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Wenn E-Mobilität auf die Ansprüche der Realität trifft

Wenn es um die Nutzung der E-Mobilität geht, will die Stadt Marbach erklärtermaßen mit gutem Beispiel vorangehen. Doch das ist gar nicht so einfach.

Marbach. Die grün-schwarze Landesregierung verkündet heute mit stolzgeschwellter Brust, dass der Fuhrpark des Landes klimafreundlicher geworden und der CO-Ausstoß der Pkw-Dienstwagenflotte um mehr als 36 Prozent gesenkt worden sei. Dieses „Zwischenziel“ ist laut Verkehrsminister Winfried Hermann unter anderem „durch eine konsequente Flottenmodernisierung und mehr Hybrid- und Elektrofahrzeuge erreicht worden“.

Beim Umstieg auf die E-Mobilität wird der öffentlichen Hand eine Vorbildfunktion zugeschrieben. Deshalb findet es Marbachs Grünen-Stadtrat Jürgen Waser bedauerlich, „dass andere Städte ihre ersten Elektrofahrzeuge schon wieder verschrotten und die Stadt Marbach noch gar keines hat“. Daran wird sich allerdings auch vorerst nichts ändern, denn bei der nächsten anstehenden Neubeschaffung scheitert die E-Mobilität an den Ansprüchen der Realität.

Einen Tag bevor die Landesregierung ihre Erfolge verkündet, debattiert der Ausschuss für Umwelt und Technik des Marbacher Gemeinderats über einen neuen Lkw für den städtischen Bauhof. Es geht um eine Investition im sechsstelligen Bereich und eine Vielzahl von Ansprüchen an das neue Gefährt: Es muss für den Winterdienst taugen und deshalb mit Räumschild und Streuer ausgerüstet werden können, im Sommer soll es ein Gießfass tragen und möglichst nicht mehr als 7,5 Tonnen wiegen, damit sich auch Bauhofmitarbeiter ohne Lkw-Führerschein an sein Steuer setzen können. Ein solches Allroundtalent, den „Reform Muli T10X“, gibt es für 213000 Euro inklusive Zusatzausrüstung, aber nicht als Elektrofahrzeug.

Wie Bauamtsleiter Dieter Wanner sagt, bietet nur eine Firma ein vergleichbares Gefährt an – zum Preis von gut 400000 Euro. Doch selbst wenn man den Preis und mögliche Zuschüsse außer Acht ließe, wäre ein E-Lkw aus seiner Sicht „eine Fehlentscheidung“. Denn aufgrund der schweren Batterien hätte der „Muli VW Reto E“ nur noch eine Nutzlast von drei Tonnen – das Räumschild für den Winterdienst wiegt schon 600 Kilo, der Streuer 800. Die geringe Nutzlast sei mit Blick auf den Winterdienst, für die der neue Klein-Lkw vor allem eingesetzt werden soll, ein „K.-o.-Kriterium“, so Wanner.

Vor allem die Grünen reagieren betrübt. Fraktionschefin Barbara Eßlinger bekennt, kein gutes Gefühl bei der Beschaffung eines Diesel-Lkw zu haben, und regt an, noch ein Jahr mit dem Kauf zu warten, in der Hoffnung, dass es dann noch mehr E-Angebote gibt. Immerhin werde der Neue im Fuhrpark 15 bis 20 Jahre im Dienst sein.

Doch mit Warten ist dem Bauhof nicht geholfen, hält dessen Leiter Klaus Wüst dagegen. Er brauche schnell ein Fahrzeug der Klasse unter 7,5 Tonnen, weil ihm aus gesundheitlichen Gründen zwei Mitarbeiter mit Lkw-Führerschein ausfallen. Er verspricht aber, dass die nächste städtische Kehrmaschine ein Fahrzeug auf Elektrobasis sein wird.

Vor der Entscheidung für den Diesel-Muli gießt freilich Puls-Stadtrat Benjamin Flaig noch etwas Wasser in den Wein. Weil sich die Stadtverwaltung verpflichtet hat, keine Produkte zu kaufen, die mit Kinderarbeit entstanden sind, müsse man vielleicht auch das Thema Elektromobilität neu bewerten. In den Kobaltminen Afrikas schufteten Kinder für den unverzichtbaren Batterie-Rohstoff.