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„Wir müssen langfristig mit dem Virus leben“

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„Wir haben viel aus der ersten Welle gelernt“, sagt RKH-Geschäftsführer Prof. Jörg Martin im LKZ-Sommerinterview. Die Kliniken im Kreis seien vorbereitet, sollte es wieder mehr Covid-19-Erkrankungen geben.

Kreis Ludwigsburg. Herr Professor Martin, wann hatten Sie den letzten Covid-19-Patienten im Klinikum?

Prof. Jörg Martin: In der vergangenen Woche. Allerdings im Verbund der RKH-Krankenhäuser in Bretten. Im Kreis Ludwigsburg haben wir derzeit keine Covid-19-Patienten in den Kliniken. Oft kommen die Patienten wegen anderer Erkrankungen und werden dann positiv auf Corona getestet. Genau davor haben wir einen Riesenrespekt. Da die Ansteckungsgefahr für die übrigen Patienten und das Personal hoch ist. Deshalb wird jeder, der stationär aufgenommen wird, getestet.

Wie viele waren es insgesamt seit Beginn der Pandemie?

In der gesamten Holding waren es über 1000 Patienten. Davon wurden über 100 auch beatmet. Ludwigsburg war einer der Hotspots der Pandemie.

Halten Sie derzeit Betten für Covid-19-Patienten vor?

Wir sind auf Stand-by. Wir sind nicht voll ausgelastet und können jederzeit wieder die Bettenzahl für Covid-19-Patienten hoch fahren. Auch auf den Intensivstationen.

Die Infektionszahlen steigen wieder, es zeichnet sich eine zweite Welle ab, wenn sie nicht schon da ist. Wird das genauso schlimm wie im Frühjahr?

Wir haben sehr viel aus der ersten Welle gelernt. Wir kennen die Krankheit etwas besser. Es wird sicher Hotspots geben, aber nicht flächendeckend. Wir lassen unser Krisenmanagement von einer externen Firma analysieren, um daraus Schlüsse zu ziehen.

Wie bereiten sich die RKH-Kliniken auf diese zweite Welle vor?

Wir sind sehr gut in Krisen. Im Normalfall dauert so eine Krise aber nur Stunden oder wenige Tage – wenn es etwa einen schweren ICE-Unfall gibt. Corona ist anders. Jetzt hatten wir zehn Wochen Krise. Wir haben unsere Strukturen verändert. Zwei Covid-Zentren in Ludwigsburg und Bruchsal gegründet. Die Beatmungspatienten werden dort konzentriert. Dort ist das Know-how und das Fachpersonal. Das würden wir wieder so machen. Wir müssen besser werden bei der Versorgung mit Schutzkleidung. Aber wir haben jetzt einen Vorrat von mindestens drei Monaten.

Gibt es bei Medikamenten noch Eng- pässe?

Wir haben auch hier einen Vorrat für drei Monate. Aber die Lieferketten sind problematisch. Alle Grundsubstanzen werden nahezu in China und Indien produziert. Deswegen haben wir für die relevanten Medikamente Vorräte angelegt.

Worauf setzen Sie bei der Bekämpfung des Virus? Erwarten Sie, dass mit einer Impfung die Pandemie vorbei ist oder müssen wir langfristig mit dem Virus leben?

Ich glaube, wir müssen langfristig mit dem Virus leben. Die meisten Menschen gehen sehr verantwortungsvoll mit den Schutzmaßnahmen um. Die Hygiene- regeln werden noch lange Bestand haben. Die Impfung wird uns enorm helfen, wenn sie wirksam ist. Aber es wird immer wieder Einschläge geben.

Die Pandemie hatte auch extreme Auswirkungen auf den Klinikbetrieb. Die Auslastung ist dramatisch gesunken. Wo stehen Sie heute?

Über alle Kliniken hinweg liegen wir bei 60 bis 80 Prozent.

Wie groß ist der finanzielle Schaden, den die Pandemie bei den RKH-Kliniken verursacht hat? Können Sie schon abschätzen, wie Sie das Jahr 2020 abschließen werden?

Nach den derzeitigen Schätzungen gehen wir davon aus, dass in den Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim ein zusätzliches Defizit von drei bis fünf Millionen entsteht. Das ist allein Corona geschuldet.

Wissen Sie schon, wie viel der Bund an Zuschüssen geben wird, um wenigstens einen Teil der Ausfälle zu kompensieren?

Das wird nicht ausreichen. Aber auch das Land hat noch Hilfen von insgesamt 200 Millionen Euro angekündigt. Wir erhalten auch Hilfen für ausgefallene ambulante Fälle. Die abschließenden Zahlen können wir erst im Herbst nennen. Der Corona-Schutzschirm läuft Ende September aus. Danach erhalten wir keine Pauschale mehr für leerstehende Betten.

Gibt es noch andere Aktivitäten, bei denen die Einnahmen ausbleiben?

Wir betreiben Parkhäuser, Kantinen. Bei der Ortema gibt es eine orthopädische Werkstatt, die jetzt nicht betrieben werden konnte. Deshalb mussten wir die Mitarbeiter dort in Kurzarbeit schicken.

Wie hoch wird die Belastung für den Kreis Ludwigsburg als Träger der Kliniken sein? Landrat Allgaier beziffert den Zuschuss, der erstmals für den operativen Betrieb gezahlt werden müsse, mit rund fünf Millionen Euro. Ist das ein einmaliger Vorgang oder muss sich der Kreis darauf einstellen, dass die Kliniken auch für den Betrieb Unterstützung benötigen?

Das kann ich heute noch nicht sagen. Wir haben festgestellt, dass auch in den Notaufnahmen weniger Menschen kommen. Obwohl die Coronakrise etwas schwächer geworden war. Die stationären Patientenzahlen werden nicht weiter steigen. Deswegen müssen wir auch unsere Strategie ändern. Wir müssen mehr in den ambulanten Bereich rein. Aber nicht nur mit eigenen Mitteln, sondern auch durch Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten. Die Zukunft der Medizin ist vernetzt.

Was bedeutet diese Änderung der Strategie für die Versorgung im Landkreis Ludwigsburg?

In Ludwigsburg und Bietigheim wird es 2021 noch 1500 Betten geben. Hinzu kommt die orthopädische Fachklinik in Markgröningen. Für 540000 Einwohner sind wir optimal aufgestellt. Unser Anspruch ist es, dass wir die schwarze Null erreichen. Das wird 2021 und im Folgejahr sicher sehr schwer.

Gibt es Auswirkungen für die Patienten?

Sicher nicht. Aber es wird Veränderungen geben. Das Gute an Corona ist, dass die Digitalisierung mit Macht vorangetrieben wird. Wir werden die Telemedizin weiter ausbauen. Es wird Präventionsangebote geben, die über Apps genutzt werden können.

Funktioniert das? Ich saß in den letzten Wochen des Öfteren im digitalen Wartezimmer. Am Ende habe ich mit dem Arzt telefoniert ...

Wir brauchen vielleicht etwas länger in der Vorbereitung. Aber wir sind dann sehr gut aufgestellt. Wir bieten keine klassische Onlinesprechsunde an. Eine medizinische Fachangestellte wird den Patienten nach einer Checkliste befragen und ihn dann je nach Notwendigkeit zum Hausarzt schicken, in die Notaufnahme rufen oder mit einem Telemediziner verbinden. Das Wartezimmer wird damit ins Wohnzimmer verlegt.

Sie haben auch in der Vergangenheit die Strategie verfolgt, große Einrichtungen zu stärken und kleinere umzuwandeln oder zu schließen. Augenfällig wird das in Marbach. Das Krankenhaus ist seit 1. August geschlossen, schneller als manche erwartet haben. Wie geht es dort weiter?

Der stationäre Teil ist geschlossen. Der ambulante Teil wird weiter betrieben. Wir sind mit der Stadt Marbach im Dialog, um einen städtebaulichen Vertrag abzuschließen. Die evangelische Heimstiftung ist dort gesetzt. Wir wollen ein zweites Ärztehaus bauen. Aber derzeit ist es schwierig, Mieter zu finden. Das ist zum Teil Corona geschuldet.

Die Politik in Marbach hat Sie scharf kritisiert, dass es weder ein zweites Ärztehaus gibt, noch eine psychosomatische Klinik. Haben Sie auch kommunikativ Fehler gemacht?

Das will ich nicht ausschließen, dass auf beiden Seiten Fehler gemacht wurden. Die Entscheidung, in Marbach ein zweites Ärztehaus zu bauen und eine psychosomatische Klinik einzurichten, ist jetzt drei Jahre alt. Das ist eine lange Zeit. Es hat sich sehr viel getan. Unter anderem soll eine psychosomatische Klinik in Freudental entstehen. Für zwei Kliniken dieser Art ist hier sicher kein Platz.

Welches ist jetzt Ihr Ziel für den Standort Marbach?

Weiterhin ein zweites Ärztehaus. Marbach ist für uns als Brückenkopf sehr wichtig. Wir überlegen jetzt gemeinsam mit Marbach, was für beide interessant sein kann.

In Markgröningen gibt es seit März dieses Jahres eine Poststationäre Einheit für pflegebedürftige Patienten. Eine von zahlreichen Neuerungen im RKH-Klinikenverbund. Planen Sie in diesem und im nächsten Jahr noch weitere neue Einrichtungen?

Die Poststationäre Einheit gab es nur während der Coronazeit und ist wieder geschlossen. Wir planen eine rehabilitative Kurzzeit-/Übergangspflege. Diese kann ich mir auch gut für Marbach vorstellen. Dort können Patienten, die im Krankenhaus liegen, keiner ärztlichen Behandlung mehr bedürfen, aber auch noch nicht entlassen werden können, unterstützt werden, bis sie fit genug sind, um eine Reha anzutreten. Wir sind im Gespräch mit den Krankenkassen und dem Sozialministerium, ob wir eine solche Einrichtung anbieten können.

Anfang nächsten Jahres gibt es eine Strategiesitzung mit dem RKH-Aufsichtsrat. Wie sollen sich die Kliniken entwickeln?

Mehr ambulant, weniger stationär. Der Übergang zur ambulanten Behandlung muss leichter werden. Darauf müssen wir die Zahl der Betten ausrichten. Mehr personalisierte Medizin, mehr Telemedizin und unterstützende Digitalisierung einschließlich künstliche Intelligenz. Wir sind jetzt neben Freiburg Pilotregion für den Telenotarzt geworden. Das sind einige Schlagworte für die zu entwickelnden Strategie. Hier sind wir schon top aufgestellt. Die größte Herausforderung ist, die richtigen Mitarbeiter zu finden.

Wohin zieht es Sie in Zeiten von Corona in den Urlaub?

Dieses Jahr reise ich zu Freunden in die Schweizer Berge. Mit ganz viel Abstand und viel frischer Luft.