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niklastorstraße

Autos müssen draußen bleiben

Sogar von einer „historischen Entscheidung“ war die Rede: Der Marbacher Gemeinderat hat mit großer Mehrheit die dauerhafte Sperrung der Niklastorstraße zwischen dem Rathaus und der Stadtkirche beschlossen. Das eröffnet auch neue Perspektiven für die anstehende Umgestaltung der Fußgängerzone in der Marktstraße.

Derzeit verhindert ein Baukran die Durchfahrt durch die Niklastorstraße. Wenn das neue Rathaus gebaut ist, wird die Straße bis zur Stadtkirche dauerhaft gesperrt.Foto: Holm Wolschendorf
Derzeit verhindert ein Baukran die Durchfahrt durch die Niklastorstraße. Wenn das neue Rathaus gebaut ist, wird die Straße bis zur Stadtkirche dauerhaft gesperrt. Foto: Holm Wolschendorf

marbach. Selten gibt es für eine kommunalpolitische Entscheidung eine so aussagekräftige Basis: Seit Mai vergangenen Jahres ist die Passage zwischen Rathaus und Stadtkirche für den Verkehr dicht, weil dort der Kran für die Baustelle Neues Rathaus steht. So ließ sich in den zurückliegenden Monaten in Echtzeit beobachten und mit einer Verkehrszählung belegen, was zu erwarten war: Der Durchgangsverkehr in der Altstadt ist durch die Sperrung des oberen Bereichs der Niklastorstraße massiv zurückgegangen – um 74 Prozent. Der Zustand vor und nach der Sperrung der Niklastorstraße ließ sich vergleichen, weil es sowohl im Juli 2018 als auch im Juli 2019 eine Verkehrszählung gegeben hatte.

Schon bei der Vorstellung der Zahlen im November hatte ein großer Teil der Stadträte Sympathie für die Schlussfolgerung des Verkehrsplaners gehegt, wonach die Sperrung der Niklastorstraße ein probates Mittel zur Verkehrsentlastung in der Altstadt sei. Insofern war der Beschluss am Donnerstagabend nicht überraschend; er war es auch nicht vor dem Hintergrund, dass in den vergangenen 30 Jahren das Thema immer mal wieder diskutiert wurde, „uns aber der Mut fehlte“, wie Jochen Biesinger (CDU) meinte.

Die Entscheidung stand freilich auch unter dem zeitlichen Druck, der durch die geplante Sanierung und Umgestaltung der Marktstraße entsteht (siehe dazu auch Text unten). Die Planer müssen wissen, ob sie den Bereich vor dem Rathaus als weitgehend autofreie Zone in ihre Überlegungen einbeziehen können oder nicht. Und weil sowohl Stadtverwaltung als auch Stadträte die Sorgen der Einzelhändler in diesem Bereich kennen, haben sie den Planern noch einige Hausaufgaben mit auf den Weg gegeben. So soll „in unmittelbarer Nähe des Rathauses“ eine Kurzpark- oder Ladezone eingerichtet werden. Das sei gerade für die Geschäfte zwischen Apotheke und Rathaus „von existenzieller Bedeutung“, so Michael Herzog (Freie Wähler). Bestandteil des Beschlusses ist auch der Auftrag an die Planer, zu untersuchen, ob in der Ludwigsburger Straße, also am westlichen Ende der Marktstraße, weitere Parkplätze geschaffen werden können. „Wir sollten durch flankierende Maßnahmen möglichst gute Bedingungen schaffen“, sagte Herzog, der sich den neu entstehenden Platz vor dem Rathaus als „schönen Treffpunkt“ vorstellen kann. Das sei die künftige gute Stube der Stadt „und da passen keine Autos rein“.

Diese Haltung teilte auch die CDU, für die Jochen Biesinger von den Planern Kreativität forderte, um zum einen Kurzzeitparkplätze einzurichten, zum anderen die Erreichbarkeit der Geschäfte in der Marktstraße zu gewährleisten. Richtig seien auch die Überlegungen der Verwaltung, die Eingangsbereiche zur Altstadt durch die Straßenraumgestaltung als verkehrsberuhigten Bereich kenntlich zu machen.

Alles andere als eine Zustimmung der Grünen und der Liste Puls wäre eine faustdicke Überraschung gewesen, fordern doch deren Vertreter schon seit Jahrzehnten eine Sperrung der Niklastorstraße. Sie können auch mit den Kurzzeitparkplätzen leben, die müssten dann aber auch entsprechend überwacht werden, so Jürgen Waser (Grüne). Der Überlegung von Ordnungsamtsleiter Andreas Seiberling, eventuell den Kelterplatz zur Kurzzeitparkzone zu machen, erteilte Waser eine Abfuhr: „Wir wollen den Kelterplatz künftig autofrei. Der Weg vom Parkhaus Grabenstraße in die Marktstraße ist zumutbar. Da muss man beim Breuningerland weitere Strecken zurücklegen.“ Der ehemalige Grünen- und jetzige Puls-Stadtrat Hendrik Lüdke zeigte sich überzeugt davon, dass „eine vom Durchgangsverkehr befreite Niklastorstraße eine Aufwertung der Innenstadt ist und die Verkehrssicherheit erhöht wird“.

Einzig Ernst Morlock (SPD) goss Wasser in den Wein der allgemeinen Begeisterung. Er glaube, dass die jüngste Verkehrszählung und die geplante Straßensperrung ein „verzerrtes Bild“ einer verkehrsberuhigten Altstadt zeigten. Zwar sei der Durchgangsverkehr tatsächlich stark zurückgegangen, aber statt 3550 Autos seien immer noch 3000 Autos täglich in der Altstadt unterwegs: „Der Löwenanteil davon ist Ziel- und Quellverkehr, und an dem können wir gar nichts ändern.“ Der SPD-Fraktionsvorsitzende, Mitglied der in der Marktstraße ansässigen Metzgerfamilie Morlock, sah zudem den Einzelhandel gefährdet: „Die Altstadt kann auf Kunden nicht verzichten.“ Die Mehrheit seiner Fraktion sah das anders: „Hier entsteht eine der wesentlichen Möglichkeiten der Stadtentwicklung, wir hoffen auf eine neue Blüte“, sagte Jürgen Schmiedel. Morlock und Peter Schick (Freie Wähler) stimmten gegen die Sperrung, drei Stadträte enthielten sich.

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