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Wo Nachbarn und Bauamt rotsehen

Der seit Jahren schwelende Streit wegen Farbe und Material von Fassade und Dach eines Wohnhauses in der Ortsdurchfahrt scheint vor dem Verwaltungsgericht nun beigelegt worden zu sein.

Das Haus mit der ungewöhnlichen Farbe an Fassade und Dach ist ein Hingucker – und das, wenn es Reflexionen gibt, auch auf den Wänden der Nachbarn. Foto: Holm Wolschendorf
Das Haus mit der ungewöhnlichen Farbe an Fassade und Dach ist ein Hingucker – und das, wenn es Reflexionen gibt, auch auf den Wänden der Nachbarn. Foto: Holm Wolschendorf

Pleidelsheim/Stuttgart. So mancher Pleidelsheimer mag beim Anblick eines Hauses im Ortskern sprichwörtlich rot sehen – vor allem jene, die direkt im Umfeld wohnen, oder das in Zukunft könnten. Sie wolle man schützen, hatte das zuständige Freiberger Baurechtsamt nach Klagen der direkten Nachbarn vor allem über Reflexionen auf ihren Wänden erklärt, und verfügt, dass der Eigentümer dem Gebäude einen neuen Anstrich verpassen soll. Doch der wehrte sich dagegen, das Ganze ging jahrelang hin und her, bis zum Verwaltungsgericht – wo er nun seine Klage gegen eine Verfügung zur Beseitigung des „Missstands“ zurückzog. Denn die Richterin machte in der Verhandlung deutlich, dass er bei einem Urteil wenig Chancen auf Erfolg habe.

Dabei war für die Verwaltungsexperten durchaus nicht alles so eindeutig – und der Sachverhalt für Laien stellenweise doch sehr kurios. Zum einen, weil für das Haus zwei Bebauungspläne gelten, die Grenze verläuft mitten durch das einst geteilte Grundstück. Beide Planwerke sehen aber für die Fassade die gleichen Regeln vor: Sie soll weiß oder „leicht farbig getönt“ sein. Doch schon das, was der Hauseigentümer 2014 beantragte, war vielmehr ein sattes Rotbraun, zu sehen in den Unterlagen und an der von Erwin Paulus – einst Bürgermeister und nun Immobilienunternehmer – ins Gericht gebrachten „Zenor-Faserzement-Tafel“. Einwände hatte die Gemeinde damals aber keine gehabt, schloss die Richterin wegen der nur zwei Monate später erteilten Genehmigung. Fertiggestellt, waren Fassade und Dach dann aber, je nach Tageslicht, kräftig rot, was auch den Bauherren „erschrocken“ habe, zitierte die Richterin. Sie hatte sich zudem beim Hersteller der Tafeln kundig gemacht – und fand auf dessen Website das Haus als Referenzobjekt wieder, beschrieben als „Designwunder in Rot“, das aber „trotz seiner schillernden Farbe eine gewisse Ruhe ausstrahlt“.

Doch das tut es gewiss nicht für die Nachbarn. Gezeigt wurden während der Verhandlung Fotos mit deutlich roten Reflexionen auf deren Wänden. Denn auch das Dach ist nicht wie vorgegeben mit rotbraunen Ziegeln gedeckt, sondern besteht aus denselben roten Tafeln, die überdies glänzen, so die Behördenseite. Hier könne man sich aber ebenfalls über die Definition streiten, so Paulus und sein Anwalt, im Katalog werde (auf einer Skala bis 70) ein Wert von 12 angegeben, matt reiche von 1bis 10, ein Gutachten habe „nicht glänzend“ ergeben. Die Kläger wiesen auch darauf hin, dass eine „harte Bedachung“ genehmigt worden sei, also nicht explizit Ziegel.

Dennoch: „Wir säßen heute nicht hier, wenn es nicht diese Blendwirkung gäbe“, so die Richterin. Passend dazu zeigte sie Fotos, die das selbst bei bedecktem Himmel, aber leichtem Nieselregen verdeutlichen. Ein gewisses Maß an Belästigung sei zwar zumutbar, doch der Fall liege im Grenzbereich. Dazu komme, dass die Baurechtsbehörde 2017 gar nicht die heftigste aller Forderungen gestellt habe, die völlige Entfernung der Platten. Vielmehr könne ein anderer Anstrich oder eine Folie gegen die Reflexion Abhilfe schaffen.

Das sei laut Paulus alles technisch machbar. Und er habe alternativ den Nachbarn auch eine graue Tafel vorgelegt gehabt, von der man eine Reihe verlegen könne. Doch das Verhältnis scheint zerrüttet, sehr lange gab es keine Reaktion darauf. Und dann einen Forderungskatalog, dass die Umgestaltung ohne das Aufstellen eines Gerüstes ablaufen und bei möglichen Problemen durch Folie diese binnen 48 Stunden entfernt werden müsse. „Würden Sie das akzeptieren? Ich nicht!“, machte die Richterin aber auch der Gegenseite deutlich, dass nicht alles gehe – was Fachbereichsleiter Peter Müller für die Stadt Freiberg bestätigte. Und sich ebenfalls Vorhaltungen vom Gericht anhören musste, weil man sich nicht umgehend gegen das Bauprojekt gewandt habe.

Da auch keine Zwangsmittelandrohung verfügt worden sei, könnte das Ganze auf juristischem Weg bis zur Umsetzung der Änderung noch Jahre weitergehen, warb die Richterin für ein „Signal“ und die Klagerücknahme. Paulus sperrte sich zunächst dagegen, wollte das Verfahren für sechs Monate aussetzen, um sich mit dem Bauamt über die genauen Änderungsvorgaben auszutauschen, diese Zeit sei sicher nötig. Doch dann müsste das Gericht von vorne beginnen – das aber ist durch eine Coronapause, in der nur das Allernötigste vor allem im Bereich Abschiebung verhandelt wurde, ohnehin schon im Rückstand, ursprünglich hätte der aktuelle Termin vor einem Jahr stattfinden sollen.

Rekordverdächtig ist eine solche Verfahrenszeit aber nicht, so Müller, der selbstkritisch anmerkte, dass derzeit vieles zu lange dauere. Immerhin soll es nun nicht wie in einem ihm zugetragenen Fall, 24 Jahre dauern, bis das Haus keinem mehr die Zornesröte ins Gesicht treibt.

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