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„Wir Mitarbeiter sind die Leidtragenden“

Hunderte Beschäftigte und Betriebsräte aus Firmen im Land protestieren rund um das Bietigheimer Werk gegen Stellenabbau und Arbeitsplatzverlagerung

Hinten rechts geht es noch lange weiter: Menschenkette um das Bietigheimer Werk von Bosch AS. Foto: Ramona Theiss
Hinten rechts geht es noch lange weiter: Menschenkette um das Bietigheimer Werk von Bosch AS. Foto: Ramona Theiss
Vor dem Werk treffen sich Mitarbeiter von Firmen aus Kreis und Land zu einer Protestkundgebung. Fotos: Ramona Theiss
Vor dem Werk treffen sich Mitarbeiter von Firmen aus Kreis und Land zu einer Protestkundgebung. Foto: Ramona Theiss

Bietigheim-Bissingen. In der langen Menschenkette rund um das Bietigheimer Werk von Bosch AS (Automotive Steering) stehen auch drei altgediente Mitarbeiter: Uwe Reisinger, Guiseppe Letteriello, Thomas Seitz. Jeder von ihnen arbeitet seit mehr als drei, Letteriello sogar seit mehr als vier Jahrzehnten in dem Werk – erst unter der ZF AG, dann für ZF Lenksysteme, schließlich, nach der kompletten Übernahme 2015, für Bosch AS. „Ich habe mein ganzes Berufsleben in diesem Werk gelassen“, sagt Letteriello. Jetzt, nach dieser langen Zeit und im Jahr vor seinem Vorruhestand, sagt der 60-Jährige, der in der Demontage arbeitet: Er sei enttäuscht, wütend und zornig, wenn er an das Vorgehen der Geschäftsführung denke.

Bosch möchte die Produktion im Bietigheimer AS-Werk bis Ende 2021 stilllegen. Davon wären 290 Arbeitsplätze betroffen. Die Pläne „zeigen fehlende Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern, die dieses Werk über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben“, sagt Reisinger. „Wir werden abserviert, so empfinde ich das. Ich bin sehr enttäuscht vom Management.“ Der 59-Jährige will kämpfen: „Wir werden alles dafür tun, dass die Produktion am Standort Bietigheim bleibt.“ Seitz (51) betont: „Der Vorstand beschließt, künftig in Ungarn zu produzieren, und wir Mitarbeiter sind die Leidtragenden.“ Zudem sei die Entscheidung, die Bietigheimer Produktion stillzulegen, zu wenig transparent getroffen worden. Seitz wirft der Geschäftsführung vor, den 2016 vereinbarten Sozialtarifvertrag nicht eingehalten zu haben. Das sieht auch der Bietigheimer AS-Betriebsratsvorsitzende Vincenzo Basile so; er wirft Bosch in einem sich seit Monaten verhärtenden Konflikt deshalb Rechtsbruch vor. Bosch weist diese Anschuldigung zurück.

Am Montagvormittag stand Basile auf einer kleinen Bühne hinter dem Bietigheimer AS-Werk. „Ihr seid einfach toll“, rief er Hunderten Beschäftigten und Betriebsräten von Bosch AS und anderen Unternehmen im Land zu. Sie alle – die Veranstalter sprechen von etwa 400 Menschen – kamen zu einer Protestveranstaltung unter Federführung der Gewerkschaft IG Metall. Das Motto: „Wir wehren uns gemeinsam mit allen Betrieben in Baden-Württemberg“ und „Solidarität gewinnt!“ Delegationen von etwa 20 Firmen trafen sich, um gegen drohenden Stellenabbau und Arbeitsplatzverlagerung in andere Länder zu protestieren. Unter ihnen waren Delegationen etwa von Mahle in Markgröningen, Daimler in Sindelfingen, von Stihl, anderen Bosch-Werken, Syntegon, ElringKlinger, Dürr in Bietigheim-Bissingen. Unter ihnen waren auch Tanja Majer und Halil Das, Betriebsräte bei Mann+Hummel – der Filterhersteller kündigte Ende Juli die Schließung der Produktion am Ludwigsburger Stammsitz an – „von jetzt auf nachher, ohne mit den Betriebsräten vorher nach anderen Lösungen gesucht zu haben“. Das sei das gleiche Vorgehen wie bei Bosch AS gewesen, sagt Majer. Die Schließungspläne in beiden Unternehmen kündeten von fehlendem Respekt gegenüber den Mitarbeitern; die Coronakrise und der Transformationsprozess in der Automobilindustrie würden nur als Vorwand genutzt, um schon lange in der Schublade liegende Stellenabbaupläne nun umzusetzen. Stattdessen hätten die Firmen rechtzeitig investieren müssen: „Man hätte schon früher andere Lösungen finden können“, betonte Das gestern, ehe er sich in die Menschenkette einreihte.

Zuvor hatte der Chef der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, in seiner Rede die Arbeitgeberseite scharf kritisiert – dafür, dass nicht nur in Bietigheim, sondern auch woanders Stellenabbau und Standortverlagerungen angedroht würden. „Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Region industriell kaputtgemacht wird.“ Er kämpfe mit dafür, „Beschäftigung am Standort zu sichern. Wenn die Zukunft der Kollegen verspielt werden soll, muss man auf die Straße gehen.“ Die Kundgebung gestern sei ein „Signal an das Management“, dass man sich dessen Vorgehen nicht gefallen lasse. Riexinger forderte unter anderem, dass staatliche Hilfen für Konzerne an Arbeitsplatzsicherheit gebunden werden müsse.

Achim Ottenstein, Werkleiter des Bietigheimer AS-Werks, sagt: „Wir haben Verständnis dafür, dass die Mitarbeiter in dieser aktuellen und für alle herausfordernden Situation Sorge um ihre Arbeitsplätze haben.“ Verhandlungen seien vergangene Woche „konstruktiv gestartet und sollen wöchentlich weitergeführt werden“. Die Mitarbeiter „sollen schnellstmöglich Klarheit bekommen, wie es weitergeht“. Mitarbeiter könnten ihn jederzeit persönlich, über E-Mail oder Intranet kontaktieren und Fragen stellen, sagt Ottenstein: „Transparenz ist uns wichtig.“

Zusatzartikel:

Von der Bosch-AS-Geschäftsführung werde in der Öffentlichkeit ein „Zerrbild“ gezeichnet, das von „unmenschlichen Kapitalisten“, teilte Michael Jacobi mit, nachdem er Anfang September ein Gespräch mit der AS-Geschäftsführung hatte. Dieses Bild aber „entbehre jeder Grundlage“, so der Vorsitzende des CDU-Stadtverbands Bietigheim-Bissingen, der den Wirtschaftsflügel der CDU im Kreis Ludwigsburg vertritt. Bosch sei vielmehr ein „Glücksfall“ für die Stadt, weil der Konzern „Millionen in den Standort investiert“.

Bosch AS will am Standort Bietigheim die Fertigung Ende 2021 aufgeben und den Entwicklungsbereich ausbauen; mit der geplanten Stilllegung würden dort 290 Produktions-Arbeitsplätze abgebaut, zugleich sei „ein 270 starkes Entwicklungszentrum entstanden“, so Jacobi.

Der Vorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung des CDU-Kreisverbands Ludwigsburg kritisiert den Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen, Jürgen Kessing (SPD), und den AS-Betriebsrat dafür, dass sie „auf dem Fortbestand einer Produktion“ beharren. CDU-Landtagsabgeordneter Fabian Gramling teilte nach dem Gespräch mit der AS-Geschäftsführung mit: „Die Produktion und Fertigung ist inzwischen insbesondere in der Region Stuttgart so teuer, dass die Unternehmen zur Standortoptimierung gezwungen sind.“ Die CDU-Politiker betonten, dass Bosch den Mitarbeitern der Produktion Ersatzarbeitsplätze im Großraum Stuttgart angeboten hätten, die „leider bislang auf wenig Zuspruch“ gestoßen sei, so Gramling. Jacobi sagt: „Hier werden Alternativen auf dem Silbertablett inklusive Übergangszahlungen angeboten, aber der Betriebsrat besteht auf unrealistischen Maximalforderungen.“

Der Betriebsratsvorsitzende des Bietigheimer AS-Werks, Vincenzo Basile, widerspricht den beiden CDU-Politikern. Sehr viele Mitarbeiter hätten sich auf andere Stellen beworben – mehr als 110 von ihnen hätten aber eine Absage von Bosch-Standorten erhalten. Andere hätten auch Wochen nach der Bewerbung noch keine Rückmeldung erhalten. Die Vereinbarung, Mitarbeiter würden in der Bosch-Gruppe integriert, ohne dass sich Arbeitsbedingungen verschlechterten, habe Bosch nur „minimal eingehalten“.

Dass Jacobi Oberbürgermeister Kessing attackiert, sei zudem ein Verhalten „unter der Gürtellinie“, so Basile. „Wenn man parteipolitisch auf unsere Kosten agieren will, ist das ein ganz schlechter Stil“, kritisiert er die CDU-Politiker. Dennoch lade er auch sie zum Gespräch ein. (wd)

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