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Welle der Ungeimpften erreicht RKH

24 Coronapatienten lagen gestern in den Krankenhäusern in Ludwigsburg und Bietigheim, sieben davon auf der Intensivstation. „Die vierte Welle ist da“, sagt Professor Jörg Martin, der Geschäftsführer der Regionalen Kliniken-Holding RKH. Er und sein Intensivchef Professor Götz Geldner sind sich einig: Die vierte Welle, sagen sie, ist „die Welle der Ungeimpften“.

Die Intensivstationen füllen sich wieder mit Covid-Patienten, auch in Ludwigsburg. Aber es gibt weniger Intensivbetten. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Die Intensivstationen füllen sich wieder mit Covid-Patienten, auch in Ludwigsburg. Aber es gibt weniger Intensivbetten. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Kreis Ludwigsburg. Landesweit, sagt Geldner, wurden am Dienstag 1050 Covid-19-Kranke in den Normalstationen der Krankenhäuser gezählt, weitere 204 Coronapatienten lagen auf einer Intensivstation. Das sind zwar – noch? – deutlich niedrigere Zahlen als an den Höhepunkten der dritten und vierten Pandemiewelle im Winter und Frühjahr. Doch die, sagt Geldner, dürften auch nicht mehr erreicht werden. Denn die Kliniken der RKH – mit acht Standorten in den drei Landkreisen Ludwigsburg, Enz und Karlsruhe – verfügten ebenso wie die Krankenhäuser überall in Baden-Württemberg über rund 20 Prozent weniger Intensivbetten als noch im Frühjahr. „Die Intensivbetten“, bestätigt Klinikenchef Jörg Martin, „sind ganz klar unser Nadelöhr!“

Der Grund: Der Mangel an Intensivpflegekräften hat sich durch die Pandemie weiter verschärft. „Unser Personal“, sagt Martin, „hat uns schon vor Monaten deutlich gemacht, dass es eine vierte Weller kaum schaffen wird.“ Wegen der extrem hohen Arbeitsbelastung hätten etliche Intensivpflegekräfte dem Pflegeberuf ganz den Rücken gekehrt, ihre Arbeitszeiten verkürzt oder seien in Zeitarbeit gegangen, ergänzt Geldner. Dazu habe auch die hohe psychische Belastung der Pflegekräfte durch die erhebliche Übersterblichkeit auf den Intensivstationen beigetragen. In normalen Zeiten sterbe etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Intensivpatienten, im Herbst und im Frühjahr sei die Mortalität wegen Corona auf bis zu 40 Prozent gewachsen.

Die Patienten, die jetzt mit Covid-19 ins Krankehaus kommen, hätten sich zu etwa 98 Prozent mit der zuerst in Indien entdeckten Delta-Variante des Virus angesteckt, sagt Holding-Geschäftsführer Martin. Über 90 Prozent der Corona-Intensivpatienten seien zumindest in den RKH-Kliniken ungeimpft, merkt Geldner an. Genaue Zahlen könne er zwar nicht nennen, so Martin dazu – denn Patienten müssten auch den Ärzten der RKH nicht offenbaren, ob sie geimpft sind oder nicht. Es gebe aber nicht nur Impfverweigerer und hartnäckige Coronaleugner, die selbst im Krankenhaus noch behaupteten, an etwas anderem erkrankt zu sein, sondern auch nur mangelhaft aufgeklärte Covid-Patienten, die gegebenenfalls wüssten, dass sie eine Spritze bekommen haben, aber nicht, wofür oder wogegen, erläutert Geldner.

Trotzdem wisse er dank Antikörperproben, dass aktuell die allermeisten Intensivpatienten mit Corona ungeimpft seien. Dazu kämen lediglich sehr wenige geimpfte Patienten „mit extremer Immunsuppression“ – etwa nach einer Leber- oder Nierentransplantation oder bei hohen Cortisongaben. Doch auch dabei gelte: „Wir haben noch keinen geimpften Intensivpatienten verloren!“

Anders als die Patienten muss das Krankenhauspersonal seinen Impfstatus mittlerweile offenlegen – wer ungeimpft ist oder die Auskunft verweigert, muss sich jetzt an jedem Arbeitstag neu testen lassen. RKH-Geschäftsführer Martin begrüßt die neuen Möglichkeiten und hat sie zum Anlass einer neuen, holdinginternen Impfkampagne genommen. Auch wenn ihm noch keine Zahlen vorliegen, sieht er bereits deutliche Erfolge etwa beim Reinigungspersonal. Auf den Intensivstationen seien ohnehin über 90 Prozent der Ärzte und Pflegekräfte geimpft, sagt Geldner: „Die sehen ja, was Covid-19 bedeutet!“

Der RKH-Chefarzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin koordiniert auch die in regionale Cluster aufgeteilten Intensivbetten-Kapazitäten in Baden-Württemberg. Die neue Landes-Coronaverordnung, die die Auslastung der Intensivstationen zum Schlüssel der Coronaregeln macht, begrüßt er ausdrücklich: Ab landesweit 250 Covid-Patienten auf Intensivstationen haben Ungeimpfte zu bestimmten öffentlichen Bereichen nur noch mit negativem PCR-Test Zugang, ab 390 Coronapatienten gilt die 2G-Regel. Das berücksichtige die tatsächlichen Kapazitäten im Land, sagt Geldner: „Noch ist Luft im Cluster.“

Aber es dürfe nicht nochmals passieren, dass bis zu 40 Prozent der Intensivbetten mit Coronapatienten belegt sind und andere Patienten deshalb nicht operiert werden können. Und es gebe ein Mittel, genau das zu verhindern: „Impfen, impfen, impfen!“ Jörg Martin verweist auf die Erfahrungen der dritten Welle, in der es die ersten Geimpften gab: Bei ähnlich vielen Neuinfizierten habe es im Frühjahr signifikant weniger Tote gegeben als im Winter.

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