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„Wir sind an die Leistungsgrenze gestoßen“

Möchte im nächsten Jahr an alte Zeiten anknüpfen: Jochen Sandig. Foto: Holm Wolschendorf
Möchte im nächsten Jahr an alte Zeiten anknüpfen: Jochen Sandig. Foto: Holm Wolschendorf
Der Intendant der Schlossfestspiele, Jochen Sandig, wirft einen Blick zurück auf seine zweite Saison und hofft auf die Festspielinsel im Oktober

Ludwigsburg. Erst Mitte Juni, und damit rund fünf Wochen später als geplant, konnten die Festspiele coronabedingt in die Saison starten – eine normale Spielzeit wurde es aber auch nicht mehr. Im Interview spricht Intendant Jochen Sandig über permanente Ausnahmezustände, Brücken über die B27 und seine Hoffnungen für das kommende Jahr.

Herr Sandig, Ihre zweite Saison als Intendant, Ihre zweite mit Corona – wie steht es um Ihre Moral?

Jochen Sandig: Wenn ich so auf unsere Festspiele 2021 zurückblicke, muss ich sagen: Was da geschehen ist, was wir gemeinsam geschaffen haben, kommt einem Wunder gleich. Wir haben ein relativ kleines Team, das ist extrem engagiert. Unser Erfolg ist das Ergebnis einer kollektiven Leistung und dafür bin ich dankbar. Vieles war langfristig geplant, aber manches kam dann noch kurzfristig hinzu. „Dying Swans“ als Live-Experience, die Uraufführung der „Dialoge“ von Sasha Waltz & Guests im Blühenden Barock, die Neukonzeption eines Festspielzentrums mit Klangkreis im Schlosshof. Die Residenzwoche von Barbara Hannigan war sehr herausfordernd und beglückend, bestehend aus einem Parcours durch das Schloss mit dem Equilibrium-Ensemble und dem fulminanten Festspielkonzert „Chiaroscuro“ in zwei Teilen als abschließendem Höhepunkt. Es fühlt sich im Rückblick nicht wie eine „Mini-Saison“ an. Vom Arbeitsvolumen war es deutlich aufwendiger, als es ein „normales“ Festival gewesen wäre.

Was natürlich mit den Corona-Bedingungen zu tun hatte...

Ja, es gab viele Prozesse, viele Regelungen, die unsere Arbeit enorm erschwert haben. Dazu der permanente Ausnahmezustand der Unsicherheiten: Wie können geplante Projekte am Ende wirklich umgesetzt werden? Wir haben unseren „Plan C“ verfolgt, ein Stufenkonzept, um komplette Absagen weitestgehend zu vermeiden. Wir haben Konzerte wie jene im Ordenssaal einem breiteren Publikum zugänglich gemacht mit Hilfe des Klangkreises, in dem man kostenlos live Musik in hoher Tonqualität unter freiem Himmel erleben konnte. Dieses Angebot wurde von denen, die da waren, als sehr beglückend empfunden.

Die Resonanz war aber noch überschaubar, oder?

Wir waren zufrieden, aber es hätten gerne auch noch mehr Menschen kommen können. Viele haben nach den Lockerungen erst einmal die Gastronomie gestürmt und Verwandte und Freunde getroffen. Die Kartenverkäufe waren gut, viele Konzerte waren ausverkauft – die Vielfalt unseres Programm und Angebote wie unser Klangkreis müssen sich noch herumsprechen. Wir sind durch Corona ziemlich an unsere Leistungsgrenze gestoßen. Wir sind auch auf der Suche nach einem neuen Publikum. Da hilft unsere Digitale Bühne als „dritter Raum“, auch die ist eine Form der Nachhaltigkeit. Das gibt uns eine gewisse Zufriedenheit, weil es hier eine deutliche Zuwachsrate gab. Die „Fest Spiel Ouvertüre“ mit Oksana Lyniv steht noch bis November online, die Konzerte von Barbara Hannigan bis Silvester. Rein digitale Übertragungen von Programmen ohne Publikum sind eine technologische Brücke – Live-Konzerte können sie jedoch nicht ersetzen.

Für das Publikum war es ja auch enorm schwierig einzuschätzen: Was darf man? Wie läuft es ab?

Ja, das haben wir gespürt, auch an der Abendkasse. Viele haben sich gefragt: Muss man getestet sein oder nicht? Das bremst einen spontanen Besuch. Dafür haben wir viele andere Dinge gewonnen. Unseren Residenz-Künstler Brad Hwang, das Festspielzentrum mit dem Klangkreis, die digitalen Formen. Wir haben versucht, Absagen zu vermeiden, weil es darum geht, Künstlern ihre Produktivität zu ermöglichen – und nicht wieder den großen Verschiebebahnhof zu machen und alles auf 2022 zu umzulenken. Im Mai waren wir nur digital auf Sendung, aber im Juni ging es dann volle Kraft voraus – das hat funktioniert. Das können und wollen wir aber nicht jedes Jahr so machen.

Was ist im kommenden Jahr bereits geplant?

Nächstes Jahr feiern wir das 90-jährige Jubiläum der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Wir begehen es als den Beginn einer neuen Dekade, den Anfang des zehnten Jahrzehnts der Festspiele. Wir werden uns einerseits auf den Gründungsgedanken um Mozart besinnen, aber vor allem nach vorne schauen in eine gemeinsame Zukunft: Die globale Agenda 2030 fordert uns dazu heraus als Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit. Wir wollen dabei vorhandene Kooperationen mit unseren vielen Partnern vertiefen.

Also setzen Sie auch weiter auf bereits Bewährtes?

Das „Bewährte“ entsteht ja aus dem „Neuen“. Bei der Klanginstallation von Kaan Bulak war es für mich sehr berührend zu erleben, dass sich Menschen eine knappe Stunde in diesen Klangkreis setzen, den Himmel anschauen, während die Vögel vorbeifliegen. Wir wollen das im kommenden Jahr wieder aufführen. Ein Live-Erlebnis, weil auch der Außenraum mitspielt, im Geiste von John Cage. Made in Ludwigsburg. Der Schlosshof soll das akustische und soziale Herz des Festivals werden. Im sozialen Miteinander gibt es noch Luft nach oben – die Verweildauer wird sich nächstes Jahr auch erhöhen, wenn wir wieder gastronomische Angebote machen dürfen vor und nach den Veranstaltungen.

…und mit der Brücke über die B27, die Sie ja gerne hätten…

Wenn ich jemanden finde, der sie uns finanziert: sofort! (lacht). Im Schlosshof brauchen wir für Open-Air-Veranstaltungen einen Regen- und Sonnenschutz im ästhetischen Einklang mit dem historischen Raum. Die Stuttgarter Architekturklasse von Prof. Alexander Schwarz hat dazu interessante Ideen entwickelt. Wir benötigen auch eine Bar, an der man etwas trinken kann. Neben dem Stammpublikum geht es mir darum, auch Menschen neugierig für klassische Musik und künstlerische Erfahrungen zu machen, die nicht regelmäßig ins Konzert gehen. Wenn man das Gefühl hat, es gibt hier keinen Dress Code und kann dabei noch an der frischen Luft sein, öffnet sich etwas. Der Konzertparcours durch das Schloss ist ein sehr populäres Format. In mehreren Gruppen, an mehreren Stationen mit kurzen Programmen – das funktionierte in dieser Saison bereits sehr gut.

Wie soll sich die Struktur entwickeln?

Wir sind ein lernendes System. Wir wollen uns im Zeitraum der Festspiele verstärkt auf die Wochenenden konzentrieren, mit klar sichtbaren Leuchtturmveranstaltungen. Was das auswärtige Publikum angeht, konnte ich meine Ziele noch nicht erreichen. Das war durch die Pandemie deutlich erschwert. Der Publikumsverkehr spielte sich noch im regionalen Kontext ab, da brauchen wir Geduld. Aber das ging in diesem Jahr vielen Festivals so. Wir konkurrieren natürlich auch nicht mit Bayreuth und Salzburg, aber orientieren uns daran strukturell als ein Festival mit eigenen Produktionen und haben ja teilweise auch die gleichen Künstler zu Gast. Oksana Lyniv war sogar erst bei uns, bevor sie dann die Bayreuther Festspiele eröffnete.

Was wird aus beliebten Formaten wie dem Open-Air am Monrepos?

Monrepos bleibt ein fester Termin im Kalender, leider mussten wir es dieses Jahr absagen, weil wir die Kontaktnachverfolgung nicht gewährleisten konnten. Es ist mir schwer gefallen, aber es ging nicht anders, wir wären überrannt worden und konnten hier kein Risiko eingehen. Als Veranstalter fragt man sich natürlich: Haben wir alles richtig gemacht? Die Teststrategie mit dem Festspielorchester allein war schon irrsinnig aufwendig. Kulturveranstaltungen sind aktuell doppelte Arbeit für halbes Publikum – aber umso wichtiger!

Was denken Sie, was hoffen Sie, wie sich das Ganze in nächster Zeit entwickelt?

Wenn ich mir das Programm von 2020 so anschaue, sehe ich, dass wir vieles mittlerweile doch schon realisiert haben. Meine Hoffnung ist, dass wir 2022 wieder ein richtiges Programm anbieten können, mit einem physischen Festival und viel Publikum. Nächstes Jahr ist ja ein weiteres wichtiges Jubiläum: 60 Jahre Rede an die Deutsche Jugend von Charles de Gaulles im Schlosshof, die so viele Menschen geprägt hat. Deutschland, Frankreich, Europa – das wird ein großes Thema sein. Außerdem natürlich das Erbe von Mozart. Ohne Wolfgang Amadeus gäbe es keine Schlossfestspiele, hier liegen unsere Ursprünge. Und wir gehen aus diesen beiden Corona-Jahren geimpft und gestählt hervor. Wir wissen, wo unsere Kapazitätsgrenzen liegen, wie man auf Kurzfristigkeiten reagieren kann. Wir hoffen aber, dass wir kein drittes Jahr erleben, in dem wir kurzfristig noch reagieren müssen. Manche Projekte haben wir viermal umgeplant!

Frustrierend.

Ja, ich bin aber zuversichtlich, dass wir 2022 wieder ein Festival erleben können, das an alte Zeiten anknüpft, mit mehr Publikum, mehr sozialer Nähe, Gesprächen vor und nach den Veranstaltungen. Das kam in diesem Jahr alles zu kurz. Wir haben in Sachen Gender Equality ein Zeichen gesetzt, mit einem ausgeglichenen Verhältnis männlicher und weiblicher Künstler. Das wird sich fortsetzen. Jetzt müssen wir uns aber erstmal erholen.

Und im Herbst geht’s schon weiter...

Wir wollen die Tradition mit den Gastspielen in Wolfegg am Leben halten, deshalb gastieren wir dort im Rittersaal des Schlosses am 18. September mit einem „Dvorak Mozart Rossini“ Programm des „Fest Spiel Ensembles“ gleich zweimal an einem Tag. Die Ludwigsburger Schlossfestspiele sind hiermit auch im ländlichen Raum präsent. Hinzu kommt eine Festspielinsel im Oktober: #BeFree ist ein befreiendes Projekt mit dem Stegreiforchester am 2. Oktober auf der Schillerhöhe in Marbach auf Grundlage der Neunten von Beethoven und besonders freue ich mich auch auf das legendäre Werk von Pina Pausch „Kontakthof“ mit dem Tanztheater Wuppertal im Forum am 6., 7. und 9. Oktober. Es gibt wohl kaum ein Stück, was in unsere Zeit der Distanz so sehr passt wie dieser Titel. Ein sehr symbolträchtiges Gastspiel, mit der Sehnsucht nach Kontakt, nach Nähe und sozialer Interaktion.