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Wo der Hund begraben liegt

Die Stimmeninstallation „Was man von hier hören kann“. Foto: Ramona Theiss
Die Stimmeninstallation „Was man von hier hören kann“. Foto: Ramona Theiss
Das Poesie-Picknick auf der Schillerhöhe kreist um die Themen Tod und Tier

Marbach. „Kein Sturm, nur Wetter“: Mit dem Titel von Judith Kuckarts jüngstem Roman ließen sich auch die meteorologischen Begleitumstände des „Poesie-Picknicks“ beschreiben, zu dem das Deutsche Literaturarchiv (DLA) am späten Sonntagvormittag geladen hatte. Doch der Regen blieb aus und so konnten sich rund 30 Literaturinteressierte auf den Rundgang mit Kuckart durch ihre gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Lili Anschütz konzipierte Stimmeninstallation „Was man von hier hören kann“ begeben. Für die hat die Autorin, Tänzerin, Choreografin und Regisseurin Personen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis an ihren Küchentisch gesetzt, um ausgewählte literarische Stellen zum Themenkreis Tod und Vergänglichkeit vorzulesen oder vorzusingen.

Der Clou daran: In allen Texten spielen Tiere eine Rolle. Die 40 Sekunden bis 14 Minuten langen Loops dringen nun aus den kleinen, robusten Lautsprechern, die im Park der Schillerhöhe, meist an Bäumen fixiert, verteilt sind. Markiert werden die zehn Stationen der „Stimmeninstallation für freies Gelände“ von transparenten Kunststoffbannern, auf denen in schwarzen Silhouetten Ast- und Blattwerk zu sehen ist. Es sind die Schatten der umgebenden Pflanzen, die bei der Premiere im Park Gut Rödinghausen in Menden auf die Folien fielen.

Der Parcours beginnt am Schillerdenkmal mit einer Doppelstation. Während links der Dichterstatue die achtjährige Madita Auerbach Hölderlins „Hälfte des Lebens“ liest, rezitiert gegenüber Hanna Schygulla Rilkes „8. Duineser Elegie“ – und zwar die Verse, die ihr in Erinnerung geblieben sind. Im Garten seitlich des Collegienhauses trifft man auf Bibiana Beglau, die einen Auszug aus Monika Marons „Krähengekrächz“ zu Gehör bringt. Den längsten Text hat Sandra Hüller: In Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“ kündigt der Traum einer Romanfigur von einem Okapi den baldigen Tod eines Mitbewohners im Westerwalddorf an. Kuckart liest einen eigenen Text: „Fifi“ klärt buchstäblich auf, wo der Hund begraben liegt – das Tier, das der Großvater nach dem Krieg aus Brest mitgebracht hat, erweist sich nach dessen Tod als „Liebespfand“. Unterhalb des Schiller-Nationalmuseums tönt Gesang durchs Unterholz: Claudia Spörri singt Annette von Droste-Hülshoffs „Die tote Lerche“ in der Vertonung von Annalisa Derossi. „Die Stimmen der Toten, an einer bestimmten Grenzen treffen sie aufeinander – ohne, dass sie in einen Dialog geraten, sprechen sie doch miteinander“, so Kuckart. Schade nur, dass die in jeder Hinsicht poetische Installation lediglich für diesen einen Tag auf der Schillerhöhe verweilt, doch ein Sicherheitskonzept hierfür hätte zu hohe Kosten verursacht, hieß es.

Im anschließenden Podiumsgespräch unterhielt sich Jan Bürger, der stellvertretende Leiter der Abteilung Archiv am DLA, mit Katharina Hacker und Friederike Roth über „Natur, Tiere, Landschaft und das Schreiben darüber“. Während Hacker, die auch einige ihrer „Minutenessays“ vortrug, für das „staunende Hinschauen“ plädierte, räumte Roth ein: „Mit der Natur hab ich’s nicht so besonders.“ Die Implikation der Vergänglichkeit stimme sie schlussendlich traurig. Wie sehr das Thema Endlichkeit unter die Haut fahren kann, erfuhr man schließlich bei einer Urlesung: „Ginster und Gier“ wird erst 2022 erscheinen – erstmals las Roth öffentlich daraus.