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Prozess

Ankläger fordern acht Jahre Gefängnis für Todesfahrt

Der Autofahrer, der nachts eine Fußgängergruppe erfasst hat und anschließend geflohen ist, soll nach dem Willen von Staatsanwaltschaft und Nebenklage auch wegen versuchten Mordes verurteilt werden.

Nur wenige Meter vor der Abzweigung nach Großsachsenheim, wo es dann Gehwege gegeben hätte, erfasst der Autofahrer die vierköpfige Fußgängergruppe, die auf dem Rückweg von einer Feier im Gewerbegebiet Holderbüschle war.Archivfoto: Alfred Drossel
Nur wenige Meter vor der Abzweigung nach Großsachsenheim, wo es dann Gehwege gegeben hätte, erfasst der Autofahrer die vierköpfige Fußgängergruppe, die auf dem Rückweg von einer Feier im Gewerbegebiet Holderbüschle war. Foto: Alfred Drossel

Sachsenheim/Heilbronn. „Aus drei Sekunden sollen acht Jahre werden?“ Der Schrecken über das, was da soeben im Heilbronner Landgericht gehört wurde, sitzt tief bei einem der Besucher. Drei Sekunden sollen es gewesen sein, die der Angeklagte nachts auf der Landesstraße bei Sachsenheim nicht nach vorne geschaut habe – weil er beim Rauchen nach dem Aschenbecher in seinem neuen Auto blickte. Die vier ortsfremden Fußgänger, die an jenem 12. Mai 2019 gegen zwei Uhr im Gänsemarsch auf dem Rückweg von einer Feier im Gewerbegebiet waren und rechts der weißen Linie liefen, sah er deshalb nicht. Er erfasste drei, ein 21-Jähriger wurde gegen eine der Frauen und einen Zaun geschleudert. Er war noch an der Unfallstelle tot, die drei anderen wurden schwer verletzt.

Doch davon will der 44-jährige Fahrer nichts mitbekommen haben. Er habe gedacht, eine Warnbake gestreift zu haben, so die von seiner Anwältin verlesene Begründung, warum er danach einfach weiterfuhr.

Die Staatsanwaltschaft glaubt ihm das nicht. Vielmehr habe er die Tat verdecken wollen, und sei nur deshalb später nochmals zurückgekehrt, um seinen abgerissenen Seitenspiegel zu suchen – den die Polizei für die Fahndung einem seltenen Fahrzeugtyp zuordnen konnte, nur deshalb habe er sich anderntags gestellt. Ein Mordmerkmal sei damit erfüllt. Sieben Jahre Haft wegen versuchten Mordes in zwei Fällen forderte die Staatsanwältin deshalb am Mittwochnachmittag, zudem zwei Jahre wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und unerlaubten Entfernens vom Unfallort, zusammengezogen acht Jahre. Das war auch die Mindeststrafe für die Vertreter der drei anderen Opfer sowie der Mutter des Getöteten – die sich so sehr eine Entschuldigung gewünscht habe.

Doch die kam erst zum Prozessauftakt Mitte Oktober. Und habe dann wie reiner Hohn geklungen, gab der Nebenkläger wider. Die Anwälte des Angeklagten hingegen verteidigten dessen Schweigen während des Prozesses, was viel mit seiner ruhigen Art zu tun habe. Und sie glaubten ihm, dass er lang nicht erkannte, was passiert war. Viele der Beweisanträge hätten seine nach anderen Zeugenaussagen angegriffene Glaubwürdigkeit stützen wollen – auch wenn deren Sinn mehrfach angezweifelt wurde und die Verzögerungen scharf kritisiert wurden. Auch am eigentlich letzten Prozesstag mussten weitere Zeugen aussagen, etwa ein Spezialist dazu, wie lange es für den Blick zum Aschenbecher braucht – doch je länger das sei, umso schlimmer sei das für den Angeklagten, hatte nicht nur der Richter hingewiesen. Drei Sekunden Blindflug bei 70 km/h, vielleicht sogar länger, das sei dann Vorsatz.

Nein, so die Verteidigerin am Abend, denn ihr Mandant habe nicht mit Fußgängern rechnen müssen. Zudem trügen auch sie eine Mitschuld, weil nur einer ganz vorn und ganz hinten die Handys als Taschenlampen absichernd schwenkten. Ihr Mandant, ein Familienvater, sei schon genug gestraft, Bewährung reiche aus; ähnlich argumentierte der zweite Verteidiger, forderte aber zudem Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung.

Das Urteil soll am 4. Januar fallen – deutlich später als geplant, drückten Gericht und Anklage immer wieder ihr Missfallen aus. Denn aus einem Abschluss nach vielleicht einem Jahr nach dem Unfall werden nun fast eindreiviertel.

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