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Zweiter Frühling für die Akten

Wartet auf Kundschaft: Andrea Maurer an ihrer Box. Foto: Holm Wolschendorf
Wartet auf Kundschaft: Andrea Maurer an ihrer Box. Foto: Holm Wolschendorf
Die Aktionskünstlerin Andrea Maurer sammelt vor dem LiMo Buchstabenmaterial

Marbach. Fast könnte man es eine Art Kummerkasten nennen, was Andrea Maurer da vor ihrer Holzhütte unter dem Vordach des Literaturmuseums der Moderne (LiMo) aufgebaut hat. Ob Bußgeldbescheid, Post vom Finanzamt, Kündigung oder schlicht ein fieser Brief: Jeder kann dort ein Schriftstück einwerfen, das eher unerfreulicher Natur ist – weil es von außen ins Private hineinreicht. Dann schaut die österreichische Aktionskünstlerin, Jahrgang 1978, was sie mit den Buchstabenkolonnen anstellen kann, indem sie die einzelnen Lettern mit dem feinen Cutter ausschneidet und völlig neu arrangiert. „Ich überlege kurz, was sich anbietet, und mache das dann“, erklärt sie. „Das Ergebnis ist auch für mich meist überraschend.“

Anlässlich des aktuellen Festivals „Unter Beobachtung“ der Kulturregion Stuttgart, das bis 18. Oktober in insgesamt 21 Kommunen – darunter sieben im Kreis Ludwigsburg – stattfindet, zeigt sie seit Donnerstag ihre Performance „Wir stehlen uns die Wörter zurück und bauen unser eigenes Haus“ auf der Marbacher Schillerhöhe. Als „poetischen Service“ bezeichnet Maurer ihren Dienst am Bürger augenzwinkernd. Aus etwas Schlechtem wird etwas Gutes. Was anonym eingeworfen wird, wird Teil einer Gesamtinstallation, alternativ kann man aber auch eine Bestellung aufgeben und das Ergebnis am darauffolgenden Tag abholen.

Passend zum Festival-Motto bewege auch sie Frage, wo die Grenze zwischen Öffentlichem und Intimem verlaufe, sagt Anrea Maurer. Einerseits bewege und berühre Sprache innerlich, andererseits entstehe durch sie ein öffentlicher Kommunikationsraum. So bilden sich in Textdokumenten auch die Nöte und Probleme der jeweiligen Zeit ab. Nicht ganz zufällig sind am ersten Tag bereits mehrere Plakate mit Hygienevorschriften hinsichtlich der Pandemie in die Box geworfen worden. „Corona gibt dem Ganzen nochmal einen ganz neuen Dreh“, findet die Künstlerin. Apropos Corona: Da die Kunstaktion bereits vor der Krise im Freien geplant war, kann sie – abgesehen von manch einer Veranstaltung im LiMo – auch unter den aktuellen Bedingungen stattfinden. Andrea Maurer jedenfalls erfreut sich an der Aussicht. „Sehr, sehr schön, hier arbeiten zu dürfen“, sei es, und die Schillerhöhe generell „ein inspirierender Ort“.

Damit ihr nicht doch vielleicht mal das Material oder die Ideen ausgehen, hat sie das mögliche Material übrigens noch erweitert. Da auch Gegenständen Bezeichnungen innewohnen, können auch diese vorbeigebracht werden – verwendbar sind sie danach sicherlich nicht mehr. „Tische zerlegen ist ein großes Vergnügen“, erklärt sie und lächelt. Ihre Installation wächst und wuchert in den kommenden Tagen wie mancher Inhalt eines Bücherregals. Auch das passt zur Schillerhöhe mit seinem riesigen Archiv, in dem man das Problem traditionell kennt.

Info: Andrea Maurer ist noch bis zum 10.Oktober täglich von 10 bis 17 Uhr vor dem LiMo anzutreffen. Infos: www.kulturregion-stuttgart.de.