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„Wir brauchen einen Ort der Erinnerung“

Für Landrat Dietmar Allgaier stand auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit Corona im Mittelpunkt seiner Arbeit. Das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben. Foto: Alfred Drossel
Für Landrat Dietmar Allgaier stand auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit Corona im Mittelpunkt seiner Arbeit. Das wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben. Foto: Alfred Drossel
Landrat Dietmar Allgaier blickt mit Sorge auf die ersten Monate des neuen Jahres. „Ich gehe davon aus, dass uns die fünfte Welle in der ersten Januar-Hälfte erreicht“, sagt er im Interview mit dieser Zeitung. Und er wünscht sich einen Ort der Erinnerung für die Covid-Toten im Landkreis Ludwigsburg.

Kreis Ludwigsburg. Herr Allgaier, Ihr zweites Jahr als Landrat ist zu Ende gegangen. Wieder hat Corona dominiert. Was war für Sie anders als im Jahr zu vor?

Die Bewältigung der Pandemie war in 2021 etwas einfacher, vor allem geordneter. Die notwendigen Strukturen zur Bekämpfung des Virus bestanden bereits. Ganz gleich, ob es um Tests oder Impfungen ging. Vieles war eingeübt. Anfang Januar hatten wir mit 80 Impfungen am Tag begonnen. Heute sind es oftmals mehrere Tausend.

Welches war für Sie der schwierigste Moment in der Pandemie?

Das sind die vielen Toten, die wir zu beklagen haben. Mittlerweile fast 600 im Landkreis Ludwigsburg. Ich erinnere mich noch an die ersten Meldungen, dass Menschen an Covid gestorben sind. An Karfreitag 2020 hat mich der Geschäftsführer der Kleeblattheime, Stefan Ebert, informiert, dass in Löchgau viele Bewohner infiziert sind. Kurze Zeit später gab es die ersten Todesfälle. Wir fühlten uns damals so machtlos. Das war schlimm.

Wo haben Sie Hoffnung geschöpft?

Als der Impfstoff gekommen ist. Wir haben große Hoffnungen mit dem Start der Impfungen verbunden. Der Januar 2021 war für mich mit einem riesigen Hoffnungsschimmer verbunden, weil wir mit dem Kreisimpfzentrum loslegen konnten. Deshalb war auch die Enttäuschung immer wieder groß, wenn nicht genügend Impfstoff vorhanden war.

In Ihrer jetzigen Impfstrategie haben Sie Anfang Januar 2022 als Datum ins Auge gefasst, an dem bis zu 15000 Menschen täglich geimpft werden können. Wo stehen Sie heute?

Wenn der Impfstoff wie bestellt geliefert wird, dann können wir unser Ziel erreichen. Wir haben vier verschiedene Säulen mit den Impfstützpunkten in den Großen Kreisstädten, es gibt Sonderaktionen wie im Breuningerland und Impfaktionen in den kleineren Kommunen. Hinzu kommen die Ärzte. Wir werden, wenn alles klappt, sogar bis zu 20000 Impfungen pro Tag verabreichen können.

Problem war ja bislang, dass nicht genügend Vakzine angekommen sind. Sind zwischenzeitlich ausreichende Mengen an Impfstoff vorhanden?

Der Impfstoff reicht für die jetzige Nachfrage aus. Die bestellten Mengen werden aktuell nur in ganz geringem Maße beim Biontech-Impfstoff gekürzt. Ich bin froh, dass Stuttgart insgesamt sechs mobile Impfteams stellt und wir weitere eigene Impfteams haben.

Welche Strategie werden Sie in diesem Frühjahr verfolgen, um genügend Menschen zu impfen?

Es darf nicht der gleiche Fehler wie Ende September gemacht werden, als die Kreisimpfzentren vom Land geschlossen wurden. Die niedergelassenen Ärzte spielen eine wichtige Rolle in der Impfstrategie. Aber es hat sich gezeigt, dass sie es alleine nicht schaffen. Wir müssen die Infrastruktur erhalten. Wenn die Nachfrage zurückgeht und wir eine Impfquote von etwa 90 Prozent erreicht haben, können wir sicher an der einen oder anderen Stelle das Impfangebot reduzieren. Aber wir dürfen es nicht mehr auf null runterfahren. Ich gehe davon aus, dass wir bis weit in das neue Jahr hinein Impfstützpunkte brauchen.

Und jetzt baut sich auch noch die Omikron-Wand vor uns auf. Welche Auswirkungen erwarten Sie für den Kreis Ludwigsburg?

Wir erwarten einen exponentiellen Anstieg der Omikronfälle und somit einen starken Anstieg der Infektionszahlen. Ich gehe davon aus, dass uns die fünfte Welle in der ersten Januar-Hälfte erreicht. Auch unsere Kliniken bereiten sich darauf vor ebenso wie die Landkreisverwaltung mit der Sicherstellung der Bereiche der kritischen Infrastruktur durch geeignete Maßnahmen.

Es hat im Kreis Ludwigsburg bislang fast 600 Tote gegeben. Sollte dafür eine Erinnerungsmöglichkeit geschaffen werden?

Das halte ich für sehr wichtig. Wir sollten mit Ende der Pandemie einen zentralen Ort der Trauer und des Gedenkens an die Opfer des Virus suchen. Das muss nicht jede Gemeinde machen. Aber wir brauchen einen gemeinsamen Ansatz, um an die Verstorbenen zu erinnern. Wir haben bereits seit 2020 einen Fotografen beauftragt, Momente des Lockdowns festzuhalten. Diese Ausstellung werden wir voraussichtlich im Sommer zeigen. Vielleicht kann diese Ausstellung auch schon ein Ort des ersten Gedenkens werden.

Denken Sie langfristig auch an die Aufstellung eines Mahnmals?

Ja. Wir werden das Gespräch mit den Kirchen und den Kommunen suchen und gemeinsam überlegen, welche Erinnerungsstätte angemessen ist.

In vielen Städten gibt es Proteste gegen die Coronamaßnahmen. Auch in Ludwigsburg. Was sagen Sie den Menschen, die immer noch skeptisch sind und sich nicht impfen lassen wollen?

Es gibt Menschen, die aufgrund von Vorerkrankungen oder negativen Erfahrungen bislang nicht überzeugt werden konnten, dass die Impfung der richtige Weg ist, sich und die Gesellschaft zu schützen. Dafür habe ich Verständnis. Aber ich möchte diese Menschen bitten, mit ihrem Arzt zu sprechen und sich über die Risiken aufklären zu lassen, um diese Zweifel zu zerstreuen.

Was ist mit den Querdenkern, die gegen die Maßnahmen auf die Straße gehen?

Mein Verständnis endet bei den Menschen, die Fake News verbreiten und zum Teil mit Gewalt protestieren. Ihnen geht es ja gar nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern um die Bekämpfung des Staates.

Befürchten Sie eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft?

Das ist ja genau die Absicht dieser Querdenker. Wir dürfen ihnen aber kein Gehör schenken. Es lohnt sich nicht, sich mit diesen teilweise abstrusen Argumenten auseinanderzusetzen. Diese Gruppen sind egoistisch und verfolgen nur ihre kruden Interessen. Aber in einer solchen Notlage, in einer Pandemie, die uns alle bedroht, müssen wir füreinander einstehen.

Wie sieht es in den Kliniken aus? Ist der Höhepunkt der Covidkranken auf den Intensivstationen an Weihnachten erreicht worden?

Ich stehe in regelmäßigem Austausch mit der Klinikenleitung. Das Personal ist am Ende seiner Kräfte. 20 Prozent haben im Laufe der Pandemie den Job gekündigt. Wir müssen für die Pflegekräfte völlig neue, bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Die Prämie, die der Kreistag beschlossen hat, ist ein schönes Zeichen. Aber sie löst nicht das Problem.

Die Kliniken schreiben aufgrund der Pandemie einen Verlust von neun Millionen Euro. Müssen wir uns langfristig darauf einstellen, dass die Kliniken auch operativ ein Zuschussgeschäft sind?

Ich fürchte, ja. Das ist auch für uns als großer Träger eine neue Situation. Die Kliniken sind strukturell unterfinanziert. Die Bundesregierung ist gefordert, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen. Wir stehen aber noch vergleichsweise gut da. Diskussionen über die Schließung von Kliniken aus finanziellen Gründen gibt es hier nicht. Die Weichen wurden schon unter meinem Vorgänger richtig gestellt, indem sich die einzelnen Häuser spezialisiert haben.

Sind die neun Millionen Euro an Verlusten ein Orientierungswert, auf den man sich in Zukunft einstellen muss?

Die Kliniken müssen frühzeitig sagen, mit welchem Defizit sie rechnen. Das darf kein Überraschungspaket werden. Wir müssen uns aber wohl auf ein Minus zwischen fünf bis zehn Millionen Euro einstellen. Das entspricht einem Prozent an Kreisumlage.

Bei den Kliniken stehen in den kommenden Jahren Investitionen von über 300 Millionen Euro für die Sanierung der Häuser in Ludwigsburg und Bietigheim-Bissingen an. Im Kreistag wurde eine Finanzplanung gefordert. Wie kann diese aussehen?

Das Konzept ist schon auf dem Weg. Aber wir können nicht alle Maßnahmen parallel angehen. Da müssen Prioritäten gesetzt werden. Wir haben den Neubau und Modernisierung der Kliniken in Bietigheim-Bissingen, die Sanierungsmaßnahmen in Ludwigsburg, die dringend notwendig sind. Und wir müssen den Campus Marbach mit der Pflegeschule weiterentwickeln. Dafür brauchen wir die entsprechenden Konzepte. Wir müssen auch noch einmal über Synergien in Ludwigsburg und Bietigheim nachdenken. Dabei müssen auch Parallelstrukturen aufgelöst werden.

Woher kommt das Geld für die anstehenden Investitionen?

Die Kliniken werden einen Teil der Investitionen finanzieren müssen, wofür der Landkreis bürgen wird. Außerdem wird es Zuschüsse vom Land und vom Landkreis geben.

Auch der öffentliche Nahverkehr verschlingt rund 53 Millionen Euro. Wäre bei steigenden Kosten für Busse und Bahnen eine Nahverkehrsabgabe für alle Bürger eine Lösung?

Sicher nicht für die Grundfinanzierung des ÖPNV. Wir können für weitergehende Angebote aber über solche Finanzierungsformen diskutieren. Aber wer bestellt, muss auch zahlen. Und das ist beim weiteren Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs das Land. Außerdem verfügen wir in der Region Stuttgart schon über ein Angebot, das in anderen Regionen erst noch geschaffen werden muss.

Wichtigste Aufgabe für das kommende Jahr beim öffentlichen Nahverkehr ist die Planung der Stadtbahn. Welches sind die nächsten Schritte?

Das Wichtigste ist, dass sich alle beteiligten Städte und Gemeinden im Frühjahr auf eine Variante festlegen. Auch die Stadt Ludwigsburg. Dann können wir in die so genannte ingenieurtechnische Planung einsteigen. Entweder bleibt es bei der bisherigen Linie durch Ludwigsburg. Oder man entscheidet sich für die Südumfahrung. Nur brauchen wir dann neue Beschlüsse der Gemeinderäte und auch des Kreistags.

Welche Chancen geben Sie der so genannten Knecht-Linie, nachdem sie im Kreistag und auch im Gemeinderat von Ludwigsburg eigentlich schon durchgefallen ist?

Mich hat der gute Kosten-Nutzen-Faktor dieser Variante überrascht. Ich war und bin aber ein Anhänger der Streckenführung durch die Hindenburgstraße zum Ludwigsburger Bahnhof, weil damit sehr viele Menschen an die Stadtbahn angeschlossen werden können. Aber die Entwicklung von Wüstenrot, wo zukünftig bis zu 7000 Menschen arbeiten werden, spricht für die Südtrasse. Ich halte beide Varianten für denkbar. Am Ende muss aber die Stadt Ludwigsburg entscheiden, was sie will.

Wo stehen wir bei der Stadtbahn am Ende des Jahres?

Wenn ich in die Glaskugel schaue, dann haben wir den Pachtvertrag mit der Deutschen Bahn über die Reaktivierung der Strecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen unterzeichnet. Die ingenieurstechnischen Planungen für die Stadtbahn sind beschlossen und beauftragt und wir haben einen Grundkonsens zwischen den Partnern erreicht, welche Strecke gebaut wird.

Welches ist Ihr Wunsch für das neue Jahr?

Gesundheit für alle. Vernunft und Durchhaltevermögen und den gesellschaftlichen Willen, diese Pandemie zu bewältigen. Wir werden es nur gemeinsam hinbekommen. So können wir hoffentlich bald wieder in unser normales Leben zurückkehren.