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Zwangsurlaub oder unbezahlte Freistellung

Unternehmen im Kreis Ludwigsburg raten ihren Mitarbeitern ausdrücklich von vermeidbaren Reisen in Risikogebiete ab – Konsequenzen drohen

Hinweistafel an einem Flughafen: Firmen erwarten von ihren Beschäftigten eine verantwortungsvolle Reiseplanung.Foto: Henning Kaiser/dpa
Hinweistafel an einem Flughafen: Firmen erwarten von ihren Beschäftigten eine verantwortungsvolle Reiseplanung. Foto: Henning Kaiser/dpa

Kreis Ludwigsburg. Einfach so in irgendein Urlaubsland zu reisen – so geht das in der Coronakrise nicht. Auf die möglichen Gefahren eines Auslandstrips weisen nicht nur Politik und Wissenschaft gegenüber den Bürgern hin, sondern auch Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern. Ebenso erwarten die Chefs von den Beschäftigen selbst, mit einer verantwortungsvollen Haltung im Gepäck zu verreisen. „Wir weisen unsere Mitarbeiter darauf hin, sich im Vorfeld und während der Reise über lokale Bestimmungen in ihrem Heimatland und in Ziel- und Transitländern zu informieren“, sagt Simon Schmitt, ein Sprecher des Gerlinger Technologiekonzerns Bosch. Sich über Rückkehr- und Quarantänebestimmungen zu informieren, das, so Schmitt, müssten Mitarbeiter „in ihre Urlaubsplanung miteinbeziehen“.

Auch die W&W-Gruppe (Wüstenrot&Württembergische) hat ihren Mitarbeitern Verhaltenshinweise zum Thema Reisen gegeben. „W&W rät ihren Beschäftigten von Aufenthalten in vom Robert-Koch-Institut (RKI) benannten Risikogebieten generell ab“, teilt der Sprecher des Unternehmens, Immo Dehnert, mit. Über Mitarbeiter, die aus einem Risikogebiet nach Deutschland zurückkommen und einen Coronatest gemacht haben, sagt Dehnert: „Die W&W-Firmenstandorte betreten sie in den ersten 14 Tagen nach ihrer Rückkehr nicht.“ Mobiles Arbeiten ist bei dem Ludwigsburger Finanzdienstleister dann meist möglich. Wenn aber Mitarbeiter nach einer vermeidbaren Reise in ein zuvor benanntes Risikogebiet in Quarantäne müssen und nicht von zu Hause aus arbeiten können, „muss Urlaub genommen oder müssen Überstunden abgebaut werden“. Dehnert weiter: „Generell setzen wir in diesem Bereich auf die Einsicht der Beschäftigten.“ Anweisen könne das Unternehmen in diesem Bereich nichts, da das Thema Urlaub, wie jede Freizeitgestaltung, zum Privatleben gehöre, so Dehnert.

Die Mitarbeiter des Ludwigsburger Filterspezialisten Mann+Hummel sind laut Sprecherin Laura Montag vor Beginn der Sommerferien „umfassend und transparent“ darüber informiert worden, dass das Unternehmen „dringend empfiehlt, nicht in ein vom RKI festgelegtes Risikogebiet zu reisen“. Wer es dennoch tue, müsse bei Rückkehr einen negativen Test vorlegen. „Dabei wird nur ein negativer PCR-Test anerkannt, der in Deutschland durchgeführt wurde, um auch eine mögliche Infizierung auf der Rückreise zu erkennen“, so Montag. Auch geltende Quarantänebestimmungen würden bei aus einem Risikogebiet zurückkehrenden Mitarbeitern umgesetzt. Montag weiter: „Trägt der Mitarbeiter selbstverschuldet die Verantwortung für die häusliche Quarantäne und kann kein entsprechend negativer PCR-Test vorgelegt werden“, dann müsse der Beschäftigte Urlaub nehmen oder Zeitguthaben abbauen. „Die Empfehlung, nicht in Risikogebiete zu reisen, hat auch für die Herbstferien Bestand“, betont Montag. Das Unternehmen werde die Mitarbeiter davor über die aktuellen Corona-Risikogebiete informieren.

Das Ditzinger Unternehmen Trumpf hat schon im Januar einen zentralen Corona-Krisenstab eingerichtet – „anfangs zur Unterstützung und zum Informationsaustausch mit unseren Kollegen in China“, sagt Sprecher Rainer Berghausen. Von Ende Februar an kamen Krisenstäbe an europäischen und großen internationalen Standorten hinzu – „unter anderem dadurch war es möglich, die Produktion aufrechtzuerhalten, Lieferkettenthemen zu managen und ein umfangreiches Krisen- und Gesundheitsmanagement aufzubauen.“ Schon damals sei geregelt worden, wie Dienstreisen mit dem Gesundheitsschutz der Mitarbeiter in Einklang gebracht werden können.

Die Trumpf-Reiserichtlinie in Coronazeiten ist unmissverständlich: „Private Reisen erfolgen stets auf eigenes Risiko“, betont Berghausen. „Touristische Reisen in Länder, für die das Auswärtige Amt beziehungsweise das RKI eine Reisewarnung ausgibt“ und von denen sowohl das Ministerium als auch die Behörde abraten, „erfolgen gegen den ausdrücklichen Wunsch von Trumpf“. Sei bereits vor Antritt der Reise eine Quarantänepflicht nach Rückkehr absehbar, so werde der Mitarbeiter für die Dauer der behördlichen Quarantäne unbezahlt freigestellt. „Wenn möglich, kann mit der Führungskraft stattdessen auch Urlaub oder Gleitzeitabbau vereinbart werden“, so der Sprecher des Spezialisten für Werkzeugmaschinenbau und Lasertechnik.

Reist ein Mitarbeiter wider besseren Wissens in ein Risikogebiet und müsse danach in Quarantäne, „muss er mit negativen Konsequenzen rechnen“, sagt auch Sylvia Rall, geschäftsführende Gesellschafterin des Marbacher Spannmittelherstellers Hainbuch. Welche Konsequenzen das genau sein werden, werde im konkreten Fall entschieden – unter den aus einem Risikogebiet zurückgekehrten Mitarbeitern habe es noch keine positiv Getesteten gegeben, sagte Rall am Mittwoch dieser Woche. Bei einem negativen Coronatest dürfe der Rückkehrer wieder ins Unternehmen.

Das Unternehmen vertraue auf die Informationen und Empfehlungen von Auswärtigem Amt und RKI. Der Maßnahmenkatalog, der auf dieser Basis erstellt worden sei, werde ständig überprüft. Rall: „Wir empfehlen unseren Mitarbeitern dringend, sich vorab zu informieren und auf eine Reise in ein Risikogebiet zu verzichten. Abgesehen davon vertrauen wir auf das Verantwortungsbewusstsein und die Vernunft der Mitarbeiter, sich selbst und das eigene Umfeld zu schützen.“

Zusatzartikel:

Bei Unterhaltungen, auch wenn sie nur kurz sind, beim Kaffeeautomaten, beim Durchqueren der Fertigung, in Pausen – überall dort und in anderen Bereichen des Marbacher Unternehmens Hainbuch gilt in der Coronakrise die Pflicht, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Nur am eigenen Arbeitsplatz und in Besprechungsräumen gebe es diese Pflicht nicht, wenn dort mindestens eineinhalb Meter zu anderen Menschen eingehalten werden können, wie die geschäftsführende Gesellschafterin Sylvia Rall sagt. „Wir wissen, dass die Maskenpflicht eine Beeinträchtigung des persönlichen Wohlbefindens darstellen kann, sind aber der Meinung, dass dies in Kauf genommen werden kann, wenn dadurch ein größerer Corona-Ausbruch im Unternehmen verhindert werden kann.“

Bei Trumpf in Ditzingen gilt laut Sprecher Rainer Berghausen seit 20. April Maskenpflicht, „wenn man sich in geschlossenen Räumen bewegt“, und dort, wo der Mindestabstand von eineinhalb Metern nicht eingehalten werden kann. Im Freien und am Büro-Arbeitsplatz müsse nur dann eine Maske getragen werden, wenn man sich zu nahe kommt oder zu nahe kommen muss – „zum Beispiel, wenn man gemeinsam auf einem Bildschirm eine Präsentation durchschaut“.

Auch Mann+Hummel in Ludwigsburg, Bosch in Gerlingen und W&W (Wüstenrot & Württembergische) in Ludwigsburg schreiben eine Maskenpflicht etwa überall dort vor, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Unter den Mitarbeitern von Mann+Hummel erfahre das Tragen des Mund- und Nasenschutzes „eine große Akzeptanz“, sie empfänden Masken als „nützlich und wertvoll“ und trügen sie etwa durchgängig auf dem Weg in die Kantine, sagt Sprecherin Laura Montag. Der Filterspezialist beziehe seine Masken großteils aus der eigenen Herstellung im Werk im chinesischen Kunshan.

W&W schützt seine Mitarbeiter laut Sprecher Immo Dehnert auch so, dass die einen im Büro, die anderen zeitgleich von zu Hause aus arbeiten. Der Bosch-Konzern hat Dienstreisen laut Sprecher Simon Schmitt „weiter auf ein Mindestmaß beschränkt. Wir setzen verstärkt auf virtuellen Austausch.“ (wd)

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