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Schnelles Internet

Aufholjagd auf der Datenautobahn

Seit gut einem Jahr bauen die Region Stuttgart und die Telekom das Glasfasernetz massiv aus – Der Nachholbedarf ist groß

Arbeiter verlegen Glasfaserkabel: Bis Ende des Jahres bekommen knapp 50 000 Haushalte im Kreis und 100 000 in der Region neue Anschlüsse. Die Männer, die das schnelle Internet bringen sollen, heißen Hans-Jürgen Bahde von der Gigabitregion Stuttgart (
Arbeiter verlegen Glasfaserkabel: Bis Ende des Jahres bekommen knapp 50 000 Haushalte im Kreis und 100 000 in der Region neue Anschlüsse. Die Männer, die das schnelle Internet bringen sollen, heißen Hans-Jürgen Bahde von der Gigabitregion Stuttgart (links) und Viktor Kostic, Chef des Ludwigsburger Zweckverbandes Kreisbreitband. Foto: Holm Wolschendorf, Oliver Berg/dpa, GRS
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Kreis Ludwigsburg. Der Mann, der dem Kreis Ludwigsburg das schnelle Internet bringen soll, heißt Viktor Kostic – und eilt in diesen Tagen von Spatenstich zu Spatenstich. In der vergangenen Woche war Kostic im Remsecker Ortsteil Aldingen. Dort will die Telekom rund 100 Gewerbetreibende mit hohen Bandbreiten beglücken. Rund vier Kilometer Glasfaser müssen dafür verlegt und zwei neue Verteiler errichtet werden. „Glasfaser bis ins Haus ist Zukunftsvorsorge für jeden Unternehmer“, sagt Kostic, der Geschäftsführer des Ludwigsburger Zweckverbandes Kreisbreitband ist.

„Wir haben einen Ausbau-Marathon vor uns – und starten mit einem Sprint.“

Hans-Jürgen Bahde
Gigabitregion Stuttgart

Zuletzt war er auch in Steinheim und Gemmrigheim. Danach werden wohl das Schwieberdinger Gewerbegebiet und im Herbst Spatenstiche in Ditzingen, Gerlingen, Korntal-Münchingen und auf der Ottmarsheimer Höhe in Besigheim folgen. Das Ziel: schnelles Internet für 40000 bis 50000 Haushalte im Kreis. „Damit würden wir bis Jahresende an der Spitze in der Region liegen“, sagt Kostic unserer Zeitung.

Das klingt beeindruckend, zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Landkreis und die Region Stuttgart Nachholbedarf haben. Hierzulande existieren tatsächlich auch im Jahr 2020 noch weiße Flecken. Für Menschen und Unternehmer in den Teilorten von Sachsenheim, Vaihingen oder Markgröningen etwa ist es mitunter schwierig, Filme auf Netflix und Co. zu streamen oder große Datenpakete an Kunden und Lieferanten zu schicken. In der Gigabitliga der Regionen landete Stuttgart in der Vergangenheit auf dem letzten Platz. Baden-Württemberg gilt als das schlecht versorgteste Flächenbundesland. Das sagt Hans-Jürgen Bahde, Breitbandbeauftragter der Region und Chef der Gigabit GmbH, zu der auch der Ludwigsburger Zweckverband gehört. „Wir haben einen Ausbau-Marathon vor uns“, sagt Bahde unserer Zeitung. Den will er mit einem Sprint starten. Im ersten Jahr seien 25000 Haushalte und Gewerbegebiete mit neuen Anschlüssen versorgt worden. Macht 1200 Kilometer Glasfaser. Bis Jahresende sollen es trotz Corona 100000 sein. „Die Telekom ist überzeugt, dass das machbar ist“, sagt Bahde. Danach sollen jedes Jahr 80000 weitere Haushalte folgen.

Von Bahde und der Telekom wird erwartet, dass bis 2025 alle Schulen und Unternehmen in der Region schnell ins Internet kommen, bis 2030 sollen es 90 Prozent aller Haushalte sein. Dann würde die Region in der deutschen Gigabitliga in der ersten Tabellenhälfte mitspielen. „Wir wollen, dass möglichst viele Kommunen davon etwas zu spüren bekommen“, sagt Bahde.

Die Kooperation, die Region, Kommunen und Telekom eingegangen sind, ist auch finanziell aufwändig. Rund 1,1 Milliarden Euro will das Unternehmen investieren, rund 500 Millionen Euro die öffentliche Hand. Dass die Telekom mit im Boot ist, hat anfänglich für Irritationen gesorgt. Der Ex-Landrat Rainer Haas warf dem Konzern einst „Marktversagen“ vor, weil er sich weitgehend aus der Fläche verabschiedet hatte. Bahde nimmt die Telekom in Schutz. Sie habe die höchsten Investitionen aller Bewerber in Aussicht gestellt, die Ziele der Projektpartner anerkannt und versichert, Kunden anderer Anbieter nicht zu diskriminieren. „Mit den ersten Schritten sind wir zufrieden“, so Bahde. „Schnelles Internet durchdringt heute alle Lebensbereiche und gehört zur Daseinsvorsorge.“

Die Rolle des Turbos für die Digitalisierung hat ausgerechnet auch Covid-19 übernommen. Das Virus hat zudem Mängel in Schulen und Gesellschaft aufgedeckt. Vor der Pandemie etwa arbeiteten weniger als zehn Prozent der Menschen laut Bahde im Homeoffice, auf dem Höhepunkt der Pandemie waren es rund 35 Prozent. Ähnliche Zahlen gelten für Onlinesprechstunden bei Ärzten.

Das Kooperationsmodell zwischen der Telekom und der öffentlichen Hand, neudeutsch: Public Private Partnership (PPP), hat Bahde bereits der EU-Kommission in Brüssel präsentiert. Außerdem schielen wohl auch andere Regionen nach Stuttgart: Rhein-Main oder Heilbronn-Franken. „Die höchste Form der Anerkennung ist nun mal die Nachahmung“, sagt Bahde schmunzelnd. „Derzeit liegen diese beiden Regionen aber zwei bis drei Jahre hinter uns.“

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