Ludwigsburg | 01. Oktober 2013

Das Pseudonym schützt die Privatsphäre

Für Tätowierer sind Beruf und Freizeit oft nicht ganz abgegrenzt. Doch sein Beruf ist eben auch Berufung, lässt unser Querdenker Roman Melon durchblicken.

Ein Versicherungskaufmann wird Tätowierer: Roman Melon.
Ein Versicherungskaufmann wird Tätowierer: Roman Melon.
Foto: Greta Gramberg

Die Tätowierer in Hollywoodfilmen sind meistens ziemlich furchteinflößende Typen: Breite Arme, schwarz gekleidet, gepierct und viele Totenköpfe auf der Haut, im Hintergrund läuft Rockmusik. Roman Melon hat all das. Aber im Gespräch mit ihm ist nichts fürchterlich, viel mehr wirkt er vertrauenswürdig. Der 26-Jährige verrät auch, dass ein Faible für Rockmusik kein Zwang in der Szene ist, auch wenn er selbst auf Metal steht: „Ich kenne einen Tätowierer, der Volksmusik hört.“ Vielleicht ist er auch deswegen so gefragt: Es ist ein Glück, einen Interviewtermin mit ihm zu bekommen, denn er ist bis weit ins nächste Jahr hinein ausgebucht: Zehn bis 14 Stunden täglich sticht er seinen Angaben nach Tattoos, bei der Melon Crew in Ludwigsburg oder manchmal auch auf Conventions.

Ob bei so viel Arbeit nur der Beruf die Person ausmacht? „Mich persönlich sicherlich nicht. Aber wenn man sieht, wie viel Freizeit ich habe, bleibt nicht viel“, sagt da der 26-jährige Workaholic. Es komme darauf an, wie ernst man es mit der Tattookunst nehme. „Vier Stunden am Tag reichen meiner Meinung nach nicht aus, um gut zu werden“, sagt Roman. Diese Ansicht steht wohl für sein Wesen. Denn wenn man den 26-Jährigen nach seinen Eigenschaften fragt, dann zählt er neben seiner pflegeleichten Frisur und der umgänglichen Art mit Nachdruck einen Drang zur Perfektion auf. Mit keiner seiner Tätowierungen sei er voll zufrieden – andererseits gebe es aber auch nichts, wofür er sich schäme.

Auch nicht für seine erste Tätowierung. Erstes Versuchskaninchen im Jahre 2008 war sein Chef. „Die ersten fünf Minuten lang spürte ich nur pure Aufregung.“ Doch danach sei man nur noch damit beschäftigt, Linien zu ziehen und die Farbe in die Haut zu bringen. Das Ergebnis sei nicht perfekt, aber für das erste Werk habe es sich sehen lassen können.

Seine erste eigene Tätowierung hat sich Roman Melon im Alter von 19 Jahren stechen lassen – nicht sichtbar, weil er damals noch Versicherungskaufmann war. „Wenn der Wecker morgens geklingelt hat, dachte ich: Oh nein. Jetzt denke ich: Das ist so früh. Aber ich freue mich auf die Arbeit.“ Schließlich hat Roman einen abwechslungsreichen Arbeitstag. „Wenn man eine Weile als Tätowierer gearbeitet hat, kann einen nichts mehr erschrecken.“ Ob es darum geht, das Spiderschwein der Simpsons zu tätowieren, oder darum, dass ein Kriminalpolizist aus Reflex aus dem Nähkästchen plaudert – „man kriegt die unmöglichsten Dinge mit und muss tolerant sein“.

Wer tätowiert, wird sehr oft auf der Straße angesprochen, zum Small Talk halten aber auch, um über Tattoos zu beraten oder Termine auszumachen. Es sei gut, wenn einen die Leute kennen, meint Roman Melon. Aber Privatsphäre und Abstand vom Beruf sind eben auch nicht schlecht. Deswegen verrät der 26-Jährige nicht, wie er wirklich heißt: Roman Melon ist ein Pseudonym.

Unter diesem ist er gerade dabei, sich in der Szene einen Namen in Sachen Porträts zu machen. Kein einfaches Metier. „Ein Porträt sieht entweder gut oder scheiße aus“, sagt Roman. „Für mich ist das eine Herausforderung.“ Sein Ziel ist, so gut zu werden, wie es geht und ein so fester Bestandteil der Szene zu werden, dass man in einem Bericht über deutsche Tattookünstler nicht an ihm vorbeikommt. So wie sein großes Vorbild Andy Engel sein. Von dem stammt eines seiner Lieblingstattoos: Ein Motiv aus dem Film „Das Schweigen der Lämmer“ auf dem Unterarm.

Greta Gramberg
Weitere Artikel aus diesem Ressort

kontakt

Anzeige