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Bürgermeisterwechsel

Abschied von gut bestelltem Rathaus

Die Tage von Georg Brenner als Bürgermeister sind gezählt. Am 31. Januar wird er seinen Schreibtisch geräumt haben. Schon morgen, am Sonntag, wird er in der Stadthalle verabschiedet. 400 Gäste haben sich angesagt. „Es waren sehr ereignis- reiche Jahre“, blickt er zurück.

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Gerlingen. „Es ist Zeit, das Ruder in jüngere Hände zu geben.“ Er gehe, bevor er 2022 altershalber gegangen worden wäre, so der Diplom-Verwaltungswirt – 20 Jahre und vier Monate war der 65-Jährige im Amt und hört jetzt zur Hälfte seiner dritten Amtszeit auf. Den Ruhestand wolle er wie alle anderen Arbeitnehmer genießen, mehr Zeit mit seiner Frau und seinen drei Enkeln verbringen, wandern und radfahren. Georg Brenner kündigt an: „Ich bleibe in Gerlingen wohnen, werde mich aber vollständig aus der Kommunalpolitik zurückziehen.“

Die Schuhe von Albrecht Sellner, die Brenner 1999 von seinem Vorgänger übernahm, waren groß. Aber seine Ziele waren ehrgeizig. Er hörte auf die Bürger und nahm den Auftrag an, den Flächenfraß für den Wohnungsbau zu beenden. Statt der Ausweisung immer neuer, größerer Baugebiete wurde nachverdichtet, Landschaft sollte erhalten werden. Das zahlt sich bis heute aus: Drei Viertel der 1600 Hektar großen Markung ist grün, die Stadt ist die forstreichste Kommune im ganzen Kreis.

Am Herzen lag ihm insbesondere eine vitale Innenstadt. Zahllose Gespräche führte er mit den Lebensmittelhändlern, damit die nicht zum Supermarkt auf die grüne Wiese zogen, die City dadurch ausgeblutet wäre. Eine echte Stadtmitte wollte Brenner. Mit buntem Angebot aus Nahversorgung, Einkaufsmöglichkeiten, Dienstleistung und Gastronomie mit kurzen, barrierefreien Wegen. Erst wenige Wochen im Amt, gab es schon die erste Kampfabstimmung im Gemeinderat. Es ging um die Entfernung des Straßenpflasters beim alten Rathaus. Mit knapper Mehrheit setzte sich der rot eingefärbte Asphalt durch. Gelb dagegen waren die Steine, mit denen die Blumenbeete der Stadt abgedeckt wurden. Die Weltwirtschaftskrise hatte 2008 auch Gerlingen mit voller Breitseite erwischt. Es musste an allen Ecken und Enden gespart werden. Heute steht Gerlingen besser da denn je. 80 Millionen Euro sind im Sparstrumpf.

In den 20 Jahren seiner Amtszeit wurde rund eine Viertel Milliarde Euro investiert, in Kinderbetreuung, Schulsanierung sowie in den Bau von Sporthallen, das Träuble-Areal und die Neugestaltung des Rathausplatzes. Wobei Brenner stolz ist, dass er durch seinen Einfluss einige historische Gebäude vor dem Abriss gerettet wurden.

Der scheidende Bürgermeister gilt als sehr bürgernah. Die Beteiligung der Einwohner war ihm immer wichtig. „Sie sind der Seismograf gesellschaftlicher Entwicklungen“, rät er seinem Nachfolger Dirk Oestringer, sich diese Aufgeschlossenheit zu bewahren. In seiner Zeit ist Gerlingen um 1000 Einwohner bis an die Schwelle zur Großen Kreisstadt gewachsen. Nur noch 188 fehlen bis zu den magischen 20.000.

Auch stürmische Zeiten erlebt

Es war aber nicht alles eitel Sonnenschein. Sturm Lothar legte im Jahr seiner Wahl große Flächen an Baumbestand binnen weniger Minuten um, elf Jahre danach flutet Hochwasser das Rathaus. „Ohne Telefonanlage und Computer wurden wir in die Steinzeit zurückgeworfen. Kunstdepot und Archiv waren schwer getroffen.“

Den schwärzesten Tag seiner Karriere erlebte Brenner Anfang 2000. Bei einem Corso mit historischen Rennwagen durch die Innenstadt kam es zu einem schweren Unfall. Ein Fahrer verlor die Kontrolle über sein Auto und raste in eine Zuschauergruppe. 13 Menschen wurden teils schwer verletzt. Das Erlebnis hängt Brenner heute noch nach. „In dieser Nacht habe ich aus Sorge um die Leben kein Auge zugetan.“ Und er musste erfahren, wie grausam es sein kann, Bürgermeister zu sein. „Da stehst du dann plötzlich einsam und verlassen da und alle wenden sich ab.“ Kurz vorher hätten Tausende noch gejubelt.

Auch wenn Brenner parteiloser Verwaltungsmann ist, versteht er sich als politischer Mensch. Mit der Ablehnung des Offizierskreuzes des ungarischen Verdienstordens sorgte er bundesweit für Furore. Damit protestierte er gegen die undemokratischen und rassistischen Tendenzen der Regierung Orban. „Es gibt Situationen, da muss man auch als Kommunalpolitiker klare Grenzen ziehen“, sagt Brenner. Ansonsten schätzt er die Begegnungen mit den Partnerstädten sehr. Überhaupt ist Brenner ein umgänglicher, kommunikativer Mensch, der hofft, auch als Rentner viele Kontakte weiter pflegen zu dürfen. „Informell und apolitisch.“

Zum Abschied des „alten Hasen“ wird es aber noch eine Premiere geben: Georg Brenner wird mit einem „Solaris“ den ersten weißen Jahrgang vom städtischen Wengert mit 300 Quadratmeter spendieren. Der hat immerhin 100 Flaschen abgeworfen, mit denen angestoßen wird.

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