehenden Erneuerungen der Gebäudetechnik insgesamt, hat man immense Investitionen bis 2015 getätigt. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren dringend notwendige Eingriffe im Bereich der Abfüllanlage. Mit diesen Maßnahmen ist die Felsengartenkellerei nun für die Zukunft gut gerüstet.

Engpässe bestehen aktuell noch in Kapazitäten für Maischegärung sowie insgesamt im Tanklager. Ersteres muss angegangen werden, sobald es die Ertragslage der Felsengartenkellerei zulässt. Tanklagerkapazitäten gibt es innerhalb Württembergs zu Genüge, so dass der Handlungsbedarf hierfür weniger dringend ist. Durch Kooperationen können bei Bedarf Engpässe gelöst werden.

Zurückgestellt wurden Umbau und Erneuerungen der Verkaufsräumlichkeiten. Außerdem wurden die Pläne für den Bau eines Gastronomiebereiches ausgesetzt und durch die aktuelle Lösung über Ausschank-Container auf dem Kellereihof mehr als zufriedenstellend gelöst. Geplant ist auch die Gestaltung des Parkplatzes mit Wohnmobilstellplätzen gegenüber dem Verwaltungsgebäude.

Wo standen vor 20 Jahren die Felsengartenkellerei und der Weinbau überhaupt und was hat sich seither verändert?

Die Ertragslage in der Weinbranche in Württemberg und auch die der Felsengartenkellerei war zur Jahrtausendwende deutlich besser. Mittlerweile hat sich der Markt weg von der Direktvermarktung hin zum Lebensmittelhandel und zum Discount verschoben. Der Wettbewerb durch ausländische Produkte – sie machen mittlerweile 60 Prozent der in Deutschland verkauften Weine aus –, hat sich verschärft, und der Preisdruck am Markt ist erheblich. Die Abhängigkeit der Felsengartenkellerei von Lebensmittelhandel und Discount ist Realität, bietet aber auch die benötigten Absatzmärkte für die zur Verfügung stehenden Weinmengen. Die Anforderungen des Handels an ihre Lieferanten bezüglich Qualität, Zertifizierung und Logistik sind in diesen Jahren stetig gestiegen, leider ohne dass sich der Preis für Weine, wenn überhaupt, angemessen verbessert hat.

Touristisch hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan, was sich auch auf den Direktverkauf in Hessigheim sehr positiv auswirkte. Ziel ist es, dieses Segment auszubauen beziehungsweise zu stärken und dadurch den Direktabsatz weiter zu verbessern. Dabei spielen die beiden Standorte in Hessigheim und Bad Cannstatt eine wesentliche Rolle.

Eines Ihrer ersten Anliegen war die Förderung des Steillagenweinbaus. Welche Widerstände gab es sowohl bei den Wengertern selbst als auch in der Politik?

Es glich einem Paradigmenwechsel, die Wirtschaftlichkeit in den Steillagen nicht mehr durch höhere Erträge, sondern durch bessere Qualitäten zu erreichen. Dafür war zunächst weder unter den Wengertern noch in der Weinbaupolitik viel Verständnis vorhanden. Mein persönliches Credo war dabei, „nur wenn wir in den Steillagen etwas Wertvolles erzeugen, können wir auch die Gesellschaft und die Politik dazu bringen, den Steillagenweinbau zu unterstützen“. Dass der Weinbau den Erhalt der Steillagen-Kulturlandschaft alleine nicht schafft, darüber waren sich alle einig. Unglücklicherweise wurde das Thema Steillagen gerne mit der „Trollinger-Frage“ verbunden. Dabei ging es nur darum, den Trollinger in vermarktungsfähigen Qualitäten und Mengen zu erzeugen. Aufgrund der klimatischen und weinbaulichen Veränderungen waren im Gegensatz zu früher die klimatischen Vorteile der Steillagen nicht mehr erforderlich, um gute Trollinger-Weine zu erzeugen. Mit dem Förderprogramm der Felsengartenkellerei haben wir versucht, unsere Mitglieder zum Sortenwechsel in den Steillagen – weg vom Trollinger, hin zu anspruchsvolleren Sorten mit einem höheren Vermarktungspotenzial – zu motivieren. Leider ist uns dies nicht in großem Umfang und nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit gelungen. Wesentliche Unterstützung der Württembergischen Weinbaupolitik für das Konzept „weniger Menge und höhere Qualität in den Steillagen“ fehlte und die stets geforderte finanzielle Unterstützung durch Landes- oder EU-Förderprogramme kam zu spät. Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen für den Weinbau in den terrassierten Steillagen verschlechtert.

Erwähnenswert hierbei ist die Unterstützung einiger Kommunen bei der Neuerrichtung von Trockenmauern in den Steillagen. Ärgerlich war, dass wir von Seiten des Naturschutzes beziehungsweise der Naturschutzbehörden mit unnötigen Auflagen konfrontiert wurden, anstatt die verdiente Anerkennung der Leistungen der Steillagenwengerter zu erhalten.

Es ist ja im Steillagenweinbau einiges in Bewegung gekommen. Was davon ist sinnvoll und effektiv und wo muss nachgebessert werden?

Wir werden nicht sämtliche Trollingerbestände in den Steillagen durch neue Sorten, seien es pilzfeste Neuzüchtungen oder eher klimatisch anspruchsvolle Rebsorten für kräftige Rotweine, ersetzen können. Auch wird sich nicht vermeiden lassen, dass wesentliche Steillagenflächen aus der Produktion aufgrund fehlender Wirtschaftlichkeit herausfallen werden. Entscheidend wird sein, die zentrale Kulisse der terrassierten Steillagen im Bereich der Felsengartenkellerei zu erhalten und dort neben Trollinger auch Rebsorten anzubauen, welche höhere Preise am Markt erzielen können. Dazu gehört aber neben der Erzeugung auch der Aufbau entsprechender Vermarktungskonzepte und Vermarktungsschienen.

Wie stark haben Reglementierungen auf Bundesebene, aber auch auf europäischer Ebene den Weinbau beeinträchtigt oder gar erschwert?

Die Vorgaben für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln werden zunehmend strenger und komplexer. Das Verbot für bestimmte Wirkstoffe trifft den Weinbau vor allem dann, wenn es keine wirklichen Alternativen gibt. Mit der seit 2016 bestehenden Anbauregelungen für Neuanlagen soll das Anwachsen der Rebflächen in der EU kontrolliert und damit die Trauben- und Weinproduktion reguliert werden. Mit der neuen Pflanzrechtsregelung wird auch die Verlagerung von Pflanzrechten aus den Steillagen in die Ebene ermöglicht. Aus wirtschaftlicher Sicht ist dies sicherlich zu rechtfertigen, für die terrassierten Steillagen bedeutet dies ein weiteres negatives Signal.

Wesentliche Änderungen stehen durch das neue Weingesetz und die neue Weinverordnung an. Bezeichnungsrechtliche Gewohnheiten bezüglich der Groß- und Einzellagen werden hierbei infrage gestellt. Es wird nicht ausbleiben, dass bisherige gewohnte Lagenbezeichnungen nicht mehr möglich sind. Der Weg der Felsengartenkellerei ist dabei vorgezeichnet, weg von der Lagenbezeichnung und hin zur Marke Felsengartenkellerei in Verbindung mit der Eidechse zu gehen.

Der Weinmarkt ist noch immer in Bewegung. Wo liegen die Probleme und wie kann eine Genossenschaftskellerei darauf reagieren?

Zum Glück ist der Weinmarkt in Bewegung. Veränderungen bedeuten nicht nur Bedrohung, sondern auch Chancen, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und Vorteile für die Vermarkung zu erreichen. Aufgabe wird es sein, die Marken zu stärken, sei es Felsengartenkellerei mit der Eidechse oder Württemberg. Um dem Druck des Handels etwas entgegensetzen zu können, wird es notwendig sein, Allianzen zu bilden. Die ausgedehnten genossenschaftlichen Strukturen in Württemberg bieten hierbei das Potential durch Kooperationen, gegebenenfalls auch Fusionen, die Position am Markt zu stärken und der Kostenentwicklung entgegenzuwirken.

Auf was müssen sich die Wengerter künftig einstellen?

Die Bürokratisierung geht auch am Weinbau nicht vorbei. Mit dem Volksbegehren „Artenschutz“ stehen der Landwirtschaft insgesamt und auch dem Weinbau teilweise erhebliche Einschränkungen für weinbaulich unbedingt notwendige Maßnahmen zum Pflanzenschutz bevor. Dies erschwert die Arbeit im Weinberg, macht sie aufwendiger, ohne erkennbaren Nutzen für Wengerter und Verbraucher. Dass der Weinbau nachhaltig mit der Natur und nicht gegen die Umwelt arbeitet, ist eine Selbstverständlichkeit. Wäre es anders, würde er am Ast sägen, auf dem er sitzt. Abhängig vom Wetter war der Wengerter schon immer. Allerdings werden sich in den nächsten Jahren die Veränderungen durch den Klimawandel noch deutlicher zeigen. Auf diese muss er sich bei der Sortenwahl beim Anlegen von Weinbergen und bei der Bewirtschaftung einstellen. Trockenheit im Sommer, früher Lesetermin unter sommerlichen Temperaturen während der Lese werden nicht nur die Weinqualität und -stilistik beeinflussen, sondern auch Änderungen bei der Ernte und Anlieferung der Trauben erfordern. Den Spagat der verschiedenen Absatzmärkte muss auch der Wengerter durch die gezielte Produktion von Trauben für bestimmte Marktsegmente bewältigen.

Ihr Nachfolger wird ein Finanzexperte, kein ausgesprochener Weinfachmann. Was erhofft sich die Kellerei von ihm?

Was sich die Mitglieder der Felsengartenkellerei erhoffen, sind selbstverständlich höhere Traubengeldzahlungen. Die Felsengartenkellerei ist in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Nicht nur bezogen auf die Rebfläche, sondern auch bezüglich der vermarkteten Weinmenge. Von der Direktvermarktung bis hin zum Discount werden sämtliche Vermarktungsschienen bedient. Es fällt unter anderem in seinen Verantwortungsbereich, Kosten für die Verarbeitung, Vinifizierung und Vermarktung in die verschiedenen Marktsegmente zu erfassen und auf dieser Grundlage Abläufe und Arbeitsprozesse zu optimieren.

Man erhofft sich, dass nach unruhigen und teilweise aufgewühlten Jahren etwas mehr Ruhe in die Felsengartenkellerei einkehrt. Ob die aktuell schwierigen Zeiten dies zulassen, wird sich zeigen. Notwendig hierfür ist in jedem Fall eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Geschäftsleitung und den Gremien der Felsengartenkellerei.

Was machen Sie ab dem 1. Januar und wo bringen Sie Ihren Weinverstand mit ein?

Ich werde bis Ende 2022 noch verschiedene Weinbauprojekte, unter anderem das Projekt „Steile Weine“, betreuen. Ansonsten ist in den vergangenen Jahren viel liegen geblieben und ich freue mich darauf, meiner Familie und meinem Privatleben mehr Zeit und Aufmerksamkeit widmen zu können.

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