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Flüchtlinge
Altes Marbacher Krankenhaus ein „Glücksfall“ für den Landkreis Ludwigsburg

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Der Eingang befindet sich im hinteren Teil des Gebäudes, die Krankenhausbetten wurden durch Stockbetten ersetzt, die Stühle für den Essraum aber wieder verwendet, Trockner und Waschmaschinen wurden neu gekauft (im Uhrzeigersinn). Fotos: Holm Wolschen
Der Eingang befindet sich im hinteren Teil des Gebäudes, die Krankenhausbetten wurden durch Stockbetten ersetzt, die Stühle für den Essraum aber wieder verwendet, Trockner und Waschmaschinen wurden neu gekauft (im Uhrzeigersinn). Fotos: Holm Wolschen
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Es steht alles bereit: Die Hochbetten sind aufgestellt, die Matratzen müssen nur noch ausgepackt werden, ebenso das Bettzeug auf den Betten. 100 geflüchtete Menschen könnten sofort im Krankenhaus Marbach aufgenommen werden. „So eine Immobilie wie das Krankenhaus ist natürlich ein Glücksfall“, sagt Matthias Rockstroh, der beim Landratsamt Ludwigsburg zuständig ist für die Unterbringung von Flüchtlingen.

Marbach. „Man kann es relativ schnell nutzen und muss baulich nicht so viel ändern oder neu machen, wie zum Beispiel in einem Bürogebäude“, erklärt Rockstroh.

Als absehbar war, dass mit dem Ukraine-Krieg auch wieder vermehrt Flüchtlinge nach Deutschland kommen würden, machte sich der Landkreis auf die Suche nach möglichen Unterkünften, da die vorhandenen wahrscheinlich nicht ausreichen werden. Auf die Unterbringung in Hallen wie bei den großen Flüchtlingsströmen 2015/16 will der Landkreis nach Möglichkeit verzichten. Die Stadt Marbach brachte den leerstehenden Trakt des Marbacher Krankenhauses ins Spiel, das zuletzt für die Akutgeriatrie genutzt worden war, die Leitung der Kliniken GmbH gab ihr Okay.

Krankenbetten brauchen zu viel Platz

Es handelt sich um den älteren Teil des Gebäudes, das untere Stockwerk wurde irgendwann saniert, weiß Hausmeister Gernot Händle, das obere ist etwas älter. Dennoch musste man keine größeren Renovierungen angehen. Alle Zimmer verfügen über die aus Krankenhäusern bekannten Einbauschränke, die Nachttische können nun als Tisch genutzt werden. Einzig die Krankenbetten mussten weichen. „Da hängt zu viel Elektrik dran und außerdem brauchen sie zu viel Platz“, so Rockstroh. Statt zwei Schlafplätzen gibt es so vier, jeweils zwei Zimmer teilen sich ein Bad. Bei Bedarf können noch Kinderbetten in die Zimmer gestellt werden; sie sind in einem Lagerraum vorbereitet. „Wir wissen ja nicht, in welchen Konstellationen die Flüchtlinge kommen“, so Rockstroh. Außerdem gibt es noch die großen Badezimmer, die von allen genutzt werden können. Die Geräteräume wurden mit Waschmaschinen und Trocknern ausgerüstet. Auch die alten Teeküchen dürfen genutzt werden, es soll allerdings nicht gekocht werden, was für viele Flüchtlinge sicherlich nicht einfach sei, weiß Rockstroh. „Sie kochen natürlich gerne nach ihrer Art“, sagt er. Um ein Chaos zu vermeiden, wird aber ein Caterer beauftragt, der das Essen anliefert. Für das gemeinsame Essen steht der große Aufenthaltsraum bereit, der mit vorhandenen Stühlen aus dem Krankenhaus möbliert ist. Natürlich können die Bewohner aber auch in ihrem Zimmer essen. Die Bilder in den Fluren blieben ebenfalls hängen, damit es etwas freundlicher wirkt und nicht ganz nach Krankenhaus aussieht. Von beiden Stockwerken aus hat man eine gigantische Aussicht auf die Altstadt, vom oberen natürlich noch etwas besser – was die etwas schlechtere Ausstattung mit älteren Böden, Türen und Vorhängen wettmacht.

Private Hilfsbereitschaft nach wie vor groß

Innerhalb von zwei Wochen war das Krankenhaus vorbereitet für die Aufnahme. Es mussten Schlösser ausgetauscht, noch einmal geputzt und vor allem der ganze Verpackungsmüll von den Betten wieder entsorgt werden. Noch ist nicht klar, wann und wie viele Flüchtlinge einziehen. „Viele kommen selbstständig nach Deutschland und kommen zum großen Teil bei Privatleuten an“, weiß Rockstroh. Die private Hilfsbereitschaft sei riesengroß, größer als damals bei den Flüchtlingen aus dem arabischen Raum, sagt er. „Die geflüchteten Menschen aus Syrien und Afrika wollen ja dauerhaft hierbleiben, die Menschen aus der Ukraine haben die Hoffnung, bald in ihre Heimat zurückzukehren.“

Dem Landkreis Ludwigsburg werden nur die Menschen zugeteilt, die in Berlin ankommen. Sie werden in der Landeserstaufnahmestelle registriert und dann verteilt, der Transport erfolgt meistens mit dem Bus.

Weniger Konfliktpotenzial befürchtet

50 Menschen könnten in einem ersten Schritt im Marbacher Krankenhaus auf einmal aufgenommen werden. „Wir müssen das auch logistisch stemmen“, so Rockstroh. Ein Sozialarbeiter soll die Menschen betreuen, wenn auch aus Personalmangel nicht jeden Tag. Rockstroh rechnet aber auch nicht mit einem so großen Konfliktpotenzial wie damals bei der Unterbringung von Hunderten Menschen auf engstem Raum in Turnhallen. „Im Moment handelt es sich ja hauptsächlich um Frauen mit Kindern und damals war die Beengtheit und die mangelnde Privatsphäre in den Hallen das Problem.“ Zudem werde man hier hauptsächlich Ukrainer unterbringen, wohingegen in den anderen 28 Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises mehrere Nationalitäten und Ethnien gemischt seien. Hier im Krankenhaus sei es eher möglich, etwas Privatsphäre zu gewährleisten. Die Frage der Belegung von Turnhallen stelle sich derzeit aber nicht – eben auch wegen der privaten Unterbringung. „Wir können es aber schwer abschätzen, wie viele kommen. Wir wissen nicht, wie lange der Krieg dauert und was an Zustrom kommt“, so Rockstroh.

Historie:

Die stationäre Versorgung von Patienten hat in Marbach eine lange Tradition: Das ehemalige Bezirkskrankenhaus wurde 1908 fertiggestellt und damals von König Wilhelm persönlich eingeweiht. Für die Verhältnisse Anfang des 20. Jahrhunderts war es ein modernes Hospital und mit 40 Betten fast dreimal größer als das alte Krankenhaus an der Wildermuthstraße. Zwei Diakonissen vom Verband der Stuttgarter Olga-Schwestern kümmerten sich um die Kranken.

Marbach setzte sich seinerzeit als Standort gegen Großbottwar durch. Zwei Faktoren waren dafür entscheidend: Marbach sollte bald an das Stromnetz angeschlossen werden und das Grundstück war in der Nähe des Bahnhofs gelegen – im Kriegsfall wäre das Krankenhaus für Transporte verletzter Soldaten schneller zu erreichen, so die Überlegung. Tatsächlich diente das Krankenhaus dann im Ersten und im Zweiten Weltkrieg als Lazarett. 1966 verfügte die Klinik über 110 Betten, aufgeteilt auf eine chirurgische Abteilung, eine HNO-Abteilung und eine geburtshilflich-gynäkologische Abteilung. Bis 1983 wurden hier Kinder geboren, seitdem gibt es keine „echten“ Marbacher mehr.