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Portoerhöhung

„Armutszeugnis für diesen Konzern“

Langes Warten, fehlende Marken, unflexible Automaten: Firmenkundin über Post verärgert – Unternehmen reagiert auf Kritik

Seit 1. Juli kostet das Porto für einen Standardbrief nicht mehr 70, sondern 80 Cent. Deshalb gibt es eine große Nachfrage nach Zehn-Cent- Ergänzungsmarken. An dem Automaten rechts sind Vorrats-, also Sammelkäufe nur im Markenwert von beispielsweise
Seit 1. Juli kostet das Porto für einen Standardbrief nicht mehr 70, sondern 80 Cent. Deshalb gibt es eine große Nachfrage nach Zehn-Cent- Ergänzungsmarken. An dem Automaten rechts sind Vorrats-, also Sammelkäufe nur im Markenwert von beispielsweise 0,08 Cent, 0,70 Cent oder – nicht im Bild – 0,85 Cent möglich, nicht aber im Wert von 0,10 oder 0,80 Cent Foto: Patrick Pleul/dpa/privat
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Ludwigsburg. An einem Freitagvormittag geht die Mitarbeiterin eines Ludwigsburger Unternehmens in eine Postbank-Filiale. Vier Tage zuvor, am 1. Juli, hat die Deutsche Post die Portopreise erhöht. Seitdem kostet etwa ein Großbrief 1,55 statt 1,45 Euro, für einen Standardbrief zahlen Kunden nun zehn Cent mehr – 80 statt 70 Cent.

Weil es in ihrer Firma noch einen großen Altbestand an 70- und 1,45-Cent-Briefmarken gibt – etwa 200 Stück –, will die Mitarbeiterin (die namentlich nicht erwähnt werden will) an diesem Freitag Zehn-Cent-Ergänzungsmarken kaufen. In der Postbank-Filiale wartet sie zunächst eine halbe Stunde – mehrere Schalter sind nicht mit Mitarbeitern besetzt. Schon das ärgert die Kundin, weil sie in diesem Moment an die Worte der Post denkt, die auf ihrer Internetseite über die Portoerhöhung unter anderem geschrieben hatte: „Die Preismaßnahme ermöglicht wichtige Investitionen in eine moderne Infrastruktur und vor allem in fair bezahlte, gut qualifizierte Mitarbeiter.“ Die Kundin fragt sich, warum zu einer Stoßzeit an einem Werktag nicht mehr Schalter besetzt sind – und das in der Woche einer Portoerhöhung, in der ein großer Kundenandrang zu erwarten gewesen sei.

Nach 30 Minuten Warten hört die Firmenmitarbeiterin an einem der Schalter, dass es die von ihr benötigten Zehn-Cent-Marken nicht gibt, weder hier noch in anderen Filialen und auf absehbare Zeit nicht. Sie könne aber mit den einzelnen Briefen kommen und jeweils zehn Cent nachdrucken lassen, wird ihr gesagt. Die Kundin entgegnet: Wir sind eine Firma, haben täglich viele Briefe. Täglich zur Post gehen und warten, um ein paar Zehn-Cent-Marken ausdrucken zu lassen und dann centweise die Belege mit dem Arbeitgeber abrechnen – das koste zu viel Arbeitszeit und sei nicht praktikabel. Die Frau fragt, wie Firmen ihre großen Altbestände an 70-Cent-Marken aufbrauchen können. Die Post-Mitarbeiterin schlägt ihr vor, die Marken am Automaten herauszulassen, das spare auch Wartezeit am Schalter.

Also geht die Kundin zu dem Automaten, den sie als uralt bezeichnet. Auch hier erinnert sie sich an die Worte auf der Post-Internetseite: „...wichtige Investitionen in eine moderne Infrastruktur...“. An dem Automaten erfährt sie, dass Sammelkäufe nur möglich sind, indem sie für jede 10-Cent-Marke einzeln drückt. Sie benötigt aber mehr als 100 Stück. Sammelpakete gibt es nur in vorbestimmter Zusammensetzung – etwa fünf 0,08-Cent-Marken (von der letzten Reform 2016). Außerdem nimmt der Automat nur Münzen und gibt Wechselgeld in Form von Briefmarken heraus, deren Wert zudem nicht wählbar ist. Nach insgesamt einer Stunde ist die Firmenmitarbeiterin, die nicht weit entfernt von der Ludwigsburger Postbankfiliale arbeitet, wieder in ihrem Büro – „mit der mageren Ausbeute von 17 Marken aus dem Automaten im Wert von jeweils zehn Cent“.

So erzählt die Firmenmitarbeiterin von ihrem zeitraubenden und unbefriedigenden Filialbesuch, sie erinnert sich wieder an die Worte auf der Internetseite der Post: Die Portoerhöhung „ist notwendig, um auch zukünftig mit hoher Qualität flächendeckend eine postalische Versorgung in Deutschland sicherzustellen“.

Hohe Qualität sieht anders aus, denkt die Kundin nach dem Filialbesuch. Ihren Bericht beendet sie mit den Worten: „Das ist ein Armutszeugnis für einen großen Konzern wie die Post. Sie sollte doch aus früheren Portoerhöhungen gelernt haben. Und sie sollte wissen, wie viele Altmarken noch im Umlauf sind.“

Am Postschalter keine Ergänzungsmarken zu bekommen, weil sie nicht mehr vorrätig sind – das ist, wie eine Recherche ergibt und wie man von Geschäftsleuten und Privatpersonen hört, ein Problem, das seit der Preisänderung Anfang Juli öfter auftritt – nicht nur in Ludwigsburg, auch über den Landkreis hinaus. Aus Post-Kreisen ist zu hören, dass in den ersten Tagen nach der Portoerhöhung Hunderte und Tausende Zehn-Cent-Marken an Geschäftsleute ausgegeben wurden, etwa an Ärzte, Anwälte und Steuerberater, die vergleichsweise viel Post verschicken müssen. So sei der Vorrat schnell erschöpft gewesen.

„In der einen oder anderen Filiale kam es bei einzelnen Portowerten beziehungsweise Packungsgrößen zu Engpässen“, teilt Hugo Gimber von der Pressestelle Süd der Deutschen Post mit. In Filialen hätten „teilweise lediglich die selbstklebenden Postwertzeichen“ gefehlt, „während nassklebende vorrätig waren. Auch war nicht jede größere Bestellung von Geschäftskunden immer gleich machbar“, so Gimber. „Nur bei ganz wenigen der rund 3450 Verkaufsstellen in Baden-Württemberg waren vorübergehend nicht alle Portowerte vorrätig.“ Marken, die in einzelnen Filialen knapp geworden seien, „werden permanent nachgeliefert“, betont der Sprecher. Die „flächendeckende Belieferung der Filialen mit Ergänzungsmarken ist in aller Regel gut gelaufen“. Gimber weiter: „Die Deutsche Post hat den logistischen Kraftakt, innerhalb kurzer Zeit 940 Millionen Briefmarken drucken zu lassen und pünktlich zum 1. Juli an 26.000 Filialen und sonstige Ausgabestellen deutschlandweit auszuliefern, ziemlich gut gemeistert.“

Von Kunden mitunter geäußerte Vermutungen, dass die Post aus Profitgründen Zehn-Cent-Marken bewusst verknappe, damit Kunden gleich 80-Cent-Marken kaufen, bezeichnet Gimber als „blanken Unsinn“. Er könne sich nicht vorstellen, dass ein Kunde, „nur weil er vorübergehend keine Ergänzungsmarken erhält, seine alten 70-Cent-Marken wegwirft.“ Gimber: Unsere Briefmarken haben kein Verfallsdatum.“

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