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Witz und Warmherzigkeit

Ein fahrender Sänger hat seine lange Reise beendet: Zum Tod des Folkpioniers Colin Wilkie

Colin Wilkie. Foto: privat
Colin Wilkie. Foto: privat

Pfaffenhofen. Traurige Kunde für alle Freunde der Folkmusic: Colin Wilkie ist vor Kurzem im Alter von 86 Jahren nach längerer Krankheit verstorben. Der 1934 in London geborene Musiker begann als 18-Jähriger in England als Schlagzeuger in diversen Jazz-, Skiffle- und Popgruppen. Das Gitarrespielen brachte er sich weitgehend selbst bei. In seinem von ihm begründeten Folkclub lernte er 1960 die Folksängerin Shirley Hart kennen, von da an Gesangspartnerin, Gefährtin und später Ehefrau. Gemeinsam zogen die beiden als Straßensänger durch Europa. Hauptsächlich traten sie zunächst in Frankreich auf und kamen dann Mitte der sechziger Jahre zu den Festivals auf der Burg Waldeck im Hunsrück, wo die deutsche Folk- und Liedermacherszene bis heute ihren Ursprung definiert. 1966 schrieb Colin zu Texten von Franz-Josef Degenhardt für das Stück „Leben und leben lassen“ etliche Melodien. Der Regisseur Peter Palitzsch ließ ihn und Shirley Hart auch auf der Bühne des Stuttgarter Staatstheaters, wo das Stück (unter anderem mit Hannelore Hoger) eineinhalb Jahre lang lief, als Straßensänger auftreten. Dadurch wurden sie 1966 im Zabergäu, zunächst in Stockheim, später dann in Pfaffenhofen sesshaft.

Bodenständigkeit auf der einen Seite – auf der anderen Seite aber blieben sie wie die meisten Musiker ihres Genres fahrende Sänger, die die meiste Zeit im Jahr unterwegs waren. Colin Wilkie war dabei sicher einer der wegweisenden Pioniere, die angloamerikanische Folkmusic in Deutschland populär machten. Hannes Wader nennt ihn als einen derjenigen, von denen er den speziellen Finger-Picking-Style erlernte, er ebnete anderen Musikern oftmals den Weg nach Deutschland, genannt seien hier Alex Campbell, Ray Austin, Wizz Jones und viele andere. Gleichzeitig beeinflusste er durch den damals hierzulande neuen Picking-Style, den er vor allem auch mit seinem Landsmann John Pearse (1939–2008), der zuletzt in Besigheim lebte, bekannt machte, auch viele junge Musiker. Er schrieb nicht nur für sich und Shirley Hart immer wieder schöne Lieder, sondern auch für Konstantin Wecker, Pe Werner oder den fulminanten Gitarristen Werner Lämmerhirt. Andere seiner Lieder wurden von Kolleginnen und Kollegen übernommen oder, im bekanntesten Falle, von Hannes Wader ins Deutsche übertragen. „One more city, one more town“ – oder wie es bei Wader heißt: „Manche Stadt“ – gehört heute noch Waders Repertoire.

Von 1974 bis 1981 hatte Colin Wilkie beim Österreichischen Rundfunk eine sehr populäre Sendung, in der er jeweils sonntagabends Folkmusic vorstellte. „Colins Folk Club“ war denn ebenfalls ein wichtiger Wegbereiter für den deutschsprachigen Raum für neue Künstler.

Wenn die Vollblutmusiker Colin und Shirley nicht unterwegs waren, war ihr Haus im Zabergäu stets ein überaus gastfreundlicher Ort, wo sich immer wieder Freunde wie der amerikanische Songschreiber Phil Ochs einfanden. Alle wurden mit großer Herzlichkeit empfangen und aufs Beste verköstigt. Und wer zu Gast war, konnte feststellen: Es gab bei Colin Wilkie keinen Unterschied zwischen dem mit viel britischem Humor gesegneten Bühnenmenschen, der durch seine unzähligen Geschichten, die oft skurril und doch immer aus dem Leben waren, und der warmherzigen, offenen, zugewandten Privatperson. „Das war ein recht gutes Jahr, wir hatten genug Wein für uns und auch genug Wein für unsere Freunde“: Das ist ein Zitat, das ungemein trefflich für die Person Colin Wilkies stehen mag.

Spezieller Humor bleibt in Erinnerung

Auch in der Region trat er regelmäßig auf, so viele Jahre immer am Valentinstag im Lauffener Phönix-Club oder auch in Brackenheim, im Stuttgarter Laboratorium oder als Moderator beim Festival auf der Lauffener Rathausburg. Colin und Shirley, die schon letztes Jahr starb, haben einen gemeinsamen Sohn, der nach dem von ihnen verehrten niederländischen Maler Vincent van Gogh benannt wurde und der als Produzent, Musiker und DJ tätig ist.

Gesundheitlich schon seit Jahren angeschlagen, trat Wilkie bis 2016 immer noch in Clubs oder auf Festivals auf und beeindruckte dabei immer wieder auch jüngere Fans. Legendär wird neben seiner Musik auch sein spezieller Humor in Erinnerung bleiben, typisch sein Kommentar nach dem Rückzug seiner Frau nach einer Stimmbandoperation von der Bühne: „Jetzt bekomme ich endlich die ganze Gage alleine.“ In seinen Liedern wird Colin ebenso weiterleben wie in der Erinnerung seiner Fans und Freunde.

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