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Kontrollflüge

110.000 Volt in zehn Meter Abstand

Eine Woche lang begutachtet die Süwag-Netztochter Syna die Freileitungen des Hochspannungsnetzes vom Hubschrauber aus. Im südlichen Netzgebiet werden 325 Leitungskilometer mit 1300 Masten abgeflogen. Diese Woche fand die Kontrolle aus der Vogelperspektive von Pleidelsheim aus statt.

Bernd Stöhr wirft einen prüfenden Blick auf den Hochspannungsmast. Die Leitungen stehen voll unter Strom. Fotos: Andreas Essig
Bernd Stöhr wirft einen prüfenden Blick auf den Hochspannungsmast. Die Leitungen stehen voll unter Strom. Foto: Andreas Essig
Nur wenige Meter trennen den Hubschrauber von der Stromleitung.
Nur wenige Meter trennen den Hubschrauber von der Stromleitung.
Ein Vogel hat es sich hier bequem gemacht.
Ein Vogel hat es sich hier bequem gemacht.

PLEIDELSHEIM. Anschnallen und Kopfhörer aufsetzen, dann starten auch schon die Motoren und Rotoren. Pilot Marc Fischer prüft die Instrumente, und wenig später hebt der Hubschrauber AS 350 beim Umspannwerk auf dem Süwag-Gelände ab. Es bietet sich ein toller Blick aus der Vogelperspektive auf das Wasserkraftwerk und die Kleiningersheimer Mühle am gegenüberliegenden Neckarufer. Doch Bernd Stöhr, der links neben dem Piloten sitzt, hat keine Zeit, die Blicke über die Landschaft schweifen zu lassen und die Aussicht zu genießen. Der Leiter des Syna Serviceteams Hochspannung kontrolliert vom Hubschrauber aus die Freileitungen – eine routinemäßige Kontrolle, die die Süwag-Netztochter Syna in dieser Woche in ihrem südlichen Netzgebiet durchführt. Bernd Stöhr und Marc Fischer von der Meravo-Luftreederei sind ein eingespieltes Team. Allein 2000 Stunden Leitungsflüge kann der Pilot aufweisen. Das ist für die mitfliegende Reporterin eine beruhigende Auskunft, schließlich werden die 110.000-Volt-Leitungen während der Kontrollflüge nicht abgeschaltet. Sie stehen voll unter Strom.

Vogelnest auf Traverse drei

Mit einem Abstand von fünf bis zehn Metern zum äußeren Seil fliegt Fischer mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Stundenkilometern entlang der Trasse. „Da ist ein Vogelnest auf Traverse drei des neunten Mastes“, macht Bernd Stöhr auf eine Vogelfamilie aufmerksam. Da das Nest ordentlich auf dem Ausleger liegt und keine störenden Zweige herunterhängen, besteht keine Dringlichkeit, es zu entfernen.

Wesentlich mehr Probleme mit Nestern gebe es im Rhein-Main-Gebiet, sagt Stöhr. Dort nisten viele Störche mit Vorliebe auf den Masten. Und die Versuche der Syna, die Nester auf alte Holzmasten umzusiedeln, sind nicht immer von Erfolg gekrönt. Offenbar sind die Störche in dieser Gegend echte Technikfreaks, die Metall und das buchstäblich elektrisierende Umfeld bevorzugen.

Normalerweise wird der Prüfer von einem Kollegen begleitet, der die Mängel mit Prioritätenstufen eins bis drei sowie die sofort zu behebenden Störungen notiert. Doch weil die hinteren Plätze des Hubschraubers bei diesem Flug von den Pressevertretern besetzt sind, führt er selbst die Mängelliste. Meter für Meter wird die Trasse abgeflogen, Bernd Stöhrs Blick ist auf die Leitungen konzentriert. Seit 37 Jahren arbeitet er in dem Unternehmen, die Flugbeobachtung führt er seit 20 Jahren durch. Gebrochene Rippen an den Isolatoren, aus den Leiterseilen tretende Fasern oder Abplatzungen an den Traversen: Seinen scharfen Augen entgeht nichts. Das erfordert nicht nur höchste Konzentration, sondern ist auch sehr anstrengend für die Augen. Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden dauert in der Regel ein Flug, dann muss der Netzexperte seine Augen eine Weile entspannen, bevor er wieder abhebt.

Bei diesem Flug ist der Himmel bewölkt und durch die Tür, die für den Fotografen offengelassen wurde, kommt angenehm frische Luft in den Hubschrauber. Das sei an den Vortagen mit Temperaturen über 30 Grad anders gewesen, erzählt Bernd Stöhr von schweißtreibenden Flügen. Denn über eine Klimaanlage verfügt der Hubschrauber nicht und durch die Fenster kommt bei hohen Temperaturen auch nur heiße Luft.

Der Flug nähert sich dem Ende. Jetzt landet der Pilot sanft auf einem winzig wirkenden Wiesenstück zwischen Bäumen, ohne auch nur einen einzigen Ast abzurasieren. Bernd Stöhr hatte bei diesem Flug fast nichts zu beanstanden. Auch auf den Routen in der ersten Wochenhälfte hielten sich die Schäden in Grenzen. „Das beweist, wie gut unser Netz gewartet ist. Das gewährleistet eine hohe Versorgungszuverlässigkeit“, zeigt sich Marcus Heckler, Pressesprecher der Süwag, sehr zufrieden. „Die Hubschrauberflüge sind dennoch gerechtfertigt, da mögliche Schäden aus der Vogelperspektive besser entdeckt werden.“ Die Netzkontrolle aus der Luft erfolgt im jährlichen Wechsel mit der Begehung am Boden. Dritter Baustein ist die Intensivkotrolle mit Besteigung der Masten, die alle fünf bis zehn Jahre vorgenommen wird. Das jedoch ohne Pressebegleitung.

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