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Gericht

Abiturient mit mehr als 200 Sachen gemessen

Ein 18 Jahre alter Abiturient aus Gerlingen muss sich seit gestern vor dem Amtsgericht in Ludwigsburg verantworten – er war im vergangenen Herbst mit 226 km/h auf der Autobahn unterwegs, wurde gemessen und lieferte sich ein Verfolgungsrennen mit der Polizei.

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Gerlingen. Es ist der 14. Oktober 2017 um ein Uhr nachts auf der Autobahn 8 zwischen Leonberg und Rutesheim. Ein 18 Jahre alter Schüler sitzt am Steuer eines Autos, das seinen Eltern gehört, und beschleunigt auf fast 230 Stundenkilometer, als sich die Polizei an seine Fersen heftet. Er übersieht ein Tempo-120-Schild und denkt gar nicht daran anzuhalten. Erst in Warmbronn endet die wilde Fahrt, weil der Schüler dort ein Verkehrsschild beschädigt.

Seit Donnerstag steht der Gerlinger Abiturient nun vor dem Amtsgericht, das ein Strafverfahren wegen eines verbotenen Rennens und unerlaubten Entfernens vom Unfallort eröffnet hat. Für ein Urteil reichte es gestern allerdings noch nicht, denn der Angeklagte wollte seine Mitfahrer nicht benennen, die am 14. Oktober mit ihm unterwegs waren.

Einen Rüffel gab es auch für die Polizei. Sie hatte die Personalien der Mitfahrer wohl nicht festgestellt und muss nun auf Geheiß des Richters Ulf Hiestermann nachermitteln. Er will genau wissen, was in diesem Wagen vorgegangen ist, der nach Angaben des Herstellers eigentlich nicht schneller als 205 km/h werden durfte. Der Führerschein des Angeklagten ist übrigens seit Februar in amtlicher Verwahrung. Er hatte ihn mit 17 erhalten.

Der Verteidiger des Angeklagten erklärte, sein Mandant sei zunächst von Heimsheim in Richtung Leonberg gefahren. „Vor der Ausfahrt Leonberg-West gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung.“ Der junge Fahrer hätte sich „keine Gedanken gemacht“ und das nächste 120er-Schild einfach übersehen. Die Stelle dort sei auch „etwas abschüssig“ – und der Fahranfänger hätte sich überschätzt.

Offenbar schaute der Schüler erst wieder auf den Tachometer, als er ein Blaulicht hinter sich sah. Darauf hätte der 18-Jährige vor lauter Angst panisch reagiert. Außerdem fuhr wohl die Angst mit, dass seine Eltern ihm das Fahrzeug nicht mehr überlassen würden.

Gebeichtet hat der junge Verkehrssünder die Tat zu Hause. In der nächsten Nacht lief er gegen 3 Uhr mit seinem Vater wieder an der Autobahn herum, um das beschädigte Verkehrsschild heimlich zu reparieren. Das fiel zufällig einer Streife auf, die nach den Angaben einer Polizeibeamtin in dieser Gegend normalerweise kaum unterwegs ist. Die Beamtin vom Revier Leonberg fand Vater und Sohn am sogenannten Warmbronner Ohr schraubenderweise vor. Das mutete ihr seltsam an und sie fragte, was das solle. Der Vater sagte aus, er hätte den Schaden an die Straßenmeisterei weitergemeldet, was stimmte. Denn auch die Behörde hatte sich nach der Schadensmeldung das Schild angeschaut, an dem der junge Fahranfänger, dem mehr als 150 Pferdestärken zur Verfügung standen, endlich langsamer wurde.

Der Richter Hiestermann nahm den jungen Raser am Donnerstag gründlich ins Gebet und fragte ihn, was er eigentlich gemacht hätte, wenn ein entgegenkommender Autofahrer nicht an ihm vorbeigekommen wäre oder ein Hindernis auf der Fahrbahn gelegen hätte. Und was er gemacht hätte, wenn durch sein falsches Verhalten jemand zu Tode gekommen wäre.

Den Prozess nun verschieben, bis der Angeklagte sein Abitur abgelegt hat, will der Jugendrichter nicht. Aber er versucht, die Abi-Prüfungen möglichst nicht zu beeinträchtigen. Ein Termin zur Fortsetzung der Verhandlung wird jetzt von Amts wegen bestimmt.